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stern-Gespräch

Rechtspopulismus: Sehnsucht nach früher, gespaltene Mittelschicht: Soziologe Andreas Reckwitz erklärt die politische Unruhe in Europa

Der Soziologe Andreas Reckwitz erklärt, was unsere Gesellschaft erschüttert. Seine Prognose: Die Populisten werden weiter zulegen. Seine Forderung: mehr Staat wagen.

Rechtspopulismus: Andreas Reckwitz erklärt Europas politische Unruhe

Andreas Reckwitz lehrt an der Uni Frankfurt/Oder: "Für all die Frustrationen und Kränkungserfahrungen, die sich in der alten Mittelklasse ausbreiten, öffnet der Rechtspopulismus so etwas wie einen radikalisierten politischen Resonanzraum"

Herr Professor Reckwitz, in wenigen Wochen wählt Europa. Rechtspopulisten sind überall auf dem Kontinent in der Offensive. Erwarten Sie ein politisches Erdbeben?

Wir sind doch schon mittendrin in diesem Beben. Donald Trump ist Präsident in den USA, in Großbritannien hat eine Mehrheit für den Brexit gestimmt. In Frankreich konnten Rechts- und Linkspopulisten zulegen, in Italien und Polen nationalistische Kräfte die Regierungen übernehmen.

Wird der Populismus weiter durchmarschieren?

Es könnte sich bei den Europawahlen erstmals in aller Deutlichkeit zeigen, dass die Entwicklungen der letzten Jahre nicht nationale Besonderheiten waren, die nur mehr oder weniger zufällig gleichzeitig aufgetreten sind, sondern dass es inzwischen so etwas wie eine Internationale der Rechtspopulisten gibt. Wir reden immer noch gern von "Protestwahlen". Dahinter steckt die Vorstellung, es handle sich, so wie früher, um ein kurzfristiges Aufflackern von Unmut, das irgendwann wieder verschwinden wird. Der Populismus wird aber wohl nicht einfach wieder verschwinden. Denn er ist nur ein Symptom.

Ein Symptom wofür?

Für einen Wandel, der die Tiefenschichten aller modernen Gesellschaften des Westens erfasst hat, und zwar schon länger. Erst jetzt erleben wir, welch gewaltige Energien dieser Prozess freisetzen kann. Er bricht gleichsam nach oben durch und drückt sich in konkreter Politik aus.

Welche Veränderungen meinen Sie?

Von der Nachkriegsära bis in die Mitte der 80er Jahre hatten wir in Deutschland eine in weiten Teilen homogene, oft sogar egalitäre Gesellschaft: ähnliche Lebensformen, Aufstiegs- und Fortschrittsversprechen für Millionen von Menschen, dazu weitgehend verbindliche Leitbilder und Werte. Der Soziologe Helmut Schelsky nannte dies einst die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft". Die industrielle Produktion stand im Zentrum der Ökonomie, die große Gruppe der Facharbeiter bildete die Mitte der Gesellschaft. Jetzt erleben wir seit Jahren eine beschleunigte Transformation hin zu einer postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensökonomie. Die homogene Gesellschaft von einst fällt auseinander. Sie differenziert sich aus in auf- und absteigende Milieus. Diese Milieus bewegen sich in jeweils eigenen, höchst unterschiedlichen Diskurs- und Erfahrungsräumen.

Fast 500 Seiten dick ist das viel beachtete Hauptwerk von Reckwitz: "Die Gesellschaft der Singularitäten". Es wurde zum Sachbuch-Bestseller. Ende Oktober erscheint in der Edition Suhrkamp sein neues Buch: "Das Ende der Illusionen"

Fast 500 Seiten dick ist das viel beachtete Hauptwerk von Reckwitz: "Die Gesellschaft der Singularitäten". Es wurde zum Sachbuch-Bestseller. Ende Oktober erscheint in der Edition Suhrkamp sein neues Buch: "Das Ende der Illusionen"

Wie kann man diese Milieus genauer beschreiben?

Ich sehe drei Gruppen. Zum einen eine neue Mittelklasse, das sind in erster Linie hoch qualifizierte Akademiker in den Großstädten mit guten Karriereperspektiven, vor allem in der Wissensökonomie. Dagegen bilden einfache, eher schlecht bezahlte Berufe, in denen oft noch stark körperlich gearbeitet wird, eine neue Unterklasse: vom Paketboten bis zum Hilfsarbeiter im Schlachthof. Dazwischen steckt das, was ich die alte Mittelklasse nenne: Menschen mit mittlerer Bildung, oft in kleinstädtisch-ländlichen Regionen beheimatet, in Einstellung und Lebensführung eher konservativ-traditionell: ein bescheidenes Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. Hier finden Sie gewissermaßen das Erbe der einstigen "nivellierten Mittelstandsgesellschaft".

