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Entführung in Heidenheim "Bitte geben Sie unsere Mama zurück"


Die Angst wächst: Vor zwei Tagen wurde die Frau des Heidenheimer Sparkassen-Chefs entführt - und noch immer gibt es kein Lebenszeichen von ihr. Wann endlich melden sich die Kidnapper?
Von Manuela Pfohl

Warten, hoffen, nichts tun können, verzweifeln, dann Wut und wieder warten und hoffen. Darauf, dass das Telefon klingelt, eine SMS auf dem Handy eingeht oder eine Mail auf dem Computer. Irgendwas, das sagt: Alles ist gut, Maria Bögerl lebt. Doch es kommt nichts - und die Angst um die am Mittwoch entführte Frau des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse im baden-württembergischen Heidenheim wächst. Vor allem bei ihrem Mann Thomas Bögerl und den Kindern Carina und Christoph.

Mit einem anrührenden Appell unter dem Titel "Inständige Bitte an die Entführer" hatte sich die Familie am Donnerstag an den oder die Kidnapper der 54-Jährigen gewandt. "Wir haben alles getan, was Sie wollten. Wir appellieren in unserer Verzweiflung an Ihre Menschlichkeit. Bitte geben Sie uns unsere geliebte Mama, meine Frau wohlbehalten zurück. Sie hat Ihnen nichts getan. Wir flehen Sie an, unsere Bitte zu erfüllen. Thomas, Carina und Christoph."

Kein Kontakt zu Entführern

Allerdings ist die Polizei zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht hundertprozentig sicher, dass sich Maria Bögerl noch in den Händen der Entführer befindet. Denn die Umstände ihrer Entführung scheinen mehr als merkwürdig. Die Polizei schreibt im Fahndungsaufruf: "Kurz nach ihrem Verschwinden erhielt ihr Ehemann eine Lösegeldforderung. Obwohl auf die Forderungen des Täters eingegangen wurde, holte er das Geld nicht ab und ist bislang auch nicht mehr mit der Familie in Kontakt getreten."

Für den Kriminalpsychologen Rudolf Egg ist eine solche Entwicklung allerdings nicht ganz ungewöhnlich. Er sagt, die meisten Entführer scheitern bei der Geldübergabe. Nur in etwa jedem 50. Fall wechselt tatsächlich das geforderte Lösegeld den Besitzer. Wenn eine Geldübergabe nicht klappe, sei die Taktik der Polizei am Ende, die Täter dabei zu fassen, meint Egg. In den meisten Fällen werde dann erst die Öffentlichkeit informiert. Für das Opfer sei dies ein gewisses Risiko. Allerdings sei es immer besser, die Polizei einzuschalten, als auf eigene Faust eine Geldübergabe zu machen.

Im Fall Maria Bögerl sind mehr als 300 Einsatzkräfte seit dem frühen Morgen wieder unterwegs, um mit Hilfe von Spürhunden ein Waldstück zu durchkämmen, das an der Autobahn 7 zwischen den Anschlussstellen Heidenheim und Oberkochen liegt. Hier hatte Thomas Bögerl am Mittwoch das von den Kidnappern geforderte "sehr hohe" Lösegeld deponiert. Eine große Deutschlandfahne markierte die Stelle. "Möglicherweise wurde die Frau von ihren Entführern im Wald zurückgelassen", erklärte der Sprecher der Polizeidirektion Heidenheim, Markus Ott, am Freitagmorgen. Doch die Sorge wächst: "Je länger es dauert, desto kritischer wird die Situation", hieß es in Polizeikreisen.

Ein mehr als merkwürdiger Fall

Aus der Bevölkerung sind mittlerweile rund 30 Hinweise bei der Polizei eingegangen, die alle geprüft werden. Eine heiße Spur aber gibt es noch nicht. Obwohl in jeder Radio-Nachrichtensendung im Landkreis der Fahndungsaufruf der Polizei wiederholt wird und inzwischen jeder in der 50.000 Seelen-Gemeinde Heidenheim weiß, dass Maria Bögerl am Mittwoch offenbar gegen 11.25 Uhr in ihrem Haus im Ortsteil Schnaitheim überwältigt und anschließend entführt worden ist.

Die Fahnder hoffen, dass noch alles gut wird und vielleicht aus der Bevölkerung der entscheidende Tipp kommt. Die Polizei fragt: "Wer hat das Fahrzeug der 54-jährigen Maria Bögerl gesehen? Es handelt es sich um einen schwarzen Mercedes A-Klasse, amtliches Kennzeichen HDH-MB 770, Baujahr 2009. Der Mercedes ist mit Schiebedach und Alu-Felgen ausgestattet."

Kriminalpsychologe Egg macht sowohl den Ermittlern als auch der Familie Mut. Nicht nur, dass 90 Prozent aller Entführungsfälle aufgeklärt würden. Auch die Überlebenschancen für Entführungsopfer seien gut: "Etwa 90 Prozent aller entführten Personen kommen lebend wieder frei." Dass die Entführer in Heidenheim sich nach der gescheiterten Geldübergabe zunächst nicht mehr meldeten, sei nachvollziehbar: "Sie haben einfach momentan nichts zu sagen und brauchen Zeit."

Noch heißt es also für die Familie: Warten, hoffen, nichts tun können, verzweifeln und wieder warten und hoffen.


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