VG-Wort Pixel

Häusliche Gewalt Wenn aus der Traum-Ehe ein Albtraum voller Demütigung und Gewalt wird

Jasmin mit Regenschirm vor einem Wohnblock
© Carolin Windel
Sie dachte, er sei der Mann ihrer Träume, doch ihre Ehe wurde zum Albtraum voller Demütigung und Gewalt. Sie ist eine von viel zu vielen.
Von Andreas Albes

Er knallte das Geschirr in die Spüle. Wozu habe ich eigentlich geheiratet, wenn ich jetzt selber putzen muss? Jasmin wusste, dass es keine gute Idee gewesen war, ihn um Hilfe zu bitten. Aber die Zeit war knapp. In einer halben Stunde würden seine Brüder mit ihren Familien kommen. Er hatte bei ihr im Büro angerufen, damit sie früher zu Hause ist, aufräumt, das Essen kocht. Da ging auch schon der erste Teller zu Bruch. Männer putzen nicht! Sie bat ihn, sich nicht so aufzuregen, ihr keinen Stress zu machen: Wenn ich im Stress bin, bekomme ich keine Milch. Sie musste doch Dominik stillen. Er sagte: Rede nicht in diesem Ton mit mir, sonst verprügel ich dich. Sie entgegnete: Wenn du mich schlägst, gehe ich. Er feuerte einen Teller durch die Küche, drängte sie ins Schlafzimmer. Dann traf sie der Schlag. Sie weiß es noch genau. Rechte Hand, linke Wange. Die Wucht schleuderte sie aufs Bett. Er beugte sich über sie und bohrte ihr das Knie in den Bauch. Sie war im achten Monat schwanger. Da stand Dominik neben dem Bett und weinte. Ruslan ließ von ihr ab. Sei froh, dass dir dein Sohn zu Hilfe gekommen ist, schnaubte er. Nur Gott weiß, was ich sonst mit dir getan hätte.

Jasmin ist über ein Jahr in einem Frauenhaus in München untergetaucht und gerade dabei, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Unter einem Namen, der ebenso falsch ist wie Jasmin (Die Namen aller Mitglieder der Familie sind geändert). Alles andere wäre lebensgefährlich. Das kleine Apartment, das sie im Frauenhaus hinterlässt, ist schon der nächsten Frau versprochen. Denn die Warteliste ist lang, wie überall in Deutschland, nicht erst seit dem Anstieg häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten. Selbst in München, wo es drei Frauenhäuser gibt, von denen eines zu den größten Deutschlands gehört mit Platz für 45 Frauen und 60 Kinder.

Seit 2015 wurden in Deutschland jedes Jahr zwischen 120 und 160 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Frauenhäuser sind die sichersten Orte für bedrohte Frauen, die Zuflucht suchen. 353 solcher Einrichtungen gibt es in Deutschland. Sie werden von Wachdiensten geschützt und rund um die Uhr von Kameras observiert. Die Adressen sind geheim. Hinter den stählernen Eingangstüren befinden sich an jeder Ecke Alarmknöpfe für den Polizeinotruf.

Der enorme Bedarf zeigt, wie alltäglich die Bedrohung durch häusliche Gewalt in Deutschland ist. Deshalb unterstützt der stern die Aktion „Sicherheim“. Und deshalb ist Jasmin bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die auch Frauen passieren kann, die von sich denken: Mir? Niemals! Das, sagt Jasmin, hatte sie auch geglaubt.

Seelische Verletzungen

Der Tag, an dem Ruslans Ohrfeige sie aufs Bett schleuderte, war der erste, an dem er sie schlug. Aber es war längst nicht der erste, an dem er gewalttätig war. „Denn Gewalt, das ist mehr als Schläge“, sagt Lydia Dietrich, Leiterin der Münchner Frauenhilfe. „Gewalt, das sind ebenso seelische Verletzungen. Durch Worte, Unterdrückung, Kontrolle.“ Wie so viele andere betroffene Frauen sagt auch Jasmin: „Im Nachhinein betrachtet waren die Schläge nicht das Schlimmste.“

Der Tag damals ging damit weiter, dass Jasmin Dominik beruhigte, ihm die Flasche gab, dann Fleischpastete zube­reitete und schnell noch ins Badezimmer eilte, um den handtellergroßen blauen Fleck auf ihrer Wange unter einer dicken Schicht Make-up zu verstecken, bevor die Brüder mit ihren Familien vor der Tür standen. Als sich alle um den Tisch versammelt hatten, gab sich ihr Mann als charmanter Gastgeber. Darin war er immer gut. An diesem Tag, es war der 20. Januar 2017, schwor sich Jasmin, dass sie ihn verlassen werde. Doch es folgten noch anderthalb Jahre, zahllose Demütigungen und Verletzungen, bis sie endgültig den Mut aufbrachte.

