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Oktoberfest in Südamerika: Wie die Nazis Argentinien anzapften

1939 kenterte das Panzerschiff Graf Spee in der Bucht von Montevideo. Die Überlebenden ließen sich in einem kleinen argentinischen Dorf nieder und brachten neben einem unvermeidlichen Nazi-Flair auch das Oktoberfest mit in das achttausend Seelendorf.

Von Roland Brus

Es ist Wochenende. In München, Bayern, Deutschland geht das Oktoberfest gerade bierselig zu Ende, da heißt es rund 13.000 südwestlich der bayerischen Landeshauptstadt schon wieder: "Ozapft is", und zwar in dem Dorf Villa General Belgrano. Inmitten der argentinischen Provinz Cordoba wird das 44. Oktoberfest eröffnet.

Dabei hat Villa General Belgrano einiges an Skurrilitäten zu bieten: Architektonisch aber auch kulturell mutete es an wie eine absurde, bayerisch-alpine Enklave auf einem anderen Planeten. Dabei ist die Entstehungsgeschichte dieser deutschen Kolonie durchaus bemerkenswert: Zwar haben zwei deutsche Einwanderer schon 1932 in der Gegend Grund erworben, richtig Leben kam in den Ort erst 1941. Damals ließen s

Leben als zwei deutsche Einwanderer Ländereien erwerben, die sie an ihre Heimat erinnern, und die sie Landsleuten zum Verkauf anbieten. Die sich im Aufbau befindliche Kolonie wird zu dem, was sie heute ist, als sich 1941 "etwas mehr als hundert Marinosoldaten der Graf Spee niederlassen", erzählt Carlos Emilio Seufer, 54, ein großgewachsener dunkelhäutiger Mann, "Enkel und Sohn von Deutschen".

Das legendäre Panzerschiff Graf Spee findet sich 1939 von englischen Kriegsschiffen in der Bucht von Montevideo angeschossen und eingekesselt. Sein Kapitän, Hans Langsdorf, gelingt es in aussichtloser Lage, die verbleibende Besatzung in der Dunkelheit der Nacht unentdeckt von Bord gehen zu lassen. Dann sprengt er das mit modernster Technologie ausgestattete Schiff, um es nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Als sich seine Besatzung in Sicherheit der deutschfreundlichen argentinischen Behörden befindet, schießt sich Langsdorf eine Kugel in den Kopf.

Nazi-Souvenirs im Stadtzentrum

Seitdem liegt ein Hauch von Nazi-Geschichte über dem malerischen Alpendorf. Eine Aura und ein Stigma, mit dem sich Seifert und viele andere scheinbar bereits abgefunden haben, und das Villa General Belgrano bis heute prägt. So bietet seit einigen Jahren ein Händler mitten im Zentrum T-Shirts mit kleinen Hakenkreuzen an; dann gibt es Aufruhr und ein Bußgeld, und sobald sich der Sturm gelegt hat, geht der lukrative Verkauf von Neuem los.

Die Vergangenheit hat sich hier längst in ein Souvenir verwandelt. An jeder Ecke erklärt sich jemand bereit, "die ganze Wahrheit" über "die Zusammenkünfte der Alten mit ihren Ideen" zu erzählen. "Die treffen sich noch immer an einem geheimen Ort". Ein schillerndes Murmeln und Tuscheln unter vorgehaltener Hand über angebliche Kontakte mit Nazi-Größen, über geheime Beerdigungen "bei Fackelschein und mit Arm zum Gruß" - Informationen die sich niemals ganz aufschlüsseln lassen. Ein Konglomerat aus Anspielungen, Geschichten und Verschwiegenem, das bereits zur Folklore der Enklave gehört.

