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Bundesverfassungsgericht: Das Gericht, das über allem schwebt. Ein Besuch in Karlsruhe

Jeder kann sich hier beschweren, es kostet auch nichts. Das Bundesverfassungsgericht ist beliebt – und im Zweifel mächtiger als die Kanzlerin. Einblicke in die Arbeit einer deutschen Institution.

Bundesverfassungsgericht: Besuch beim wichtigsten Gericht Deutschlands

Neben dem Verhandlungssaal im Bundesverfassungsgericht hängen sie, in einem sehr nüchternen Kleiderschrank: die berühmten roten Roben

Hier also fängt alles an. Zwei kleine Zimmer in einem Seitenflügel des Karlsruher Schlosses, erreichbar durch einen unterirdischen Verbindungsgang. Neonröhren an der Decke. An der Wand klebt ein Zettel: "Verhalten bei verdächtiger Post: Alles liegen lassen, in PC-Raum gehen (nebenan), auf weitere Anweisungen achten."

150 Briefe treffen an manchen Tagen ein, an anderen zehn. Die beiden Damen in der Posteingangsstelle wissen nicht genau, woran das liegt, klar ist nur: Nach Feiertagen kommt mehr. Weihnachten oder Pfingsten haben die Leute Zeit. Und dann setzen sie sich zu Hause hin. Und setzen ein Schreiben auf, Adresse: Bundesverfassungsgericht, Schlossbezirk 3, 76131 Karlsruhe.

Ein Karton mit Nachthemden

Die Post kommt zweimal am Tag, in großen, durchsichtigen Plastikboxen. Amtlich anmutende Schreiben sind darunter, aber auch Umschläge, die schon mehrfach verwendet wurden, mit krakeliger Handschrift. Große Kanzleien schicken an einem Tag bis zu 40 Verfassungsbeschwerden. Auf Paletten werden sie angeliefert. Einmal kam ein Karton mit Nachthemden, ohne jeden Kommentar. Die Damen von der Posteingangsstelle rätseln bis heute, warum. Sie wissen nur, dass dieses Gericht für viele die letzte Hoffnung ist: Wenn gar nichts mehr geht, dann sollen sie es noch richten, die Frauen und Männer in den roten Roben. Irgendwie.

Aktenzeichen 2 BvR 2347/15: An einem Dienstagmorgen im April steht im großen, gläsernen Verhandlungssaal ein Mann, der sterben will. Horst Lanz ist extra aus Köln angereist. Jetzt erzählt er den Richterinnen und Richtern seine Geschichte.

Arbeitsutensilien in der Posteingangsstelle: Rund 6000 Verfassungsbeschwerden treffen hier pro Jahr ein

Arbeitsutensilien in der Posteingangsstelle: Rund 6000 Verfassungsbeschwerden treffen hier pro Jahr ein

Lanz ist unheilbar an Prostatakrebs erkrankt. Deshalb hatte er sich bei einem Sterbehilfeverein eingetragen, doch seit 2015 verbietet Paragraf 217 StGB die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung". "Viele Tage habe ich nur überstanden, weil ich wusste: Wenn es noch schlimmer wird, gibt es für mich einen Ausweg", sagt Horst Lanz. "Diese Gewissheit hat man mir genommen." Er will, dass der 217 für verfassungswidrig erklärt wird. Er ist jetzt 84 Jahre alt. Er findet, zu seinen Grundrechten gehört auch das Recht, über den Zeitpunkt des eigenen Todes zu entscheiden. Klein, zerbrechlich und unendlich blass steht der todkranke Mann vor den Richtern des Zweiten Senats, der mächtige hölzerne Bundesadler an der Wand scheint ihn fast zu erdrücken.

Für Momente ist es ganz still im Saal.

Deutschland wäre ein anderes Land, wenn es dieses Gericht nicht gäbe. Die ersten und letzten Fragen werden hier verhandelt: Leben und Tod, Menschenwürde, Gerechtigkeit. Oft wird aus der Post in den Plastikboxen große Politik. Wiederbewaffnung, Ostverträge, Nato-Doppelbeschluss: An allen Weggabelungen der Republik standen die Karlsruher Richter. Sie sagen den Politikern, was geht und was nicht, bei Abtreibung und Asyl, Kopftuch, Kruzifix- und Euro-Rettung. Unter ihre Beschlüsse schreiben sie einen wunderbar knappen Satz, der jeden Gedanken an Widerspruch in Sekunden auslöscht: "Diese Entscheidung ist unanfechtbar." So viel Macht hat nicht mal die Bundeskanzlerin.

