VG-Wort Pixel

Für Hersteller von Kleidung 23-Jähriger entwickelt Trinkgeldsystem: "Einige Firmen wollen nicht zeigen, wie es Arbeitern geht"

Für Hersteller von Kleidung : 23-Jähriger entwickelt Trinkgeldsystem: "Einige Firmen wollen nicht zeigen, wie es Arbeitern geht"
Das Start-up tip me hat ein Trinkgeldsystem entwickelt, das es ermöglicht, Näherinnen und Herstellern beim Kleidungskauf online ein Trinkgeld zu geben. Welche Unternehmen sich daran beteiligen, sagt viel über sie aus. 

Als 2014 die erste Filiale der Billigmode-Kette Primark in Berlin eröffnete, stürmten Menschenmassen auf den Alexanderplatz. Die meisten unter ihnen hatten nur ein Ziel: So viel nachgeahmte Mode von Trendmarken zum Spottpreis zu ergattern wie möglich. Auch Jonathan Funke war zu dieser Zeit auf dem Alexanderplatz –aber nicht, um etwas zu kaufen, sondern um Flyer zu verteilen. "Nur drei Prozent von dem, was du für ein T-Shirt bezahlst, geht an die Menschen, die das T-Shirt gemacht haben", war darauf zu lesen. Eine Jacke bei Primark kostet 11 Euro, ein T-Shirt 3 bis 6 Euro, ein Schal 2 Euro.

"Einige der Menschen, die in den Primark gestürmt sind, waren ganz überrascht, als sie davon gehört haben. Sie dachten anscheinend, die Klamotten fallen einfach aus der Maschine", erzählt der 23-Jährige dem stern. Funke begann zu recherchieren. Er erfuhr, dass die Stundenlöhne der meisten Mitarbeiter in Asien nur 50 Cent pro Stunde betragen.

"Das hat sich für mich einfach so unglaublich unfair angefühlt: Dass jemand, der ehrliche, gute Arbeit leistet, so viel weniger verdient als wir in Deutschland, nur weil er in einem anderen Land wohnt", sagt Funke. "Kurz darauf saß ich in einem Café, habe dem Kellner Trinkgeld gegeben und gedacht: Warum kann ich einem Kaffeebauern eigentlich nicht auch Trinkgeld geben? Wir leben doch im 21. Jahrhundert, da haben 60 Prozent der Weltbevölkerung ein Handy und können damit Geld verschicken und bekommen. Das muss doch möglich sein." 

Der Gründer ist in einer Whatsapp-Gruppe mit den Arbeitern 

Er entwickelte eine Idee: ein Trinkgeldsystem für die Näherinnen und Hersteller von Kleidung, das beim Online-Einkauf nur einen Klick erfordert. Nach Vorträgen, die er darüber hielt, entstand schließlich sein kleines Start-up, das seine Idee in die Tat umsetzte: tip me. 

Das Team aus drei Leuten von tip me
Das Team des Start-ups tip me (v.l.n.r.): Jonathan Funke, Helen Deacon und Robin Collin
© Jonathan Funke / tip me

Wer online etwas einkauft, kann bei den Unternehmen, die sich beteiligen, nun mit einem Klick ein Trinkgeld hinterlassen. Auf der Homepage sind Fotos der Arbeiter zu sehen. Wer möchte, erfährt, wo die Person wohnt und was sie mit dem Trinkgeld plant. Funke hat die Arbeiter auch persönlich kennengelernt und ist in einer Whatsapp-Gruppe mit ihnen. "In Pakistan wünschen sich viele Leute, ihr Motorrad zu reparieren oder ihren Kindern Taschengeld zu geben. In Vietnam wollen viele ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen, zum Teil auch eigene Läden eröffnen", erzählt er. 

"Die Unternehmen, die nichts zu verbergen haben, kommen fast automatisch auf uns zu"

Mittlerweile nutzen drei Firmen das Trinkgeldsystem. Viele weitere würden bereits Interesse zeigen, sagt Funke. Dabei beobachtet er eine natürliche Selektion. 

"Unternehmen, die Angst vor Transparenz haben und nicht zeigen wollen, wer hinter ihrem Produkt steckt und wie es den Menschen geht, kommen natürlich nicht auf uns zu. Sie wollen gar keine Transparenz herstellen. Die Unternehmen aber, die stolz darauf sind, was in den Fabriken passiert und die nichts zu verbergen haben, kommen fast automatisch auf uns zu."

Mit allen Unternehmen würde Funke aber ohnehin nicht zusammenarbeiten wollen, mit H&M oder Primark etwa. "Die H&Ms und Primarks dieser Welt sind aus gutem Grund nicht transparent. Wir ziehen Unternehmen vor, denen es eine Herzensangelegenheit ist, die Bedingungen für die Mitarbeiter zu verbessern. Und von dem, was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, sind etwa H&M oder Primark nicht dazu bereit. Auf Greenwashing haben wir keine Lust."

Der Kontakt zwischen Konsumenten und Produzenten soll weiter verbessert werden 

Dass die Idee des Trinkgeldsystems auf viel positive Resonanz stößt, zeigt sich bereits jetzt. "Zum Glück findet in der Gesellschaft gerade ein Umdenken statt. Es gibt ein ganz großes Verlangen danach zu wissen, wo der Ursprung eines Produkts liegt", sagt Funke. 

Nun arbeitet sein Team daran, den Kontakt zwischen den Konsumenten und Produzenten noch weiter zu verbessern. Dank eines Stipendiums kann sich das Team Vollzeit auf sein Start-up konzentrieren. Bald soll es möglich sein, den Arbeitern neben dem Trinkgeld auch eine Nachricht zukommen zu lassen – und es den Arbeitern wiederum ermöglichen, darauf zu antworten und sich zu bedanken. Funke ist es wichtig, sicherzustellen, dass das Geld wirklich da ankommt, wo es ankommen soll.

Coronavirus: "Die Vergessenen" – wie eine Sängerin Obdachlosen in Hamburg hilft

"Bei jeder größeren Organisation ist schon mal was passiert, deswegen versuchen wir, alle Mittelsmänner rauszuschneiden. Aktuell sind wir ein zu kleines Team für die vielen Unternehmen, die mitmachen wollen." Für Funke ein Luxusproblem. "Das, was ich mache, ist mein Leben und meine große Leidenschaft und etwas, das mich unglaublich glücklich macht. Für die nächsten fünf Jahre wird das auf jeden Fall mein Lebensmittelpunkt sein. Und ich möchte auch weiterhin herausfinden, wie wir Innovationen und neue Technologien für soziale Herausforderungen anwenden können." 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker