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Nachhaltigkeit: Mode-Experiment: So ist es, eine Woche nur 12 Kleidungsstücke zu tragen

Überall werden wir laufend mit den neuesten Trends konfrontiert, die man angeblich jetzt "unbedingt braucht". Wirklich? Unsere Autorin hat eine Woche immer wieder dieselben Klamotten getragen und erklärt hier, wie es ihr damit ergangen ist. 

Von Stephanie Morcinek

Fast Fashion Experiment

Es stellt sich heraus: Wer immer wieder neu kombiniert, kommt auch mit wenigen Kleidungsstücken aus

18 Paar Jeans, 25 Paar Sneaker, 33 Kleider, dazu zig Pullis, Hosen und 83 T-Shirts. Mein Schlafzimmer könnte locker als Miniboutique durchgehen. Und trotzdem passiert es immer wieder, wenn ich den Kleiderschrank aufmache, dass mich die "Ich habe nichts zum Anziehen"-Melancholie packt und ich morgens am Verzweifeln bin, wenn es um die Auswahl meines geht.  

Laut einer Greenpeace-Studie haben die Deutschen 5,2 Milliarden im Schrank, 40 Prozent davon werden nur sehr selten oder niemals getragen. Und ist ein Kleidungsstück kaputt, wandert es nicht etwa zum Schneider, sondern blitzschnell in den Müll. Bei den großen Modeketten gibt es schließlich Komplettoutfits zum Kann-sich-jeder-leisten-Preis.

Doch muss das wirklich sein? Müssen wir ständig neue Teile kaufen, nur weil es uns auf den Sozialen Medien von zahlreichen Influencern gepredigt wird? Sollten wir nicht lieber versuchen, mit den Klamotten zurecht zu kommen, die wir schon haben? Jeder Einwohner in Deutschland verursacht immerhin laut Statistischem Bundesamt 200 Kilogramm an CO2-Emissionen für Kleidung und Textilien pro Jahr. Ein bewussterer Umgang mit Klamotten würde nicht nur der Umwelt helfen, auch unser Gewissen würde sich besser fühlen.

Fast Fashion Experiment

Mein Kleiderschrank quillt über – und doch suche ich jeden Morgen verzweifelt nach einem Outfit

1 Woche – 15 Teile

Ich habe daher eine Woche lang versucht, meinen riesigen Schrank auf eine einzige Kleiderstange runter zu brechen und nur Teile zu tragen, die ich wirklich häufig anziehe. 15 durften es sein. Zwölf Kleidungsstücke und drei Paar Schuhe. Gut kombinierbar wenn möglich – ich musste mich schließlich für Sommerwetter wie kühlere Tage wappnen.

Eine Ripped Jeans passt zu allem, die durfte als erstes auf die Stange. Dann folgte ein schwarzer Cashmere-Pulli, meine Jeansjacke, eine Jeansshort, ein Denimrock. Drei Baumwoll-T-Shirts zum Kombinieren in Weiß, Schwarz und Rot. Ein schwarzer Rock mit Spitze, falls ich mal einen Businesstermin habe, dazu eine weiße Bluse, mein rotes Lieblingssommerkleid, über das ich den Pulli oder die Jacke ziehen könnte, sowie mein Tigerrock, das einzige, etwas außergewöhnliche Stück. Die Schuh-Auswahl war schwieriger. Bei fast 100 Paaren scheint das wie ein unlösbares Rätsel. High Heels oder Pumps stellte ich gar nicht erst zur Wahl, lieber flach und bequem. Meine Adiletten wurden als erstes in "Team Fashion Experiment" gewählt, genau wie schwarze Slip-On-Sneaker. Dann noch ein paar Sandalen und ich war ready to experiment!

Fast Fashion Experiment

Diese 15 Teile hatte ich mir ausgesucht

Die ersten Tage des "Anti Fast Fashion"-Experiments

Ein Blick auf die iPhone-App versprach die nächsten fünf Tage Sommerwetter. Anders als sonst öffnete ich nicht den Kleiderschrank und meine Kommode, um mich für ein Outfit zu entscheiden – nach einem kurzen Blick auf die Kleiderstange griff ich nach meinem schwarzen T-Shirt, dem Tigerrock und den Sneakern. Nach einer Minute stand mein Look und ich hatte viel länger Zeit am Morgen.

Auch am nächsten Tag sollte das so sein. Das schwarze Shirt wurde gleich noch mal angezogen, heute jedoch mit Jeansshort und Adiletten. Ein Haarband als Accessoire dazu, fertig. Die Adiletten durften auch an Tag drei an die Füße, diesmal zu Denimrock und rotem T-Shirt. Abends zum Treffen mit Freunden holte ich das rote Kleid von der Stange und zog die schickeren Sandalen dazu an.