Jasmin ist 38. Sie hat ein herzliches Lachen und zögert nicht lange, einen zu duzen. Geboren wurde sie in der Sowjetunion. Ihre Familie ist muslimisch, aber keine, in der Frauen genötigt würden, ein Kopftuch zu tragen; der Glaube ist ihr Wertegerüst. Nach der Schule drängte Jasmin ihre Eltern, nach Deutschland gehen zu dürfen. Sie arbeitete als Au-pair, begann ein Studium, Wirtschaftswissenschaften in Hannover. Dort lernte sie ihren ersten Freund kennen: Tim. Ein ganz Ruhiger. Vier Jahre waren sie zusammen. Sie gingen für ein Gastsemester nach Barcelona, er wollte am liebsten gleich weiter nach China. „Für Tim hätte das Leben ewig so weitergehen können“, sagt Jasmin. „Ein typischer Student, in allem tolerant.“ Tim war nicht wichtig, ob sie sich Strähnchen färben ließ, was sie anzog, mit wem sie ausging. Eine Familie gründen? Schon, meinte Tim, irgendwann.

„Für mich war das zu wenig“, sagt Jasmin. Und so trennten sie sich. Nach ihrem Examen konnte sie sich die Jobs aussuchen. Sie entschied sich für die Risikokreditabteilung einer Großbank in München, wurde bald befördert. Deutschland hatte ihr alles gegeben. Alles – bis auf einen Mann. Ihre Mutter orakelte bereits böse: „Eines Tages wirst du einsam sterben. Dann fressen dich die Ratten.“ Schlimmer noch war der Druck der übrigen Verwandtschaft. Jasmin war Vorbild für ihre Cousinen. Die wollten auch ins Ausland. Doch die Eltern sagten: Nein, sonst endet ihr auch als Jungfern.

Mann fürs Leben

Mit 32 stellte sie ihr Profil auf die Partnerschaftsplattform „Muslimlife“. Dort, so dachte sie, sei die Chance am größten, einen Mann zu finden, der Kinder will. Einen, der mehr so ist wie die Männer zu Hause. Einen, für den Familie das Wichtigste ist. Und natürlich wusste Jasmin: Für ihre Mutter wäre es das größte Geschenk, wenn sie einen Muslim heiratet. Sie gab an, dass sie dunkelhaarig ist und 47 Kilo wiegt. Dass sie kein Kopftuch trägt und ihre familiären Werte liberal sind. Es meldeten sich Dutzende Interessenten. Sie verlangte sofort ein Foto, denn sie wollte einen sportlichen Typ. Als ihr Ruslan schrieb, wusste sie: Der ist es. Er stammte aus dem Kosovo, lebte in Köln, war schlank, gepflegt, drückte sich kultiviert aus. Ruslan fand genau die Worte, die Jasmin bei Tim vermisst hatte.

Kopfschüttelnd sitzt sie in der Beratungsstelle der Münchner Frauenhilfe in ihrem hübschen Sommerkleid. „Ich war so naiv. Habe so viele Signale übersehen. Einmal meinte Ruslan: Frauen sind wie Stahl, du musst sie nur heiß machen, dann kannst du sie biegen. Genau das ist passiert. Ich war total verliebt.“ Sie trafen sich in München, hatten ein romantisches Dinner. Heute weiß Jasmin, dass ihr Ruslans Bemerkung damals, als sie den Kellner anlächelte, die erste Warnung hätte sein sollen. Na, fragte er, willst du den etwa auch kennenlernen? Sie lachte nur: Ich bin zu allen freundlich. Dann redete er wieder über die Zukunft, Familie, Kinder. Viele Kinder. Sie hing an seinen Lippen. Dieser Mann würde sie glücklich machen.

Jasmin vor einem Fenster
Jasmin ließ sich fotografieren – aber so, dass man sie nicht erkennt. Und vor Kulissen, die nichts über ihren Aufenthaltsort verraten.
„Wenn mein Mann mich hier sieht, bringt er mich um“
© Carolin Windel

Drei Wochen später war Hochzeit in einer kleinen Moschee. Ruslan hatte gerade keinen Job und zog zu ihr, in ihre schicke Wohnung am Englischen Garten. Nach einer der ersten Nächte war sie schwanger. Jasmin schrieb ihrer Familie. In der Erwartung, dass riesige Freude ausbricht. Doch stattdessen: Skepsis. Wie konnte sie nur so schnell einen völlig Fremden heiraten? Jasmin dachte trotzig: Er ist der Richtige, ihr werdet schon sehen!