Unanfechtbar

Betritt man in der Abenddämmerung den Schlosspark zu Karlsruhe, bietet sich ein überwältigender Anblick. Zwischen der barocken Pracht der badischen Herzogs-Residenz und dem Botanischen Garten erhebt sich das Gericht in kühler Sachlichkeit: helle, transparente Architektur der 60er Jahre, klare Formen, großzügige Fensterfronten. Kein Prunk, kein Protz. Eher: lässiges Understatement. Ein Stück alte Bundesrepublik.

Oft brennt abends noch lange Licht in den Richterbüros, dann können die Spaziergänger und Liebespaare unten im Park den Hütern der Verfassung bei ihrer Arbeit zuschauen. Ein paar Eichhörnchen huschen über die Wiese, ansonsten: Stille. Berlin, die laute, hysterische Hauptstadt, ist von hier aus unendlich weit weg – nicht nur nach Kilometern. Alles zerfällt, alles vergeht, sogar dem DFB und dem ADAC kann man nicht mehr trauen.

Nur dieses Gericht scheint über allem zu schweben. Eine bundesdeutsche Institution: unantastbar, unberührbar. Unanfechtbar.

Richterin Gabriele Britz war an den Unis von Harvard und Yale – und hat als Richterin das Recht auf ein "drittes Geschlecht" gestärkt

Richterin Gabriele Britz war an den Unis von Harvard und Yale – und hat als Richterin das Recht auf ein "drittes Geschlecht" gestärkt

Aber vielleicht täuscht das? In Polen, Ungarn, Russland, der Türkei – überall attackieren Autokraten und Rechtspopulisten die Verfassungsgerichte, versuchen einzuschüchtern und gleichzuschalten. In Deutschland zuckt die AfD noch zurück, doch ihr Ton wird spürbar aggressiver. Parteichef Jörg Meuthen warf den Richtern nach ihrem jüngsten Kopftuch-Urteil vor, sie förderten Deutschlands "schleichende Islamisierung".

Oben, in seinem Büro im zweiten Stock, lehnt sich der Verfassungsrichter Peter Müller in seinem Schreibtischsessel zurück, streicht sich über seinen imposanten Bauch und sagt: "Politik ist der strukturelle Zwang zur Oberflächlichkeit. Hier haben Sie die Pflicht zur Gründlichkeit. Das ist eine andere Welt."

Er kennt beide Welten: Die der fast schon klösterlichen Zurückgezogenheit im Schlosspark und die der Hysterie in der Politik. Zwölf Jahre regierte er für die CDU das Saarland, dann hatte er genug. Monate später wurde aus dem Politiker der Verfassungsrichter. Dass einer kurz nach seinem Rücktritt über Gesetze urteilen kann, die Parteifreunde auf den Weg gebracht haben, klingt nicht nach sauberer Gewaltenteilung. Und es liefert der AfD Argumente, die Autorität des Gerichts anzuzweifeln.

"Mit weichen Knien bin ich in dieses Gebäude gegangen."

Still ist es im Innern des Gebäudes. Lange, lichtdurchflutete Flure, an den Wänden moderne Kunst. Dicke Teppiche schlucken jedes Geräusch. Sogar die Türen auf der Toilette fallen so perfekt gepolstert ins Schloss, dass jedes Scheppern unterbleibt. Der Platz in dem denkmalgeschützten Ensemble wird genutzt für die großzügigen Einzelbüros. Daher gibt es keine Kantine, nur einen Snack-Automaten, diskret untergebracht im ersten Untergeschoss. Die Tüte Haribo-Goldbären kostet im Bundesverfassungsgericht 85 Cent.

