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Er war der Partner ihrer Oma: Fall spaltet Argentinien: Mann vergewaltigt und schwängert Elfjährige, sie darf nicht abtreiben

Abtreibungen sind in Argentinien nur in Ausnahmefällen erlaubt. Der Fall der kleinen Lucia erfüllte eigentlich alle Kriterien, trotzdem sperrten sich die Behörden – bis es für eine Abtreibung zu spät war.

In Argentinien gehen immer wieder Frauen auf die Straße, um für das Recht auf Abtreibung zu demonstrieren

In Argentinien gehen immer wieder Frauen auf die Straße, um für das Recht auf Abtreibung zu demonstrieren

DPA

Seit Mittwoch stellen Frauen in Argentinien ihre Kinderbilder in die sozialen Medien. Unter dem Hashtag #NiñasNoMadres zeigen sie sich als elfjährige Mädchen. Lachend, spielend, unschuldig.

Es ist ihr Aufschrei. Ihre Wut. Ihr  Protest. Für das Mädchen Lucia. Und gegen die Rückständigkeit im Land.

Die elfjährige Lucia wurde vom 65-jährigen Partner ihrer Großmutter vergewaltigt. Am 23. Januar stellte man in einer Klinik fest, dass sie schwanger ist. Lucia selbst und ihre Mutter wollten eine Abtreibung, die in Argentinien auch erlaubt ist in Fällen von Vergewaltigungen oder wenn die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist.

Doch die Behörden in der Provinz Tucumán stellten sich quer. Sie beharrten auf einer Fortsetzung der Schwangerschaft. Ärzte wollten die Prozedur nicht durchführen, vermutlich aus Angst vor einer Kampagne konservativer Abtreibungsgegner. Der Gesundheitsminister Tucumáns rechtfertigte die Haltung der Behörden im Interview: "Das Kind will die Schwangerschaft fortsetzen. Wir schauen uns die Risiken an, aber sie hat einen großen Körperbau, sie wiegt mehr als 50 Kilo."

Daraufhin versuchte sich Lucia zwei Mal umzubringen und wurde in eine Klinik eingewiesen. Zur Psychologin sagte sie: "Ich will, dass Du das rausnimmst, was der alte Mann in mich gesetzt hat."

Abtreibungen in Argentinien rechtlich schwierig

Abtreibungsrechte sind in Argentinien stark eingeschränkt. Im August 2018 scheiterte der letzte große Versuch, Abtreibungen zu legalisieren. Vorausgegangen waren monatelange Kämpfe, die zeigten, wie sehr das Thema die Gesellschaft polarisiert. Weiterhin müssen Frauen damit rechnen, im Fall von Schwangerschaftsabbrüchen bis zu vier Jahre lang ins Gefängnis zu wandern.

Am Dienstag nun führten zwei Ärzte einen Kaiserschnitt bei Lucia durch, nachdem das Gericht eingeschritten war. Für eine normale Abtreibungsprozedur sei die Schwangerschaft zu weit fortgeschritten gewesen, erklärten die Ärzte ihre Entscheidung zu operieren. Lucia war bereits in der 23. Woche, ein Resultat der Verschleppungstaktik von Politikern und Behörden.

Das Baby werde wohl nicht überleben, sagten die Ärzte nach dem Eingriff. Aber Lucia gehe es so weit gut. Sie sagten auch: "Wir haben das Leben eines elfjährigen Kindes gerettet, das einen Monat lang vom provinziellen Gesundheitssystem gefoltert wurde." Es sei, so fügten sie hinzu, ein Wahlkampfmanöver des Gouverneurs gewesen.

Der Fall Lucia zeigt, wie gespalten Argentinien ist

Ein Aufschrei geht nun durchs Land. Wie können Behörden ein Mädchen zum Brutkasten machen, empören sich viele Frauen. Auch Amnesty International schließt sich den Protesten an. Wie können sie ein Kind töten, protestiert die Gegenseite, die sich das Motto "Rette beide Leben" auf die Fahnen geschrieben hatte.

Der Fall Lucia zeigt einerseits, wie gespalten Argentinien ist. Andererseits wird deutlich: Dieses Land gibt sich zwar gern fortschrittlich und aufgeklärt, ist jedoch in vielen Bereichen rückständig. Nach Schätzungen werden in Argentinien pro Jahr 450.000 illegale und damit oft unsichere Abtreibungen durchgeführt.

Wenn im Fall der Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens Schwangerschaftsabbrüche nicht erlaubt sind und von Behörden blockiert werden, läuft etwas sehr schief in diesem Land, das sich gern als Vorreiter im Kampf für Menschenrechte präsentiert.

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