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Zivilcourage: Kein Geld von diesem Mann - warum zwei Designerinnen auf 25.000 Euro verzichten

Zwei Nachwuchsdesignerinnen erfahren vor dem Finale eines Modewettbewerbs von umstrittenen Aussagen des Geldgebers - und steigen aus. Dabei entscheiden sie sich gegen die Chance auf ein Preisgeld von 25.000 Euro.

Von Linda Göttner

Zwei Potraits von Frauen nebeneinander, beide lächeln

Lisa Mann und Hagar Rieger beschlossen, beim Euro Fashion Award auszusteigen

Die Modedesign-Absolventinnen Hagar Rieger, 32, und Lisa Mann, 30, die an der Universität der Künste in Berlin studiert haben, waren für das Finale des Euro Fashion Awards 2018 nominiert. Den Preis vergibt das Kaufhaus Görlitz in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands. Er ist mit einem Preisgeld in Höhe von insgesamt 60.000 Euro dotiert, der Sieger bekommt 25.000 Euro. Doch den Ausgang des Euro Fashion Awards wollten die beiden Frauen gar nicht mehr wissen: Ihnen waren nach ihrer Nominierung Ende Januar Aussagen des Geldgebers und Investors, Winfried Stöcker, zu Ohren gekommen, nach denen sie sich von der Teilnahme distanzierten.

Stöcker war im Dezember 2014 in einem Interview der "Sächsischen Zeitung" mit Aussagen aufgefallen wie: "Die reisefreudigen Afrikaner sollen sich dafür einsetzen, dass der Lebensstandard in ihrem Afrika gehoben wird, anstelle bei uns betteln zu gehen." Zudem verstrickte er sich in ausländerfeindliche Behauptungen über seine eigenen Mitarbeiter: "Darunter sind auch viele Türken. Ich bin froh, dass ich sie habe. Es sind kluge Leute darunter, aber auch Menschen, die Arbeiten machen, die andere nicht tun wollen. Aber sie haben nach meiner Auffassung kein Recht, sich in Deutschland festzusetzen und darauf hinzuarbeiten, uns zu verdrängen, darauf läuft es hinaus, wenn nicht gegengesteuert wird!" Auch auf seinem Blog nahm er 2015 Stellung zur Einwanderungspolitik: "Alles, was wir und unsere Vorfahren in den letzten Jahrhunderten errungen haben, scheint durch Überfremdung in Gefahr."

"Jedes Thema zeugt von einem veralteten Weltbild"

Mit der MeToo-Debatte, die nach Vorwürfen von sexueller Belästigung und Missbrauch in der Filmbranche aufkam, befasste sich Stöcker innerhalb seiner Weihnachtsansprache 2017. Sie enthielt Äußerungen wie: "Die Mädchen könnten zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen, dass die armen Regisseure auf dem Pfad der Tugend bleiben." Mit einer solchen Haltung banalisiere Stöcker die Belästigung von Frauen in der Gesellschaft, meinen Rieger und Mann. Auch der Aufruf in der Ansprache, sich ungeniert an Mitarbeiterinnen ranzumachen, erweckt nicht den Eindruck, als habe Stöcker die Tragweite der Debatte verstanden.

Die Haltungen Stöckers machten es den beiden Frauen unmöglich, weiterhin beim Euro Fashion Award anzutreten: "Er nutzt seine Stellung in der Öffentlichkeit aus, um seine politische Meinung kundzutun. Uns war unabhängig voneinander klar, dass es für uns nicht infrage kommt, weiter an dem Wettbewerb teilzunehmen", erklären sie im Gespräch mit dem stern. "Er vertritt unserer Meinung nach ein veraltetes Weltbild, ein sehr national orientiertes, das wir, die wir in einer globalisierten Welt leben, für nicht tragbar halten."

"Ich hätte mich total unwohl gefühlt"

“Wir wollten uns nicht in aller Stille zurückziehen“, sagt Rieger. Also äußerten die beiden Absolventinnen ihre Kritik in einer Stellungnahme auf der Website der Universität der Künste. Sie hofften, auch ihre Mitstreiter von ihrem Entschluss zu überzeugen. Doch im Fokus ihres Vorhabens stand einerseits die Kritik an der Haltung Stöckers, andererseits, über den Wettbewerb hinaus, andere Kandidaten von Mode-Wettbewerben zu ermutigen, sich im Voraus zu erkundigen, welcher Geldgeber hinter einem Preis steckt. Denn letztlich müsse man den Preis auch vertreten können. "Man steht da mit seinem Gesicht. Ich hätte mich total unwohl gefühlt. Das hätte mich auf jeden Fall sehr belastet."

Kein leichter Schritt

Der Austritt aus dem Wettbewerb fiel den beiden Kandidatinnen aber keineswegs leicht. Als Berufseinsteigerinnen wäre der hochdotierte Preis für sie eine große Chance gewesen, die ersten Schritte in der Branche zu bewältigen. "Ich hätte mit den 25.000 Euro mit Sicherheit ein oder eineinhalb Jahre den Rücken frei gehabt, um an meiner Selbstständigkeit zu arbeiten", sagt Rieger. Eine zweite Idee war, zwar teilzunehmen, aber das Geld nicht anzunehmen: "Der Preis hätte uns total viel bedeutet. Deswegen haben wir auch wochenlang hin und her diskutiert, ob wir nicht doch mitmachen und anschließend das Preisgeld spenden." 

Letztendlich wollten sie aber konsequent bleiben: "Ich habe mich für die Haltung und gegen die finanzielle Absicherung entschieden", sagt Rieger. Für die beiden gehe es nun weiter wie bisher – ohne Anschubfinanzierung. Rieger entwickelt ihr eigenes Label und wird nebenbei als Dozentin arbeiten, während Mann in einem Kostümteam bei einem Filmprojekt mitwirkt. Für die Zukunft wünschen sie sich mehr Förderungen für Nachwuchsdesigner, welche "die Vielfalt, Grenzenlosigkeit und politische Integrität der Modebranche stärken, statt zu verwässern", resümieren die beiden in ihrer Stellungnahme auf der Uni-Website. Ihre ehemaligen Mitstreiter stehen am 20. und 21. April im Finale.

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Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?