Für Stunden kann einem hier kein Mensch begegnen, und wenn, dann wird allenfalls im Flüsterton gesprochen. Auch die Beamten der Bundespolizei bemühen sich um größtmögliche Zurückhaltung. Sie sind zwar sofort da, als der Fotograf des stern ein Fenster öffnet und stillen Alarm auslöst. Doch nur Momente später haben sie sich unauffällig zurückgezogen. Hier regiert, so scheint es, nur eine Macht: die der Gedanken. Nichts soll sie stören bei der Findung von Recht.

Richter Peter Müller denkt darüber nach, ob eine elektronische Fußfessel gegen die Grundrechte von Straftätern verstößt

Richter Peter Müller denkt darüber nach, ob eine elektronische Fußfessel gegen die Grundrechte von Straftätern verstößt

Peter Müller sagt über jenen Morgen, als er hier als Richter anfing: "Mit weichen Knien bin ich in dieses Gebäude gegangen." Bundestag und Bundesrat wählen je die Hälfte der 16 Richter.

In Geheimtelefonaten und Hinterzimmerrunden werden sie ausgekungelt – von den Politikern, die sie dann kontrollieren sollen. "Mich hat in meiner Zeit hier noch nie irgend jemand aus der Politik angerufen, der versucht hätte, Druck auszuüben oder meine Entscheidung zu beeinflussen", versichert Müller. "Das hätte auch keinen Sinn. Sie können hier keine parteipolitische Agenda verfolgen. Dann hätten Sie unter den Richterkollegen sofort jeden Respekt verloren."

In seinem Büroregal stehen mehrere Aktenordner, auf die jemand mit Edding das Wort "Fußfessel" geschrieben hat. Gegen die Auflage einer elektronischen Fußfessel, mit der Straftäter nach Haftentlassung überwacht werden können, läuft eine Verfassungsbeschwerde. Seit Monaten wühlt Müller sich durch Kommentare, spricht mit Praktikern von Polizei und Justiz, wägt ab zwischen Grundrechten: dem des Ex-Häftlings auf Entfaltung seiner Persönlichkeit ohne Stigmatisierung und dem der Allgemeinheit auf Sicherheit vor neuen Straftaten. Die Fühlung zum Volk will er keinesfalls verlieren. Sein "Realitätsfilter" ist der sonntägliche Frühschoppen beim Heimatverein FV Eppelborn. "Wenn ich den Leuten dort erklären kann, warum wir eine Sache so und so entschieden haben, ist das ein gutes Zeichen."

1951: Gründung des Bundesverfassungsgerichts

Artikel 93 des Grundgesetzes sichert "jedermann" das Recht zu, an den Schlossbezirk 3 zu schreiben, wenn er glaubt, "durch die öffentliche Gewalt in einem seiner Grundrechte ... verletzt zu sein". Das ist nicht überall so. In vielen Ländern verhandeln oberste Gerichte nur Streitigkeiten zwischen Staatsorganen. Das Bundesverfassungsgericht aber ist ein "Bürgergericht". Jeder kann sich beschweren, auch ohne Anwalt, und es kostet nichts. Deutschlands höchste Richter verlangen keine Gebühren, der Geldbeutel soll keine Rolle spielen. Jederzeit kann hier Bürgerzorn in Bürgerrecht verwandelt werden, natürlich nur nach "eingehender Prüfung".

Innige Gefühle verbinden die Deutschen mit ihrem "BVerfG", vielleicht ist es sogar: Liebe? Allein 2018 haben sie fast 6000 Verfassungsbeschwerden nach Karlsruhe geschickt. 6000 Mal das Gefühl: Das lasse ich mir nicht gefallen. 6000 Mal der Ausruf, der schon zum rhetorischen Inventar der Republik gehört: "Ich gehe nach Karlsruhe!" 6000 Mal Hoffnung – oft ist sie vergebens. Seit Gründung des Gerichts 1951 waren nur 2,3 Prozent aller Beschwerden erfolgreich. Die Richter haben ein scharfes Instrument in der Hand, mit dem sie aus jedem Gesetz Konfetti machen können. Aber sie wissen: Es bleibt nur scharf, wenn sie es selten nutzen.

