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Rahden in NRW: Erschreckende Aufnahmen aus Deutschlands letzter Pelzfarm: "Die Tiere leiden an Verhaltensstörungen"

Neu veröffentlichte Drohnenaufnahmen dokumentieren die Haltungsbedingungen in Deutschlands letzter Pelzfarm im ostwestfälischen Rahden. Die etwa 4000 Nerze leben in engen Käfigen – ohne Wasser, ohne Klettermöglichkeiten. Fabian Steinecke vom Deutschen Tierschutzbüro fordert die sofortige Schließung.

Nerzfarm in Rahden
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Die Nerzfarm im ostwestfälischen Rahden ist die letzte bestehende Pelzfarm Deutschlands. Etwa 4000 Nerze werden hier gehalten. Mit diesen aktuellen Drohnenaufnahmen machen Tierschützer nun auf die nicht artgerechten Haltungsbedingungen aufmerksam.  

Fabian Steinecke, Pressesprecher beim Deutschen Tierschutzbüro, sagt: 

"Man sieht wie die Tiere dort auf engstem Raum in kleinen Käfigen allein gehalten werden. Wie sie kein Wasser haben, keine Klettermöglichkeiten, keine Möglichkeiten zum Auslauf. Das sind alles Dinge, die normalerweise nach deutschem Gesetz auch nicht mehr rechtens sind, aber dort leider aufgrund von Ausnahmesituationen doch noch so bestehen dürfen."

Verschärftes Tierschutzgesetz seit 2017

Ein seit Juni 2017 geltendes verschärftes Tierschutzgesetz legt unter anderem fest, dass Nerze mindestens drei Quadratmeter Platz in ihrem Käfig haben müssen. Werden sie mit mehreren Artgenossen in einem Käfig gehalten, muss jedem Tier mindestens ein Quadratmeter zur Verfügung stehen. Auch ein Schwimmbecken und ein Sandbad sind eigentlich Pflicht. Viele bis 2017 noch bestehende Pelzfarmen in Deutschland schließen als Reaktion auf die neuen Anforderungen. Das Geschäft ist nicht mehr rentabel. Die Farmbetreiber in Rahden erhalten eine Frist zum Umrüsten ihrer Haltungsbedingungen. Sie läuft 2022 ab. Laut Tierschützer Fabian Steinecke vom Deutschen Tierschutzbüro haben einige der hier gehaltenen Nerze durch die artwidrige Haltung Verhaltensstörungen entwickelt.

Videos zeigen auffälliges Verhalten bei den Tieren

Fabian Steinecke, Pressesprecher beim Deutschen Tierschutzbüro, sagt: 

"Was am auffälligsten bei diesem Videomaterial zu sehen ist, sind die Bewegungen der Tiere. Sie lassen sich zum Beispiel mit Hunden vergleichen, die viel zu lange isoliert in Zwingern gehalten werden. Es ist dieses typische Auf- und Ablaufen von einer zur nächsten Seite. Weil sie normalerweise in freier Wildbahn gewohnt wären, eine extrem große Weite zu haben auf denen sie sich bewegen können."

Laut dem europäischen Pelzverband "Fur Europe" haben sich die Umsätze der europäischen Pelzbranche zwischen den Jahren 2005 und 2015 fast verdoppelt. Auch in Deutschland ist das Geschäft mit dem Pelz eigentlich eine lukrative Sache – wären da nicht die verschärften Haltungsbedingungen. Das Deutsche Pelzinstitut hat sich auf Anfrage des stern nicht zu den aktuellen Vorwürfen des Deutschen Tierschutzbüros geäußert. Auf die seit 2017 verschärften Haltungsbedingungen für Nerze reagiert der Interessenverein auf seiner Webseite wie folgt:

"Diese Vorgaben, insbesondere die Umstellung auf Mindestgrundflächen der Haltungssysteme sowie die Bereitstellung von Schwimmwasser für Farmnerze, können unsere Züchter nicht erfüllen." 

Tierschützer fordern sofortige Schließung der Pelzfarm

Die Pelzfarm in Rahden schließt also spätestens nach Ablauf der Frist im Jahr 2022. Tierschützern reicht das nicht.

Fabian Steinecke: "Wir fordern ganz klar, dass erst einmal diese letzte Farm in Deutschland geschlossen werden muss und zwar so schnell wie möglich und nicht bis 2022 noch offen bleiben darf. Und auch allgemein, dass europaweit und weltweit der Pelzhandel und die Pelzgewinnung endlich stoppen muss und da natürlich auch die Verkäufer und vor allen Dingen auch die Verbraucher gefragt sind, auf Pelzprodukte zu verzichten. Damit solche Bilder einfach nicht mehr existieren."

Nachtrag: Ende März 2019 zeichnet sich ein unerwarteter Erfolg für die Tierschützer ab: Das zuständige Veterinäramt Minden-Lübbecke vermeldet, dass sich zur Zeit keine Nerze auf dem Gelände befinden. Noch ist die Farm nicht offiziell abgemeldet, die derzeitige Situation lässt jedoch auf die Stilllegung der Anlage schließen.

Quellen: Deutsches Tierschutzbüro, Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, Deutsches Pelzinstitut, Peta