Welche Lebensgefühle prägen die verschiedenen Milieus?

Die neue Mittelklasse erlebt sich als Gewinner der zentralen Megatrends: Globalisierung, Digitalisierung, Bildungsexpansion, gesellschaftliche Liberalisierung. Die neue Unterklasse empfindet ihr Leben dagegen oft als prekär und entwürdigend. Es sind Menschen, die früher vielleicht noch ein bescheidenes Mittelschichtleben führen konnten, dann durch die Entindustrialisierung aus der Mittelklasse herausgefallen sind und quasi nach unten durchgereicht wurden in den expandierenden Niedriglohnsektor. Sie sind vor allem in einfachen Dienstleistungen beschäftigt: als Taxifahrer, Gebäudereiniger oder Pizzabote.

Und die alte Mittelklasse?

Die ist im Grunde ein Phänomen, von den modernen Sozialwissenschaften wenig erforscht. Die alte Mittelklasse kann noch gut verdienen, etwa als Facharbeiter in der Autoindustrie. Aber früher konnte sie auf hohe berufliche Sicherheit und Sozialprestige hoffen, heute immer weniger. Im Zuge der Akademisierung werden ihre mittleren Bildungsqualifikationen sukzessive entwertet. Hinzu kommt das Gefühl, dass die eigenen, traditionelleren Lebensformen von der Hausfrauenehe bis zur Mitgliedschaft im Schützenverein und der lokalen Verankerung nicht mehr das Maß aller Dinge sind. Das alles verdichtet sich zu Gefühlen der kulturellen Abwertung und Defensive: Man war mal Mitte und Maß – heute ist man nur noch Mittelmaß.

Wie wird aus diesen Gefühlen von Auf- und Abwertung Politik?

Für all die Frustrationen und Kränkungserfahrungen, die sich in der alten Mittelklasse ausbreiten, öffnet der Rechtspopulismus so etwas wie einen radikalisierten politischen Resonanzraum. Die AfD spricht in ihren Wahlkämpfen exakt diese Gefühle von Entwertung an. Mit ihrem Slogan "Hol Dir Dein Land zurück!" sagt sie eigentlich: "Hol Dir die alte Welt zurück." Also jene Zeit, in der du noch Mitte und Maß der Gesellschaft warst.

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Immer häufiger ist zu beobachten, dass bei rechten Demos "besorgte Bürger" gemeinsam mit Neonazis und Hooligans marschieren. Wie ist das zu erklären?

Auf den ersten Blick tun sich da Menschen zusammen, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben. Aber sie verbindet etwas: die kollektive Erfahrung von Entwertung, auch von Machtverlust. Die ist stärker als das Trennende. So entsteht ein Bündnis von alter Mittelklasse und neuer Unterklasse. Der Rechtspopulismus bezieht genau daraus seine Wirksamkeit, nicht nur bei uns.

Das Phänomen ist also nicht auf Deutschland beschränkt?

Es ist international. In den USA brachten weiße Arbeiter aus dem altindustriellen "Rust Belt" Donald Trump an die Macht, zusammen mit den Deklassierten einer neuen Unterschicht. Oder in Frankreich die "Gelbwesten": Auf den Straßen von Paris protestiert die bodenständige Mitte aus der Provinz gegen höhere Benzinpreise, aber dazu gesellt sich die Prekariatsjugend aus den Wohnsilos der Banlieues. Immer sind die globalisierungsfreundlichen Eliten aus den Metropolen das Feindbild, also die neue Mittelklasse. Exakt hier, zwischen neuer Mittelklasse auf der einen und alter Mittelklasse und neuer Unterklasse auf der anderen Seite, verläuft der Riss, der alle modernen Gesellschaften teilt.

Lange Zeit herrschte die Vorstellung, die AfD würde verschwinden, sobald die Flüchtlingszahlen wieder nach unten gehen. Das ist aber nicht der Fall. Warum?

