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Solidarität: "Die sind jetzt total happy": Gartenbesitzer in Hamburg laden Familien zum Spielen ein

Die Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise stellen vor allem Familien vor ein großes Problem: Wo kann ich mit meinem Kind hingehen, wenn wir frische Luft brauchen? Zwei Gartenbesitzer in Hamburg haben darauf eine wunderbare Antwort.


Der Garten von Jan-Paul in Hamburg

Der Garten von Jan-Paul in Hamburg: Familien mit Kindern dürfen hier unter Wahrung der sozialen Distanz in Schichten jeweils eine Stunde am Tag spielen und die Sonne genießen.

Deutschland hockt zu Hause. Wegen der Coronakrise haben alle 16 Bundesländer Kontaktbeschränkungen angeordnet. In Hamburg verbietet die Allgemeinverfügung zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen seit bald zwei Wochen jedes Treffen im öffentlichen Raum mit mehr als einer Person, die nicht zum eigenen Haushalt gehört.

Für Familien mit Kindern ist diese Situation besonders belastend. Kinos, Schwimmbäder, Spielplätze - nahezu sämtliche Freizeiteinrichtungen in der Hansestadt sind gesperrt. Und in den noch frei zugänglichen Grünanlagen muss immer auf Abstand zu allen anderen Parkbesuchern geachtet werden, was vor allem beim umhertobenden Nachwuchs eine echte Herausforderung sein kann.

Nachbarn ermöglichen Familien das Spielen im Garten

Glücklich ist, wer in dieser Zeit einen Garten hat - oder Nachbarn wie Jan-Paul oder Christina. Beide leben im dicht besiedelten Hamburger Bezirk Eimsbüttel, in Gegenden, die überwiegend mit mehrstöckigen Altbauten und Mehrfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit bebaut sind. Eimsbüttel ist vor allem bei jungen Familien sehr beliebt und die wissen gerade nicht wohin mit sich und den Kleinen, wenn ihnen daheim die Decke auf den Kopf fällt.

Jan-Paul hat das Problem in seinem eigenen Umfeld mitbekommen und sich entschlossen zu helfen. "Wir haben Freunde mit Kindern und ich habe das Bedürfnis gesehen", erzählt der Professor für E-Commerce dem stern. Über das Internetportal nebenan.de, einem Netzwerk für Nachbarn, stellte er kurzerhand den eigenen etwa 250 Quadratmeter großen Garten mit viel Rasenfläche und kleiner Sandkiste Familien mit Kindern zum Spielen zur Verfügung.

Zugang zum Garten von Jan-Paul

"Zugang zum Garten bekommt Ihr durch die Pforte an der Seite des Hauses", erklärt Jan-Paul den Eltern die unkomplizierte Nutzung der Spielmöglichkeit.

Die erste Reaktion sei ein kritischer Hinweis auf die Vorschrift zur Einhaltung der sozialen Distanz gewesen, berichtet Jan-Paul. Da habe er sein Angebot schon fast wieder löschen wollen.

Doch dann ging es los: Immer mehr dankbare Eltern meldeten sich und unter seinem Posting sammelte sich das positive Feedback. Damit nur eine Familie zurzeit das Angebot nutzt und die Kontaktbeschränkungen beachtet werden, legte der 38-Jährige ein Doodle an, ein Internet-Tool zur Terminplanung. Dort können sich alle Interessierten für einstündige Spielzeiten zwischen 10 und 18 Uhr eintragen. "Zugang zum Garten bekommt Ihr durch die Pforte an der Seite des Hauses. Kommt dann einfach für die Zeit vorbei, die Ihr Euch rausgesucht habt", erklärt Jan-Paul den Eltern die unkomplizierte Nutzung der Spielmöglichkeit.

Danksagungen im Garten von Jan-Paul

Dank mit Herzen von Jan-Pauls Garten-Gästen: Eine Weile auch außerhalb der eigenen vier Wände geschützt spielen zu können, ist für viele Familien eine große Erleichterung

Mittlerweile finden sich in dem Garten regelmäßig 20 bis 25 "Stammkunden" plus weitere Familien mit Kindern im Alter bis etwa sieben Jahren ein, wie der Professor erzählt. Bei ihm sei jetzt richtig der Bär los. "Ich hätte nie gedacht, dass für ein dreijähriges Kind ein Sandkasten so ein wertvolles Ding ist. Die stürzen sich darauf."

"Die sind jetzt total happy"

Solche Begeisterung schildert auch Christina. Die Diplomkauffrau hat einen Schrebergarten, den sie sich normalerweise mit drei befreundeten Familien teilt - und jetzt auch mit einer vierten. Sie habe Jan-Pauls Angebot auf nebenan.de gesehen und gedacht: "geile Idee", erzählt Christina. Schließlich könne man mit kleinen Kindern ja nicht einfach zehn Mal um den Block laufen, sondern möchte sich irgendwo hinsetzen, wo die Kinder spielen können. Deshalb bot sie ihren Schrebergarten ebenfalls zur Nutzung an.

Bewohner in Neapel hängen mit Lebensmitteln gefüllte Brotkörbe aus ihren Fenstern.

"Und dann hatte ich innerhalb von einer Viertelstunde acht Anfragen", berichtet die 52-Jährige. Daraufhin habe sie Kontakt zu einer der Familien aufgenommen und ihren Post gelöscht, weil mehr als eine zusätzliche Familie bei ihrem ohnehin schon mehrfach genutzten Garten nicht handhabbar sei. 

"Die haben ein Kind mit einem Jahr und eins mit vier Jahren", erzählt Christina über ihre Gastfamilie. "Und die sind jetzt total happy, dass sie eine Destination haben, wo sie mal hinlaufen können." Vor allem das Trampolin im Schrebergarten habe es ihnen angetan.

Und wie meistens, wenn man anderen hilft, haben Christina und ihre Freunde sich damit auch selbst etwas Gutes getan: "Das hat uns allen Freude gemacht", sagt die Eimsbüttlerin über ihre Initiative. Auch die anderen Nutzer des Schrebergartens hätten sofort gesagt: "Ja klar, super."

Ein Anliegen hat Christina allerdings noch, das sie mit Jan-Paul teilt. Beide hoffen sehr, dass ihr Beispiel Schule macht und mehr Menschen ihre Gärten oder Grünflächen für Familien mit Kindern öffnen. "Also wenn sich noch andere dieser Idee annehmen würden, dann wäre das groß", sagt die Diplomkauffrau. "Euch erwarten sehr dankbare und tolle Eltern und Kinder, die für jede Stunde dankbar sind, die sie draußen verweilen können."

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.