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"Wir und Corona" "Es macht Sinn, gezielt zu durchseuchen" – Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort kritisiert Merkel-Kurs


Manche Wissenschaftler sehen die Lockdown-Strategie der Bundesregierung als unverhältnismäßig an. So auch der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. Da man die Krankheit nicht verhindern könne, brauche es eine schnelle Herdenimmunität, fordert er im Pocdcast "Wir und Corona".

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Der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort hat die Maßnahmen der Bundesregierung trotz Lockerung kritisiert. "Mein Eindruck ist, dass die Menschen übermäßig Angst haben, weil Menschen wie Sie und ich einen zu über 80 Prozent milden Verlauf zu erwarten haben", sagte Schulte-Markwort in "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL. Er bezweifle, dass die Haltung der Politik angemessen sei. "Wenn Frau Merkel sagt, es ist ein zerbrechliches System, dann schürt sie damit Angst".

Schulte-Markwort ist Universitätsprofessor und Klinikdirektor am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. Er gilt als einer der renommiertesten Experten für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland. In den vergangenen Tagen hat er immer wieder die nach seiner Ansicht unverhältnismäßigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zum Schutz vor Ansteckungen mit dem Coronavirus kritisiert.

Kritik an Einschränkungen durch Corona-Krise

Schulte-Markwort befindet sich damit nicht nur im Gegensatz zur Bundesregierung, sondern auch zu Experten, etwa des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Der Helmholtz-Experte Michael Meyer-Hermann verteidigte die Haltung der Kanzlerin am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will" mit den Worten: "Die Kanzlerin hat, verdammt noch mal, Recht!"

In "Wir und Corona" erläutert Schulte-Markwort seine Position. "Wir können die Krankheit nicht verhindern", sagte er. Es mache eher Sinn, auch wenn das praktisch schwieriger sei als in der Theorie, "gezielt zu durchseuchen. Wir brauchen so schnell wie möglich eine Herdenimmunität." Schulte-Markwort setzt den Nutzen der Maßnahmen ins Verhältnis zu den Kosten, die die Wirtschaft dafür zu tragen habe. "Ich finde, dass der Preis des Niedergangs der Wirtschaft in keinem Verhältnis steht. Mir leuchtet nicht ein, warum man nicht in allen Geschäften versuchen kann, einen Mindestabstand einzuhalten. Das verstehe ich überhaupt nicht. Ich verstehe auch nicht, warum wir in einen Supermarkt gehen dürfen, aber ins Kaufhaus nicht."

Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort sieht Vorteile des Homeschooling

In dem Gespräch berichtet Schulte-Markwort auch davon, wie Kinder und Jugendliche nach seinen Erfahrungen in den vergangenen Wochen auf die Krise reagieren – nämlich durchaus gelassen und mit einer hohen Flexibilität. "Mein Eindruck ist, dass die meisten Familien und auch die meisten Kinder die Situation gut meistern."

In dem Gespräch regt Schulte-Markwort an, die positiven Erfahrungen des Unterrichts zu Hause nicht verpuffen zu lassen und schlägt für die Zukunft einen Tag Homeschooling pro Woche vor, den Eltern im Homeoffice mit ihren Kindern verbringen könnten. "Das bringt mich zu der Forderung, dass es nach Möglichkeit zukünftig einen Homeoffice und einen Homeschooling Tag pro Woche geben sollte bei den Firmen, bei denen das geht, sodass die Familien, die jetzt gute Erfahrungen damit gemacht haben, das weiter umsetzen können. Das wäre sogar klimaneutral und familienfreundlich. Die Familien, die sehr beengt leben, die Familien, die sehr bildungsfern sind, bei denen ist das sicherlich anders. Man kann das nicht bei allen Kindern über einen Kamm scheren. Aber die große Mehrheit an Familien, mit denen ich zu tun habe, melden zurück, dass sie erstaunt sind, wie gut es funktioniert."


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