Das Leitprinzip der alten Mittelklasse ist nicht Öffnung und Entgrenzung, sondern die Sicherung von Ordnungen. Die neue Mittelklasse setzt dagegen auf Öffnung, auf Deregulierung und die damit verbundene Vielfalt. Sie sieht das alles als Chance für die Gesellschaft und profitiert ja auch davon. Kein Thema war so gut geeignet, diesen kulturellen Gegensatz zu vertiefen und agitatorisch ins Radikale zu wenden wie die Flüchtlingskrise. Sie hat im AfD-Milieu wie ein Katalysator gewirkt für zuvor schon latent vorhandene Unzufriedenheiten. Aber im Prinzip braucht die AfD die Flüchtlinge nicht. Das zeigen die Erfolge der Rechtspopulisten in anderen Ländern, wo das Thema längst nicht so eine zentrale Rolle gespielt hat wie bei uns.

Der Riss, der durch die modernen Gesellschaften des Westens geht, kann also auch mit anderen Themen politisch aufgeladen werden, die gleichsam nur als Chiffren dienen?

Exakt. Als Chiffren können der Diesel dienen oder die Ausbreitung des Wolfs, mit denen der Gegensatz zwischen Metropolen und Provinz rhetorisch vertieft wird – aber auch eher kulturelle Debatten wie die über Gleichberechtigung der Geschlechter oder die "Ehe für alle". Kulturelle Fragen bekommen eine immer größere Bedeutung, ich würde sogar sagen: Sie sind heute die eigentlich harten Fragen. Denn sie sind hochgradig identitätspolitisch aufgeladen, viel mehr als früher. Die einen sagen: Vielfalt ist ein Wert an sich, man kann mit Identitäten spielerisch umgehen und sie zu immer neuen, hybriden Mustern kombinieren. Die anderen sagen: Wir wollen die alten Standards und Gewissheiten zurück, die für alle verbindlich waren.

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Was heißt all das für das deutsche Parteiengefüge?

FDP und Grüne sind die Parteien der neuen Mittelklasse. Die einen sind eher wirtschaftsliberal eingestellt, die anderen kulturliberal. Aber man muss unbedingt ihren inneren Zusammenhang erkennen: Beide stehen für die Öffnung von Märkten und Identitäten, beide setzen sich ab von der alten Mittelstandsgesellschaft, die ihnen aus heutiger Perspektive einengend und überreguliert erscheint, wirtschaftlich und kulturell. Die AfD findet dagegen vor allem Rückhalt in Teilen der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse.

Und Union und SPD?

Sie waren einst die klassischen Parteien der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft". Jetzt haben sie aber ein besonderes Problem: Der Riss zwischen neuer Mittelklasse auf der einen und alter Mittelklasse sowie neuer Unterklasse auf der anderen Seite – er verläuft mitten durch sie selbst. Sie versuchen, Milieus zusammenzuhalten, die auseinanderstreben. Ich sehe nicht unbedingt, dass sie wieder die Bedeutung von "Volksparteien" zurückerlangen könnten, die sie früher einmal hatten.

Wie schätzen Sie die gesellschaftlichen Mehrheitsverhältnisse ein?

Die neue Mittelklasse taxiere ich auf maximal ein Drittel der Bevölkerung. Neue Unterklasse und alte Mittelklasse machen geschätzt jeweils ein weiteres Drittel aus.

Das heißt, dass sich zwei Drittel der Menschen im Deutschland von heute letztlich fremd und unbehaust fühlen.

Das wäre zu einfach gedacht. Die alte Mittelklasse ist in sich differenziert. Es gibt Menschen, die immer noch politisch stabil verankert sind in einer Volkspartei. Die Grünen schaffen es, da, wo sie eher konservativ auftreten wie in Baden-Württemberg, auch Einbrüche zu erzielen in die alte Mittelklasse. Einige Angehörige der alten Mittelklasse sind vom Lebensgefühl her schon auf dem Sprung in die neue Mittelklasse, etwa wenn die Kinder studieren. Anderen droht allerdings das Abrutschen in die prekäre Welt der neuen Unterklasse.

Manche sprechen schon vom "Zeitalter der großen Nervosität". Ein guter Begriff?

Die soziale Dynamik ist jedenfalls viel höher als noch vor 30, 40 Jahren. Die industrielle Moderne war durch einen "Fahrstuhl-Effekt" gekennzeichnet. Ihr Versprechen war: Wohlstandssteigerung für alle. In der nachindustriellen Spätmoderne ist daraus ein "Paternoster-Effekt" geworden: Für einige geht es nach oben, für andere aber auch beschleunigt nach unten. Große Teile der Gesellschaft sind einem permanenten Stress ausgesetzt. Nichts ist mehr sicher.

