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Ein Erlebnisbericht: Zwischen Angst und Langeweile: Wie das Coronavirus die Menschen in China beherrscht

Wie leben die Menschen in China mit dem Coronavirus – und der Angst, infiziert zu werden? stern-Reporter Philipp Mattheis berichtet aus Shanghai und beobachtet, wie die unsichtbare Bedrohung Land und Leute zunehmend beherrscht.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt in China rasant

Am Anfang ist die Langeweile aufregend. Man staunt über die menschenleeren Straßen, über die für eine Stadt mit 25 Millionen Einwohnern so ungewohnte Ruhe, den Frieden. Es ist stimmungsvoll, durch die Straßen zu spazieren und dabei Kraftwerk zu hören, weil das die apokalyptische Atmosphäre verstärkt. Ab und zu kommen mir Menschen mit Atemmasken entgegen, die dann einen zehn Meter großen Bogen um mich machen. 

Es gibt zwei Möglichkeiten auf eine unsichtbare Bedrohung zu reagieren. Die eine ist übertriebene Angst. Die andere ist, sich unbesiegbar zu fühlen. Standard-Waffe der letzteren: Humor, Sarkasmus. Im Büro angekommen fühle ich mich sicher. Es gibt dafür keinen objektiven Grund, außer den, dass ich dort Leute treffe, die all das nicht so ernst nehmen. "Wer hustet, fliegt raus", sagt Kollege Michael, und alle lachen.

Es dauert nicht lang, bis ich das erste Restaurant gefunden habe, das trotz der Quarantäne-Vorschriften noch geöffnet hat. Dort treffen sich mehr oder weniger zufällig alle verbliebenen Journalisten der Stadt und essen und trinken ohne Atemschutzmaske.

Wenn jedes Niesen hochverdächtig wird

Als Ausländer in China genießt man ja für alles mögliche einen Sonderstatus und irgendwie erliegt man dem Fehlschluss, dass sich dieser Sonderstatus auch auf einen Virus bezieht. Unsere chinesischen Kollegen tragen da schon einen Mundschutz. Eine Woche später bitten sie darum, nur noch in Notfällen, oder am besten gar nicht mehr, ins Büro kommen zu müssen. So vergehen einige Tage. Michael beginnt irgendwann selbst zu husten und das ist ein bisschen unheimlich, so wie jeder Huster unheimlich wird, und jedes Niesen hochverdächtig.

Nach einer Woche spürt man, wie sehr die Leute sich nach zwischenmenschlichen Kontakten sehnen, sie aber alle daheim bleiben, hoffen, dass ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt. Weil die Angst größer ist. Sport täte in solchen Momenten gut, um Energie, Frust und Druck abzubauen. Geht aber nicht – weil alle Fitnessstudios geschlossen haben. Also Liegestützen daheim – so ähnlich fühlt man sich wohl im Gefängnis. Trinken ist eine Möglichkeit. Aber wo? Alle Bars haben geschlossen. Sich daheim bei Freunden treffen war in der ersten Woche eine gute Möglichkeit.

Schon in der zweiten Woche aber geht das nur noch unter massiven Einschränkungen: Vor vielen Wohnanlagen stehen Wachleute im Ganzkörperschutz-Anzug, die kontrollieren, dass nur Bewohner ein- und ausgehen. Kino, Theater, Ausstellungen? Alles geschlossen. Gleichzeitig wird das Internet in meinem Haus immer langsamer: Wer daheim bleibt, schaut am besten Filme und so verstopfen die Leitungen. Bei langweiligen Szenen guckt man auf sein Handy, und schaut wie hoch die Zahl der Neuinfektionen ist. Unvorstellbar, was Leute wohl vor der Erfindung des Internets getan hätten.

Die Maßnahmen der Regierung werden schnell sehr real

Immer mehr Flugverbindungen werden gestrichen und langsam beschleicht einen das Gefühl, hier länger festzusitzen. Der Shanghaier Flughafen sieht seit Wochen aus wie ein Biowaffen-Labor. Am Eingang stehen Beamte, die Fieber messen. Vor der Passkontrolle wartet die nächste Reihe von Wachleuten in Ganzkörper-Schutzanzügen. 

Coronavirus in Deutschland: Eine Frau trägt eine Mundschutzmaske

Atemschutzmasken, das ist relativ gut erwiesen, bringen kaum etwas, um sich vor dem Virus zu schützen. Wenn man selbst infiziert ist, sollte man eine tragen, aber dann sollte man vielleicht am besten gar nicht unter Leute gehen. Ansonsten ist der größte Vorteil der Maske: Dass sie einen daran erinnert, sich nicht ins Gesicht zu fassen (was man ja auch in Nicht-Corona-Zeiten so selten wie möglich tun sollte). Trotzdem beginnt man irgendwann eine aufzuziehen – weil man den anderen Menschen im Bus, Bahn oder Flugzeug keinen Schreck einjagen möchte. Mittlerweile sind sie auf allen asiatischen Flügen Standard und es gibt nicht viele Gründe anzunehmen, dass sie irgendwann wieder verschwinden.

Das Virus bleibt zwar, so lange man niemanden persönlich kennt, der sich infiziert hat, genauso weit weg wie am ersten Tag: eine theoretische, sehr unwahrscheinliche Möglichkeit. Die Maßnahmen der Regierung aber werden schnell sehr real und greifbar.

Natürlich ist nie alles finster und apokalyptisch: Relativ bald machen in China Videos die Runde von Familien, die sich dabei filmen, wie sie mit Kochtöpfen Stunts vollführen, sich als Panda-Bären verkleiden oder Tänze aufführen. Not beziehungsweise Langeweile machen eben auch erfinderisch. Doch am Ende ist die Langeweile überhaupt nicht aufregend, sondern einfach nur langweilig.

fs
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