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Katholische Kirche: Kardinal Schönborn: "Finde es berührend, dass sich gleichgeschlechtliche Paare die Ehe wünschen"

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn nimmt im stern Stellung zur Ehe für alle und zur Krise in seiner Kirche. Schönborn musste selbst einen schweren Missbrauchsskandal aufklären. Der Täter: sein Vorgänger im Amt.

Von David Baum

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn bezieht im Gespräch mit dem stern Stellung zu Positionen, die in der Katholischen Kirche strittig sind.

stern

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn  findet im Interview mit dem stern klare Worte zur Krise seiner Kirche. "In den Missbrauchsfällen geht es zuerst ums Handeln, im Sinne der Opfer", sagt der Vertraute von Papst Franziskus. "Man darf keine Wunder erwarten", sagt er zum bevorstehenden weltweiten Zusammentreffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen. "Es wird ein schmerzlicher langer Prozess. Das Wichtigste ist die Bewusstseinsbildung." 

Zum jahrelangen Leugnen und Vertuschen vieler Geistlicher sagt Schönborn: "Das war ein großer Fehler, es ging vielen darum, die Institution zu schützen." Er habe deshalb früh klar gestellt, dass "die Ehre eines Kardinals nie über dem Schutz der Betroffenen" stehen dürfe. Seinen verstorbenen Vorgänger im Amt Hans Hermann Groer, der selbst Täter in vielen Missbrauchsfällen war, bezeichnet er als  einen "in vielerlei Hinsicht großartigen Mann. Ein Mensch definiert sich nie ausschließlich über seine Schuld." Auf die Frage, ob er Priester, die sich sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht haben, theologisch in der Hölle wähnt, antwortet Schönborn: "Ich muss das mit allem Ernst sagen: Es ist natürlich eine Gefahr für das ewige Leben. Wenn jemand das Leben von jungen Menschen massiv beschädigt und verletzt, der muss sich fragen, wie er einmal vor seinen Gott treten will."

Christoph Schönborn ist überzeugt: Die Ehe ist für Mann und Frau

Des Weiteren nimmt der Wiener Erzbischof Stellung zu in der Katholischen Kirche strittigen Positionen. Zur "Ehe für Alle" sagt er: "Persönlich finde ich es berührend, dass sich in einer Zeit, in der die Ehe an Strahlkraft verliert, gleichgeschlechtlich empfindende und lebende Paare diese Höchstform der Partnerschaft wünschen." Seine Überzeugung sei dennoch, dass die Ehe "für Mann und Frau ist – jene Beziehung aus der neues Leben entstehen kann." Dass der Staat eine andere Form der Ehe zulasse "haben wir schon lange akzeptiert", sagt der Kardinal. "Wenn eine parlamentarische Mehrheit es will, soll der Staat es bitte so machen."

Sich selbst bezeichnet Schönborn als "Alt-Achtundsechziger“, der in seiner Studienzeit bei Bonn mit dem Umfeld des Revolutionärs Rudi Dutschke in Kontakt gestanden habe. "Mein Herz schlug links." Dennoch verteidigt er den rechtskonservativen Bundeskanzler seines Landes, Sebastian Kurz. "Es gibt in der Flüchtlingsfrage diese Wasserscheide, das ist das Jahr 2015. Da ist die Stimmung gekippt." Ihm mache es Sorgen, dass der humanitäre Aspekt immer weiter in den Hintergrund trete. "Dennoch stimme ich mit Bundeskanzler Kurz überein, dass es eines Ordnungsrahmens bedarf."