Wenn die Spannungen zunehmen, der Riss immer tiefer wird: Droht so etwas wie ein geistiger Bürgerkrieg, der sich auch gewaltsam entladen könnte?

Ich will nichts dramatisieren, wir müssen sehen: Phasen, in denen eine soziale Struktur stabil in sich ruht, wie die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" zwischen den 50er und 80er Jahren, sind historisch gesehen die absolute Ausnahme. Und es gab auch in dieser langen Phase der Stabilität heftige Eruptionen, nehmen Sie nur den Generationenkonflikt der 68er, der ja auch zum Teil ins Gewaltsame umschlug. Dieser Konflikt spielte sich aber eher an der sozialen Peripherie ab. Was wir jetzt erleben, sind Konflikte im zentralen Gefüge, zwischen gesellschaftlichen Großgruppen, ausgelöst durch einen tief greifenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandel. Das hat eine ganz andere Wucht.

Taugt der alte Gegensatz zwischen links und rechts überhaupt noch, um die neuen Konfliktlinien zu beschreiben?

Nein, diese Zuschreibungen funktionieren nicht mehr. Sie finden im linken Lager Anhänger einer "One world"-Weltanschauung, aber genauso dezidiert nationalprotektionistische Positionen, denken Sie nur an Sahra Wagenknecht. Ähnliches gilt für die Kräfte rechts der Mitte. Wir müssen die politische Geografie der westlichen Länder neu denken.

Wo verläuft die Konfliktlinie jetzt?

Ich verwende dafür die Begriffe "Hyperkultur" und "Kulturessenzialismus". Die Anhänger der "Hyperkultur" wollen die strikten Grenzen zwischen dem "Eigenen" und dem "Fremden", also zwischen Kulturkreisen, Nationen oder Regionen, auflösen und erleben das als Befreiung. Verschiedenste Lebensstile, Haltungen und Kulturen gelten als beliebig kombinierbar für den eigenen Lebensentwurf, der möglichst singulär sein soll. Die Kulturessenzialisten sehnen sich nach dem exakten Gegenteil: nach einer Kultur, die Identität nach innen und Abgrenzung nach außen stiften und möglichst für alle gelten soll.

Was bedeutet das in der Praxis?

Die neue Frontlinie lässt völlig neue Bündnisse entstehen, die wir so nicht kannten, quer zum alten Links-rechts-Schema. Das ist zu besichtigen, wenn etwa orthodoxe Muslime genauso wie konservative Evangelikale gegen die Homo-Ehe polemisieren, oder Wladimir Putin und Marine Le Pen in großer Eintracht gegen den US-amerikanischen Kulturimperialismus zu Felde ziehen. Aber auch Neo- und Linksliberale entwickeln eine erstaunliche Nähe, wenn sie auf der anderen Seite der Front versuchen, eine Gegenmacht gegen den aus ihrer Sicht totalitär agierenden populistischen Block zu organisieren. Sie erleben diesen Antagonismus überall. Wir sind Zeugen eines Kulturkampfes, eines globalen "culture war".

Wie wird dieser Kampf weitergehen?

Offenkundig ist das liberale Paradigma in eine Krise geraten. Es war die zentrale politische Erzählung der letzten 20, 30 Jahre: In seiner wirtschaftlichen Ausformung propagierte es Öffnung der Märkte, Deregulierung von Arbeitsbeziehungen, in seiner gesellschaftlichen die Entfaltung von Gruppen- und Persönlichkeitsrechten. Aber viele Menschen glauben dieser Idee nicht mehr. Das Fortschrittsversprechen der liberalen Moderne ist für sie entzaubert. Sie empfinden es nicht mehr als Verheißung. Sondern als Bedrohung.

Warum?

Sie sehen heute schärfer als früher den Preis, den die umfassende Liberalisierung fordert. Es ist ein Niedriglohnsektor entstanden, der Ungleichheiten verschärft. Öffentliche Einrichtungen wie Schulen, sozialer Wohnungsbau oder Verkehrswege wurden systematisch vernachlässigt.

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Aber gesellschaftspolitisch wurde unser Land doch kräftig durchgelüftet. Was soll daran schlecht sein?