Fast Fashion Experiment

Zum Treffen mit den Freundinnen holte ich mein rotes Kleid von der Stange

Ich mochte meine Auswahl und hatte genau die Lieblingsteile erwischt, die sich gut stylen lassen und mir ein ebenso gutes Gefühl gaben. Und Glück, dass Montag Waschtag war. Das schwarze T-Shirt war von zwei Tagen Sommerwetter doch nicht mehr so frisch und wanderte direkt in die Maschine. Durch 30 Grad und Sonnenschein war es bis abends auch wieder trocken.

Am nächsten Tag hatte erst das weiße Shirt seinen Auftritt und wurde mit Jeansshorts und Adiletten gestylt. Den darauffolgenden Tag morgens mit dem Denimskirt, abends mit dem schicken Spitzen-Rock.

Ich fand es toll, meine Wirkung so schnell von lässig in elegant zu verwandeln und dabei keine Stunde vor dem Schrank auf und abzuspringen oder mich durch zahlreiche Kleidchen, Röcke oder Jumpsuits probieren zu müssen.

Meine Schuhauswahl schränkte mich manchmal ein, denn ab und zu hätte ein schönes Paar Heels meinen Look erst richtig komplettiert. Doch ich kam auch mit meinen Flats zurecht – es blieb mir ja nichts anderes übrig.

Fast Fashion Experiment

Die Jeans brauchte ich in der recht warmen Woche tatsächlich nur an einem Tag

Mein Fazit

Weil es am Final-Tag meines Experiments endlich kühler wurde, konnte ich auch die letzten beiden Kleidungsstücke tragen, die es bisher noch nicht in meine tägliche Auswahl schafften: Die Jeans und die weiße Bluse.

Keinem meiner Freunde war aufgefallen, dass ich ständig das gleiche trug. Ich hatte mich nach den sieben Tagen an meine Mini-Kleiderauswahl gewöhnt. Dauerhaft mit derart wenigen Kleidungsstücken zurecht zu kommen, kann ich mir zwar nicht wirklich vorstellen, doch es muss nicht ständig etwas Neues sein. Weil mich gleich nach dem Experiment die Ausmist-Wut packte, entdeckte ich sehr alte Kleidungsstücke plötzlich wieder neu, überlegte mir coole Kombis und erweckte so zum Beispiel einen 15(!) Jahre alten Rock wieder zum 2018-Leben.

Ein bewusster Umgang mit Mode sollte jeden etwas angehen. Woran viele beim exzessiven Shoppen wohl nicht denken, ist, dass günstige Kleidungsstücke häufig aus Polyester oder Acryl gefertigt werden. Diese Kunstfaser-Kleidung gibt beim Waschen jedes Mal kleinste Partikel ab, die als Mikroplastik in den Gewässern und Meeren landen. Ganz zu schweigen von den weggeworfenen Textilien, die verbrannt werden und so zur Entstehung von Treibhausgasen beitragen.

Fast Fashion Experiment

Bis auf den Rock ändert sich nichts – und doch ist das Outfit direkt ganz anders

Lieber zweitgetragen als weggeworfen!

Unternehmen wie Re-nt (www.re-nt.de) oder die Kleiderei (www.kleiderei.com) bieten Mietkleidung an, die man für einen bestimmten Zeitraum erhält. So hat man – wenn man es unbedingt möchte – ständig etwas Neues an, die Textilien bleiben aber in einem Kreislauf und finden kein abruptes Ende, weil sie achtlos weggeworfen werden oder als Schrankleiche vor sich hinvegetieren.

Für mich steht schon länger fest, dass ich mir – falls es unbedingt etwas Neues sein soll – lieber ein Teil kaufe, von dem ich länger etwas habe, also auf natürliche und nachhaltige Materialien achte und bei Unternehmen shoppe, die sich für faire Bedingungen einsetzen. Auch der Gang in den Second Hand Shop um die Ecke gehört zu meiner Shopping-Routine. 

Das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen, ist in unserer Überflussgesellschaft eine Sache, über die jeder nachdenken sollte. Muss es die 15. Jeans sein? Sind die Schuhe nächstes Jahr auch noch tragbar oder sehe ich mich an ihnen bald satt? Impulskäufe mögen vielleicht in einem bestimmten Moment ein gutes Feeling geben, doch schon am nächsten Tag kommt das schlechte Gewissen.

Und dieses Gefühl ist kein Paillettenrock, Hoodie oder Maxidress dieser Welt wert.

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