Kontrolle und Isolation

Die Qualen ihrer Ehe begannen damit, dass Ruslan ständig bei ihr im Büro anrief. Unterdrückte Nummer. Ging ein Kollege dran, legte er auf. Später wollte er wissen, wo sie gewesen sei. Dann passten ihm ihre Fotos auf Xing und LinkedIn nicht: die Bluse zu weit aufgeknöpft! Sie musste die Accounts löschen. Bald rief er sie auch auf dem 15-minütigen Heimweg nach der Arbeit an: Wo bist du? Wenn sie antwortete: an der Bushaltestelle, forderte er: Mach ein Foto. Telefonierte sie mit ihren Freundinnen, bestand er darauf, mitzuhören. Und wenn sie sich verabredete, wollte er vorher um Erlaubnis gefragt werden. Jasmin brach alle sozialen Kontakte ab. Bis es in ihrem Leben nur noch ihn gab: Ruslan.

„Zu der Zeit glaubte ich trotzdem, dass unsere Beziehung Zukunft hat“, sagt Jasmin. „Ich dachte, er sorgt sich so übertrieben um mich, also liebt er mich. Ich muss nur an mir arbeiten. Wenn ich meine Kleidung ändere, mein Lächeln kontrolliere, dann wird alles gut.“ Lydia Dietrich von der Frauenhilfe hört solche Worte von Klientinnen aller Kulturen, Religionen, sozialen Schichten. Häufig kehrten Frauen, die schon im Frauenhaus waren, zu ihren prügelnden Männern zurück, sagt sie. „Es ist immer der gleiche Mechanismus. Der übertriebene Kontrollzwang wird auch als Fürsorge wahrgenommen. Irgendwann hat der Mann seine Partnerin so weit isoliert, dass er sie völlig in der Hand hat.“

Sein Versprechen, sich einen Job zu suchen, löste Ruslan nie ein. Er schlief bis elf, dann ging er ins Fitnessstudio oder kaufte Klamotten. Jasmin hatte ihm ihre Kreditkarte gegeben. Als sie ihn fragte, ob es nicht Zeit sei, sich einen Job zu suchen, entgegnete er: Nur Schlampen fragen Männer nach ihrem Einkommen. An den Wochenenden fuhren sie seine Familie besuchen. Aber er weigerte sich, mit ihr nach Hause zu fliegen, um ihre Mutter kennenzulernen. Nicht mal, als Dominik geboren war. Nach der Geburt ihrer Tochter, als Ruslan sie bereits so brutal geschlagen hatte, lud Jasmin ihre Mutter nach München ein. Die sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Frau, die vor mir steht, ist nicht meine Tochter, sagte sie. Wo ist dein Lachen geblieben? Du bist eingeschüchtert. Du hast Angst vor diesem Mann. Jasmin wollte kein Wort davon hören. Sie war wütend. Auf sich, auf die Welt.

Zu jener Zeit machten die Behörden Druck wegen Ruslans Aufenthaltsstatus. Nichts bereitete ihm so viel Angst. Jasmin hatte die deutsche Staatsbürgerschaft und musste jedes Formular unterschreiben. Ruslans Abhängigkeit von ihr machte ihn immer aggressiver. Er regte sich auf, weil Jasmin ungefragt mit den Nachbarn sprach. Weil sie in Jeans im Supermarkt war. Nur Huren ziehen so was an! Er achtete jetzt darauf, dass die Fenster geschlossen waren, wenn er auf sie losging. Und dass keine blauen Flecken an sichtbaren Stellen zurückblieben. Statt ihr ins Gesicht zu schlagen, packte er sie an den Haaren, schleuderte sie gegen die Wand, würgte sie. Meistens griff er mit seiner kräftigen Hand ihre Brust, drückte zu wie ein Schraubstock und drehte sie so lange, bis sich Jasmin vor Schmerzen krümmte.

Das Schweigen brechen

Nie, niemals hatte Jasmin mit irgendwem über ihr Martyrium gesprochen. Bis zu jenem Tag, als sie mit Bürokolleginnen in der Kantine saß und sich eine über ihr Eheleben beschwerte. Der Mann sei zwar ein guter Vater, aber ansonsten langweilig, sie könne das nicht länger ertragen. Da platzte es aus Jasmin heraus. Sie sagte der Kollegin, sie könne froh sein, so eine Ehe zu haben. Und erzählte von ihrer eigenen. Die Wahrheit.