Gulasch im "Roten Hirschen"

Diese Mischung aus Anrüchigkeit und Mysterium ist eine der Haupt-Attraktionen der pittoresken Gemeinde, die mit ihrem Oktoberfest zehntausende von Besuchern aus dem ganzen Land anzieht. Bis zum 15. Oktober flanieren die Gäste zwischen spitzgiebeligen Schokoladenhäusern, unter geschnitzten Balkonen, rustikalen Veranden und schmucken Edelweiß- und Tante Leni-Schildern, entlang der feinsäuberlichen Geschäftsstraße, gesäumt von Vergiss-mein-nicht-Beeten und mit Alpenmotiven bemalten Abfalleimern, die ordnungsgemäß in Jägerzaunpalisaden eingefügt sind.

Das achttausend Seelendorf könnte einem Märchen der Gebrüder Grimm stammen: Das Dekor erinnert an Hänsel und Gretel, der Schreibwarenladen heißt "Die Sieben Zwerge", in den Konditoreien türmen sich wie im Schlaraffenland Stollen und Strudel. Und im Wirtshaus "Zum Roten Hirschen" servieren Kellnerscharen Berge aus Gulasch und Spätzle, wenngleich, für die Argentinier lieber ein bisschen weniger pikant.

Wer kann am meisten Bier schlucken?

Bei dieser lateinamerikanischen Oktoberfest-Variante wettfeiern die Abstämmigen der deutschen Dorfgründer und Horden von als Deutsche verkleideten Argentinier, wer am meisten Bier schluckt und die größten Schlachtplatten verdrückt, ohne dabei jedoch das traditionelle argentinische Assado oder den Wein beiseite zu lassen. Essen und Trinken sind zentrale Koordinaten dieses Volksfestes, in einem von Einwandern geprägtem Land, das auf seinen Wiesn durch eine kühne Mischung aus Orchestern und Tanzgruppen aufwahrt.

In den Umzug unter strahlend blauem Himmel, reihen sich Lederhosen und Dirndl, Bollerwagen und in Lätzchen verpackte Pudel; es folgen ortsansässige Biermusikanten und Wikinger, Dudelsack spielende Spanier und Iren aus Buenos Aires, Griechen aus Rosario, Palästinenser aus Santa Fe, Mexikanische Mariachis aus Cordoba: Die Überraschung, die Chilenen stammen aus Chile und die Zillertaler tatsächlich aus der Alten Welt. Alle Blicke aber heften sich auf die strahlenden Gesichter der arabischen Mädchen und wie sie ihre Hüften im Bauchtanz schwenken. Eine unverhoffte Dosis Erotik im Festival der ach so sittsamen Schürzen-Tänze.

Brezeln fürs Volk

Im zentralen Biergarten, unter Kiefern und Akazien dreht sich der Menschenreigen bei Tarantella, Samba, Schuhplattlern und Jodlern. Das Olympia Ballet begeistert mit Zorbas Tanz, weiter geht's mit "Ro-sa-munde" und dem "Prosit der Gemütlichkeit". Wie fast alle Besucher haben sich auch Augusto und Pablo mit bemalten Bierkrügen ausgerüstet. In Ermangelung eines ausgeprägten Pfandsystems schleppt so ständig jeder seinen eigenen Humpen mit herum. Der 86-jährige José Siebert, in Tracht und Filzhut, sieht sich als "Argentinier, seit ich mit 15 hier ankam". Sein Leben hat er als Auto-Elektriker verdient, "das Land hat mir alles gegeben". Inzwischen ringt er hart mit Goethes Sprache und erinnert die alten Freunde, die in diesem Jahr nicht mehr dabei sind. "Mei, unsereins stirbt aus, aber da kommen von drüben jetzt immer öfter die Rentner. Die sagen, Deutschland ist auch nicht mehr, was es mal war". Währenddessen wirft eine blonde Frau Brezelstücke in die Menschentraube. Die Leute warten auf die Krumen wie Vögel mit geöffneten Schnäbeln. Die meisten haben keinen Schimmer, was eine Brezel ist und geschweige denn wie sie schmeckt: Egal, ist dies doch das Fest der Verschiedenheiten. In Villa General Belgrano haben die Kobolde der Krüge begonnen, sich zu befreien.