Richter Henning Radtke muss die Entscheidung des Gerichts über ein Verbot von Kinderehen vorbereiten

Richter Henning Radtke muss die Entscheidung des Gerichts über ein Verbot von Kinderehen vorbereiten

Viele Hoffnungen sterben schon im "allgemeinen Register". Davor steht Astrid Ingendaay-Herrmann, die Leiterin, und sagt: "Wir sind die Filterabteilung. Und ein bisschen auch: der Kummerkasten der Nation." In acht hohen Metallregalen stapeln sich, in gelbes Papier eingeschlagen und mit Aktenzeichen versehen, Karten, Briefe, ganze Konvolute – das gefühlte Unrecht von Tausenden. Menschen, die Angst haben, dass sie ihr Haus per Zwangsvollstreckung verlieren, Menschen, die Merkels Flüchtlingspolitik kriminell finden. Menschen, die glauben, dass sie über die Rauchmelder in ihrer Wohnung vom Geheimdienst abgehört werden. Wahrheit und Wahnsinn liegen eng beieinander in Ingendaay-Herrmanns "Kummerkasten". Einige haben schon 500 Verfassungsbeschwerden geschrieben. Sie nennt sie ihre "Stammkunden", das meint sie eher fürsorglich. Vielleicht sind manche ja einsam, und die Korrespondenz mit Deutschlands höchstem Gericht spendet ein wenig Trost.

Beschwerden, die Substanz und Aussicht auf Erfolg haben, werden mit einem "BvR" ausgezeichnet, sie kommen in das "Verfahrensregister" und dann auf den Schreibtisch eines Richters. Aber knapp die Hälfte bekommt als Aktenzeichen ein "AR", für "Allgemeines Register". Diese Schreiben bleiben erst mal hier, in den Blechregalen. Oft handelt es sich um reine Meinungsäußerungen, mit denen ein Gericht wenig anfangen kann. Viele schreiben nicht, in welchem Grundrecht sie sich verletzt fühlen und warum genau. Den Absendern antwortet Ingendaay-Herrmann mit einem "Belehrungsschreiben", es beginnt stets mit dem Satz: "Gegen die Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerde bestehen Bedenken." Dazu listet sie die Schwachstellen auf, mit Hinweisen, wie es besser gehen könnte. "Aber wir machen keine Rechtsberatung. Das dürfen wir auch gar nicht."

6000 Mal das Gefühl: Das lasse ich mir nicht gefallen

Wer trotzdem auf eine Entscheidung durch die Richter persönlich besteht, bekommt sie. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass schon bald ein nüchternes Schreiben aus Karlsruhe eintrifft: "Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen. Von einer Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen. Diese Entscheidung ist unanfechtbar." Diese "nichtbegründete Nicht-Annahme" ist die Regel – müsste das Gericht jedes Mal erklären, warum es nicht tätig wird, wäre es bald chronisch überlastet.

Unerbittlich verteidigen die Hüter der Verfassung ihre Autonomie. Sie haben ihre Büros im "Richterring", einem Gebäudeviereck, das sich auf eleganten Säulen über andere Teile des Komplexes erhebt. Die Architektur verrät feines Gespür für Proportionen: Der Höhenunterschied ist gerade so bemessen, dass er nicht großspurig wirkt, doch stets sichtbar bleibt. Von hier oben genießen sie ihre Macht. Still, aber durchaus spürbar.

Richterin Doris König will wissen, was ein Sterbehilfe-Verbot für Menschen bedeutet, die nicht mehr leben wollen: "Bleibt denen nur, sich vor den Zug zu schmeißen?"

Richterin Doris König will wissen, was ein Sterbehilfe-Verbot für Menschen bedeutet, die nicht mehr leben wollen: "Bleibt denen nur, sich vor den Zug zu schmeißen?"

Keiner verkörpert das Selbstverständnis dieses Gerichts so wie dessen Präsident. Andreas Voßkuhle ist 1,95 Meter groß, von dort oben schaut er freundlich runter auf seine Gesprächspartner, neugierig, zugewandt. Wunderbar kann man mit ihm beim Rotwein plaudern, über die epischen Ringschlachten von Muhammad Ali oder den FC Bayern der 70er Jahre. Blitzartig kann das Thema aber wechseln, etwa zur Rolle des Europäischen Gerichtshofs, und schon muss man aufpassen, dass man keine Wissenslücken zeigt. Die quittiert der Prof. Dr. Dr. h.c. gern mit einem mokanten Lächeln.

Als Angela Merkel 2012 nach dem Rücktritt von Christian Wulff dringend einen neuen Bundespräsidenten suchte und Voßkuhle fragen wollte, war der über Stunden für sie nicht erreichbar. Es war Freitagabend, da schaltet er sein Diensthandy eben ab. Den Vorwurf der Arroganz soll er später, so schreibt die "Zeit", bemerkenswert gekontert haben: Es wäre ja wohl noch schöner, wenn der Präsident des Bundesverfassungsgerichts permanent für die Kanzlerin zu sprechen sein müsse. So viel zur Hackordnung. Der Präsident muss ein Ensemble von Individualisten zusammenhalten: alle hochgebildet, querköpfig, streitlustig. Und sehr von sich überzeugt.

Einer wie Henning Radtke ist darunter, ein zurückhaltender, sehr korrekt gekleideter Mann mit Einstecktüchlein, der zuvor Richter am Bundesgerichtshof war und jetzt ein Verfahren betreut, in dem es um das Verbot von Kinderehen geht. "Die Herausforderung hier ist: Sie müssen ein gründliches Votum erarbeiten", sagt er. "Aber Sie müssen die Akten auch in vertretbarer Zeit von der Eingangs- auf die Ausgangsseite des Aktenbocks schaffen."

Die Kraft des Arguments

Neben besonders aufwendigen Grundsatzurteilen, mit denen sich der komplette Senat über längere Zeiträume beschäftigt, bekommt Radtke pro Monat rund 40 neue Verfahren auf seinen "Aktenbock", dazu um die 80 weitere von anderen Richtern, über die er als eine Art Zweitgutachter befinden muss. Die Fehlertoleranz sei nahe null: "Unsere Entscheidungen können die Republik verändern. Deshalb wird hier besonders sorgfältig gearbeitet."

Astrid Ingendaay-Herrmann (r.) leitet das "allgemeine Register", die Ablage für hoffnungslose Fälle

Astrid Ingendaay-Herrmann (r.) leitet das "allgemeine Register", die Ablage für hoffnungslose Fälle

Ein paar Türen weiter reißt Gabriele Britz die Fenster ihres Eckbüros weit auf, um die Morgenluft reinzulassen. Dass die Geschlechtsbezeichnung "divers" jetzt immer öfter in Formularen und Stellenanzeigen auftaucht, haben die Deutschen ihr zu verdanken: Als "Berichterstatterin" war sie maßgeblich am Urteil beteiligt, ein drittes Geschlecht ins Geburtenregister aufzunehmen. Schon mit 42 war sie Verfassungsrichterin. Eine Durchstarterin mit Uni-Stationen in Harvard und Yale – und eine Durchbeißerin, die viel über männliche Dominanz in der Juristerei erzählen kann. Bis heute hat sie nicht vergessen, wie man sie auf einer Tagung der noblen "Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer" am Eingang zum Begleitprogramm für mitangereiste Damen lotsen wollte. "Dabei war ich damals längst Professorin." Hier aber sei ein guter Ort für Frauen: "Hier zählt für alle die Kraft des Arguments." Gender-Fragen? Sind damit für sie erledigt.

Das Eckzimmer mit der Nummer 457 in der zweiten Etage. Hinter schwerer Doppeltür: ein kleiner Raum, vielleicht sieben mal sieben Meter, in der Mitte ein quadratischer Tisch aus honigfarbenem Holz, auf jeder Seite zwei Ledersessel. In einem kargen Regal stehen mehrere Exemplare des Grundgesetzes, versehen mit dem Aufkleber: "GG Beratungszimmer II. Senat. Bitte nicht entfernen."