Es hat beträchtliche Emanzipationsfortschritte gegeben, daran ist erst mal nichts schlecht, das ist positiv. Aber in seiner progressiven, eher linken Ausformung hat der Liberalismus natürlich auch einer gewissen gesellschaftlichen Fragmentierung Vorschub geleistet. Individuelle Persönlichkeitsrechte, verschiedene Geschlechter, unterschiedlichste migrantische Communitys, all das erscheint unter dem Ideal der bereichernden Diversität als wertvoll. Die Frage ist dann aber: Welche kulturellen Mindestregeln gelten, die für alle verbindlich sind? Wo gibt es in der Alltagskultur von Rechten und Pflichten eine Gegenseitigkeit des Zusammenwirkens?

Gibt es so etwas wie eine neue Sehnsucht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt?

Ja. Auch die Trägergruppen der Liberalisierung in der neuen Mittelklasse sind skeptischer geworden. Nehmen Sie das Beispiel Migration. Die Anhänger der Hyperkultur glaubten anfangs, die Zuwanderung mit ihren migrantischen Communitys ließe sich ohne Weiteres in das westlich-liberale Modell mit seinem Spiel der Identitäten einfädeln. Das wird heute sehr viel nüchterner gesehen. Betonte Religiosität etwa ist kein reines Lifestyle-Accessoire. Die Frage der kulturellen Integration ist daher mittlerweile in aller Munde. Zudem gibt es in der neuen Mittelklasse selbst auch Frustrations- und Enttäuschungserfahrungen. Die Ansprüche an das eigene Leben sind hoch, es herrscht ein permanenter Imperativ der Selbstverwirklichung. Hinzu kommt die Anforderung, sich im Aufmerksamkeitswettbewerb ständig als originell und singulär zu inszenieren. Nicht umsonst ist die Depression das für die Spätmoderne geradezu emblematische Krankheitsbild: Es ist sehr anstrengend, alle Möglichkeiten des Lebens auszuschöpfen.

Baukindergeld, "Respektrente", Hartz-IV-Reform, dazu eine verschärfte Flüchtlingspolitik: Die Politik adressiert doch gerade in letzter Zeit verstärkt Ängste in der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse.

Das ist im Grunde der Versuch, Steuerungsfähigkeit über die soziale Dynamik zurückzugewinnen, indem man in den alten Instrumentenkasten des Wohlfahrtsstaates greift: Man "adressiert" und alimentiert mit politischen Angeboten bestimmte Milieus. Aber das ist nicht nachhaltig. Langfristig brauchen wir einen Paradigmenwechsel, hin zu dem, was ich einen "regulativen Liberalismus" nenne.

Was bedeutet das?

Die Populisten wollen den Liberalismus beseitigen, aber eigentlich geht es um dessen Neudefinition. Politik muss wieder stärker eingreifen, stärker regulativ wirken: die Infrastruktur stärken, soziale Mindeststandards durchsetzen, auch kulturelle Regeln des Zusammenlebens definieren, die für alle verbindlich sind, ohne die Liberalisierungsfortschritte der letzten Jahrzehnte abzuräumen. Auch da, wo Arbeit nicht Selbstverwirklichung ist, geht es um Würde. Auch der Gebäudereiniger oder die Pflegekraft schaffen einen Wert. Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, die urbanen Eliten würden auf die anderen herabsehen. Letztlich muss die Politik einen neuen historischen Kompromiss organisieren: zwischen neuer Mittelklasse auf der einen Seite, alter Mittelklasse und neuer Unterklasse auf der anderen Seite.

Gibt es einen Weg zurück in die Stabilität der 70er und 80er Jahre?

Das ist ein Traum. Im Grunde träumt ihn ein Linker wie der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn genauso wie auf der Rechten ein Mann wie Alexander Gauland. Dahinter steckt eine Art rückwärtsgewandter Utopie: Warum kann es nicht einfach wieder so sein wie früher? Wir haben es doch schon mal geschafft! Aber die spätmoderne Gesellschaft produziert mit ihren entgrenzten Märkten und ihrer digitalen Wissensökonomie eine soziale Dynamik mit Aufwertungs- und Abwertungserfahrungen von einer solchen Wucht, dass sie kein Staat komplett wieder einhegen und ausbalancieren kann. Und sie ist pluraler und multiethnischer als die industrielle Moderne. Es gibt keinen Weg zurück in die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" von einst. Das ist pure Nostalgie.

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