Lydia Dietrich sagt, für viele Frauen sei der schwerste Schritt, die Scham zu überwinden und zuzugeben, dass sie zu Hause einen prügelnden Ehemann haben. Dass sie Hilfe brauchen. Besonders wenn sie beruflich sehr erfolgreich sind. Solche Frauen müssten sich Sätze anhören wie: Du? Dass ausgerechnet dir das passieren konnte! Als wären sie selbst für die Gewalt verantwortlich.

Lydia Dietrich warnt davor, beim Thema häusliche Gewalt auf bestimmte Kulturen zu zeigen. Die Grausamkeiten, mit denen Frauen unterdrückt werden, seien un­abhängig von der Herkunft der Männer immer die gleichen. Auch ihr Kollege Gerhard Hafner, der gewalttätige Männer therapiert, sagt: „Zwar bejahen deutsche Männer die Gleichstellung. Aber wenn erst mal Kinder da sind, fallen viele in traditionelle Rollen zurück.“ Dann brechen die patriarchalen Strukturen auf. Dann ist es wieder normal, dass einem Mann die Hand ausrutscht. Ist eine Frau zu diesem Zeitpunkt bereits sozial isoliert, ist es besonders schwer, der Situation zu entkommen.

Jasmins Kolleginnen waren schockiert von dem, was sie hörten. Plötzlich begriffen sie, warum sich Jasmin so verändert hatte. Ihre Kleidung. Dass sie nicht mehr zu Firmenfesten kam. Sie beschworen Jasmin, zum Jugendamt zu gehen. Dort schickte man sie sofort zur Frauenhilfe, sie kam auf die Warteliste für ein Zimmer im Frauenhaus. Als sie das Zimmer in Aussicht hatte, begann sie, heimlich Sachen aus der Wohnung zu schmuggeln. Kleider für die Kinder, Dokumente. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ihre Bank stellte eine Leibwächterin ab, die Jasmin auf ihren Schmuggeltouren begleitete. Das Schwerste aber war, Ruslan aus der Wohnung zu locken, sodass sie genug Zeit zur Flucht hatte.

Die Flucht aus der Gewalt

Jasmin nutzte den Tag, als ihn das Jugendamt zum persönlichen Erscheinen aufgefordert hatte. Es gebe Hinweise, dass sein Verhalten eine Gefahr für das Wohl seiner Kinder darstellt, hieß es in dem Schreiben. Ruslan war außer sich. Und misstrauisch. Kaum hatte er die Wohnung verlassen, bestellte Jasmin ein Taxi. Der Fahrer weigerte sich erst, sie mitzunehmen, weil sie vergessen hatte, Kindersitze zu bestellen. Jasmin bettelte: Bitte, wenn mein Mann mich hier sieht, bringt er mich um. Sie gab dem Fahrer ein paar Euro extra und dann die Adresse des Frauenhauses. Zehn Minuten später klingelte auch schon ihr Handy. Ruslan war zurück in der Wohnung. Sie ging nicht ran. Dann folgte eine Textnachricht: Wohin hast du die Kinder entführt? Jasmin nahm die SIM-Karte aus dem Telefon und warf sie weg.

Das nächste Mal sah Jasmin ihren Mann Monate später vor Gericht. Es ging um das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder. Ruslan war aufgefordert worden, eine Gewalttherapie zu machen. Aber die hatte er abgebrochen. Angeblich aus Angst vor Corona. Der Richter fragte Jasmin, ob sie gegen ihren Mann Strafanzeige erstatten wolle. Sie lehnte ab. Weil ihr die Polizei schon gesagt hatte, dass sie wenig Aussicht auf Erfolg habe. Und aus Sorge, sich und die Kinder damit noch mehr in Gefahr zu bringen. Außerdem, weil sie nicht will, dass ihre Kinder einen vorbestraften Vater haben.

Ruslan darf seinen Sohn und seine Tochter nun nur noch unter Aufsicht eines Beamten des Jugendamts an einem neu­tralen Ort sehen. Als er Jasmin zuletzt begegnete, sagte er zu ihr: Fahr zur Hölle! 

Hinweis der Redaktion: Unser Reporter Andreas Albes musste lange suchen, bis er eine Frau fand, die bereit war, über die Gewalt in ihrer Partnerschaft zu sprechen. Dass es am Ende eine muslimische Frau war, die den Mut dazu hatte, und dass Opfer und ­Täter nicht in Deutschland geboren sind, ist Zufall. Nach vielen Gesprächen mit Experten weiß Albes: Männer, die ihre Frauen maßregeln, kontrollieren und prügeln, gibt es – leider – in allen Kulturkreisen und in allen gesellschaftlichen Schichten.

Erschienen in stern 28/2020

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker