Um mit der CDU in konstruktive Gespräche über eine Regierungszusammenarbeit zu kommen, sollte Grünen-Politiker Cem Özdemir aus Sicht eines Verhandlungsexperten möglichst zurückhaltend auftreten. "Es ist jetzt für Özdemir als zukünftigen Landesvater wichtig, dass er die Union nicht öffentlich belehrt, sondern ihr mit öffentlichem Respekt gegenübertritt", sagt Thorsten Hofmann von der Quadriga Hochschule in Berlin. Das sei auch psychologisch wichtig.
Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement, ehemals war er Ermittler des Bundeskriminalamtes. Der Experte sagte, Özdemirs Reaktion auf die CDU-Überlegungen zur Teilung der Amtszeit des Ministerpräsidenten seien dafür eher nicht hilfreich gewesen. Özdemir hatte die CDU-Überlegungen als "Quatsch" bezeichnet und davon gesprochen, dass man erwachsene Politik machen wolle. "Das kann man auch ein bisschen diplomatischer ansprechen", sagte Hofmann.
Markus Voeth, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Hohenheim und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Verhandlungsforschung, rät dazu, dass Özdemir und CDU-Chef Manuel Hagel nun zunächst ihr persönliches Verhältnis kitten. "Wenn Herr Hagel und Herr Özdemir wieder miteinander vertrauensvoll agieren können, dann wird jeder auch seine Partei dazu bringen können, sachorientiert zusammenzuarbeiten."
Experte: Beziehungsebene ist extremst wichtig
Die Beziehungsebene sei in Verhandlungen extremst wichtig, meint auch Hofmann. Er rät dazu, dass sich beide möglichst bald treffen. "Sie müssen einen persönlichen Draht zum Verhandlungsführenden auf der Gegenseite aufbauen", sagt der Verhandlungsexperte. Das könne etwa gelingen, indem man gemeinsam den Wahlkampf Revue passieren lasse - und dabei auch Verletzungen des Gegenübers anerkenne. "Das ist eine Kleinigkeit, die kostet ja nicht viel. Man kann das auch mal in Worte des Bedauerns packen."
Zwischen CDU und Grünen ist die Stimmung nach der Landtagswahl noch immer angespannt. Die CDU spricht von tiefen Verletzungen und zerstörtem Vertrauen und sieht wegen eines Videos einer grünen Bundestagsabgeordneten eine "Schmutzkampagne" der Grünen. Die weisen den Vorwurf der CDU von sich. Zuletzt zeigten Vertreter der Partei aber auch Verständnis für die Gefühlslage der CDU.
Vorschlag zur Ämter-Teilung als Verhandlungskniff?
Die Idee der CDU, die Amtszeit zu teilen, hält Voeth von der Uni Hohenheim nicht für keinen ernsthaften Vorschlag, sondern für einen Verhandlungskniff. "Das ist, was wir in der Verhandlungsforschung einen Schmerzpunkt nennen", sagt Voeth. "Man hält ein Thema hoch, obwohl man weiß, dass das eigentlich nicht realistisch ist. Aber man hält es hoch, um vom Verhandlungspartner für das Fallenlassen dieses Themas im Grunde an anderer Stelle ein Zugeständnis zu bekommen."
Hofmann sieht es zudem als eine Option für die CDU, die Emotionen auch in den Verhandlungen zu nutzen. "Damit man dann zur Befriedigung der eigenen Emotionen auch ein besseres inhaltliches Verhandlungsergebnis bekommt", sagt der Experte. Zum Beispiel könne man so am Ende ein Ressort mehr als die Grünen herausverhandeln.