Kühle Moderne der 1960er Jahre, dahinter: die Ahnengalerie ehemaliger Richter

Kühle Moderne der 1960er Jahre, dahinter: die Ahnengalerie ehemaliger Richter

Hier treffen sich die acht Richter des Zweiten Senats, um über ihre Urteile zu beraten. Keine Handys, keine Mitarbeiter – es gilt strengstes Beratungsgeheimnis. Jeder Richter hat am Ende eine Stimme, muss einer auf die Toilette, wird sofort unterbrochen, niemand soll sich übervorteilt fühlen. Stundenlang, tagelang, manchmal: wochenlang tagt das juristische Konklave. Entwürfe werden seziert, zerpflückt, zusammengesetzt, manchmal geht es um jedes Komma. Wer es in den "Richterring" geschafft hat, will hier auch seine Handschrift hinterlassen – und alle zusammen wollen sie Rechtsgeschichte schreiben. "Es ist eng, es ist intensiv, man kann nicht weglaufen", sagt Andreas Voßkuhle. "Aber diese Beratungen sind ein großes menschliches und intellektuelles Erlebnis. Das sind die großen Momente. Dafür ist man hier."

Unter dem Adler: ein Schwerstkranker, der sterben will

Ihre Einsamkeit macht die Richter frei. Aber Einsamkeit macht auch schutzlos. Voßkuhle spürt, wie Elitenhass und Institutionenverachtung um sich greifen, er weiß, dass dies eine toxische Mischung ist, die auch für das Idyll im Schlosspark gefährlich werden kann. Das Gericht müsse seine Entscheidungen daher viel besser als früher erklären: "Die Vorstellung, Richter sprechen durch, aber nicht über ihre Urteile, ist überholt."

Horst Lanz, der Mann, der über seinen Tod selbst entscheiden will, setzt all seine Hoffnungen auf sie.

Öffentliche Verhandlungen sind ein Erlebnis: Jeder kann den Richtern dann bei der Arbeit zuschauen

Öffentliche Verhandlungen sind ein Erlebnis: Jeder kann den Richtern dann bei der Arbeit zuschauen

Palliativmediziner kommen in der Verhandlung zu Wort, Suizidforscher, Psychologen, Hospizmitarbeiter. Das Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben, abgeleitet aus den Artikeln 1 und 2, steht gegen die Sorge, dass sich mit organisierter Sterbehilfe ein Klima verbreitet, in dem Kranke und Alte sich gedrängt fühlen, ihr Leben zu beenden, damit sie anderen nicht zur Last fallen. "Was ist überhaupt 'freier Wille'?", will Richterin Monika Hermanns wissen. "Gibt es noch einen freien Willen in Qual und Leid? Oder ist er nicht gerade in der Nähe zum Tod besonders ausgeprägt?" Ihre Kollegin Doris König interessiert sich für Menschen, die nicht unter Krankheit und Schmerz leiden, aber trotzdem ihr Leben beenden möchten: "Was machen wir mit denen? Bleibt denen dann nur, sich vor den Zug zu schmeißen?"

Zwei volle Tage wird unter dem großen hölzernen Adler zugehört, disputiert, philosophiert. Zwei volle Tage kann man Deutschlands höchsten Richtern bei der Arbeit zuschauen. Es ist ein großartiges Gericht – das über eine großartige Verfassung wacht.

"Richterring"

Aber das muss alles nicht so bleiben, das ist alles nicht selbstverständlich. Was passiert, wenn die AfD weiter zulegt? Wenn sie sich ermutigt fühlt, ihre Attacken auf die Richter zu verschärfen? Oder wenn sie irgendwann selbst Ansprüche auf Richterposten erhebt? Kann dann hier im Schlosspark von Karlsruhe alles bleiben, wie es ist? So ruhig, so bedachtsam, so unaufgeregt und zivil?

"Wir haben keine Truppen, die wir zur Durchsetzung unserer Entscheidungen losschicken können", sagt Peter Müller, und dabei wirkt er sehr nachdenklich. Der Verfassungsrichter meint: Am Ende hat dieses Gericht nur sich selbst, am Ende lebt es nur von Respekt, Reputation und dem Vertrauen der Bürger. Der "Richterring" scheint über allem zu schweben. Aber das war ein Trick des Architekten, in Wahrheit ruht er auf schmalen Säulen.

Sie sind sehr zerbrechlich.

"Ihr habt keinen Respekt vor dem Grundgesetz"
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(