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Entführungsfall in Heidenheim Maria Bögerl starb offenbar am Entführungstag


Der Mordfall Maria Bögerl jährt sich zum zweiten Mal. Die Umstände der Tat sind nach wie ungeklärt. Doch nach stern.de-Informationen ist jetzt zumindest klar, wann die Frau getötet wurde.
Von Malte Arnsperger, Ingrid Eissele und Rainer Nübel

Vor zwei Jahren, am 12. Mai 2010, wurde die Ehefrau des Sparkassenchefs von Heidenheim, Maria Bögerl, entführt. Ihre Kinder und ihr Ehemann flehten bei "Aktenzeichen XY ungelöst" um ihr Leben, vergebens. Drei Wochen später, am 3. Juni 2010, entdeckte ein Spaziergänger Maria Bögerls Leiche in einem Waldstück. Nach wie vor ist die Tat nicht aufgeklärt. Auf eine der brisantesten Fragen gibt es jedoch jetzt eine nicht minder brisante Antwort: Wann starb Maria Bögerl?

Monatelang hatte die Suche nach dem Täter und etwaigen Helfern die Öffentlichkeit beschäftigt. Bis der Ehemann der Ermordeten, der Heidenheimer Sparkassendirektor Thomas Bögerl, selbst das Opfer von Spekulationen in einigen Medien und Teilen der Bevölkerung wurde und sich im Juli 2011 das Leben nahm. Obwohl es gegen ihn nie ein Ermittlungsverfahren gab, waren er, seine Familie und ihr Umfeld, insgesamt mehr als 100 Personen, monatelang von der Polizei abgehört worden. Die Kinder des Ehepaars, Carina und Christoph Bögerl, kritisierten im stern nicht nur die Ermittlungspannen, sondern auch den Umgang mit den Opfern (stern 8/2012: "Vom Ende einer Familie").

Waldstück zwei Jahre später durchsucht

Die Sonderkommission wurde von Heidenheim nach Stuttgart verlegt - offiziell um Fahrtkosten zu sparen und die Direktion in Heidenheim zu entlasten. Im April 2012 überraschte die Soko mit einem Großaufgebot, das sie medienwirksam in die Heidenheimer Wälder schickte, speziell in ein Waldstück nahe des Leichenfundortes. Man suche nach "Überbleibseln von menschlichen Aufenthalten" und habe den Wald aufgrund "neuer Indizien" durchsucht, sagt Clemens Homoth-Kuhs, Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums. Wie er bestätigt, hat die Suche nichts eindeutig Tatrelevantes ergeben.

Aber warum die Suche zwei Jahre später? Ist das nicht reichlich spät? "Den Vorwurf kann ich nicht entkräften," räumt der Sprecher ein. Der Forstsachverständige Horst Gleißner sagt zwar, auch nach zwei Jahren könne man Spuren, etwa Fetzen von Kleidung, in einem Wald finden. Die Chancen, nach zwei Jahren verwertbare menschliche DNA-Spuren zu finden, sei allerdings gering, heißt es vom bayerischen Landeskriminalamt.

Um dem Täter auf die Schliche zu kommen, ist die genaue Rekonstruktion des Tattags wichtig. Sicher ist, dass Thomas Bögerl das verlangte Lösegeld von 300.000 Euro erst gegen 15.30 Uhr statt wie gefordert um 14 Uhr ablegen konnte - unter anderem, weil die Polizei versäumt hatte, die Landeszentralbank in Ulm zu informieren und sich dadurch die Beschaffung des Geldes verzögerte. Es wurde vom Entführer letztlich nicht abgeholt.

Bislang hat die Polizei stets angegeben, dass der Todeszeitpunkt "nicht näher eingrenzbar" sei. War Maria Bögerl also tage- oder gar wochenlang in der Hand ihres Entführers?

Mageninhalt lässt Schlüsse auf Todeszeitpunkt zu

Ein Rechtsmediziner analysierte dafür den Mageninhalt des Opfers, denn der Grad der Verdauung lässt Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu. Nach Informationen von stern.de kam er anhand der Inhaltsstoffe einer Kiwi, die Maria Bögerl gegessen hatte, in einem mehr als 20-seitigen Gutachten zu dem Schluss, dass sie die Frucht etwa drei bis sieben Stunden vor ihrem Tod zu sich genommen hatte. Dies spreche dafür, so der Gutachter, dass sie in den Mittags- oder Nachmittagsstunden des Entführungstages ermordet worden sei. Also am 12. Mai 2010.

Die Erkenntnis der Rechtsmedizin lässt drei Schlüsse zu, die unangenehme Fragen aufwerfen.

Wenn Maria Bögerl die Kiwi am Tatmorgen gegessen hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Möglichkeit eins: Maria Bögerl starb schon vor dem geforderten Zeitpunkt der Geldübergabe, also vor 14 Uhr. Etwa, weil der Entführer die Nerven verlor, die Situation eskalierte oder das Geld nicht sein Motiv war. Dies würde die Ermittler entlasten. Allerdings nur teilweise. Denn zu den Pannen, die an diesem Tag passierten, gehörten auch mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei, die mit Blaulicht auf dem Weg nach Heidenheim gesichtet worden waren - obwohl der Entführer "keine Polizei" gefordert hatte.

Möglichkeit zwei: Maria Bögerl wurde erst nach dem geplatzten Übergabetermin, also nach 14 Uhr, ermordet. Trifft dies zu und rächte sich der Täter aus Frust, dann würde sich die Frage nach einer Mitverantwortung der Polizeiführung und einer Aufarbeitung der Versäumnisse noch dringender stellen als bisher.

Bliebe noch eine - theoretische - Option, die der Rechtsmediziner der Vollständigkeit halber erwähnt - dass Maria Bögerl nach ihrem Verschwinden, also in der Gewalt des Entführers, weitere Kiwis zu sich nahm.

Stellungnahme des Innenministeriums

Der Soko-Sprecher will diese Dinge und das Gutachten nicht kommentieren und verweist auf die laufenden Ermittlungen.

Schweigen - das ist auch bisher die Reaktion der zuständigen Politiker, obwohl die Kinder des Ehepaares Bögerl im stern ausdrücklich eine parlamentarische Aufarbeitung der Pannen gefordert haben. Doch bislang wollte das verantwortliche baden-württembergische Innenministerium keine Stellung zu dem Fall Bögerl nehmen. Stern.de bat beim grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann um eine Stellungnahme. Die kam dann auch, allerdings durch das SPD-geführte Innenministerium: "Es ist verständlich, dass die Angehörigen ihre Sicht der Dinge haben", heißt es da. Und weiter: "Wir haben volles Vertrauen in unsere unabhängige Justiz. Sie wird eventuelle Fehler feststellen und auch, wer möglicherweise dafür Verantwortung übernehmen muss." Für die Bögerl-Kinder geht das Warten also weiter. Sie sagten zu stern.de: "Dass nach zwei Jahren von Seiten der Politik immer noch keine Stellungnahme zu den Fehlern bei den Ermittlungen abgegeben wurde, ist für uns mehr als enttäuschend."


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