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Hamburg im Juni 1945: So haben Sie das Nachkriegs-Hamburg noch nie gesehen

Knapp drei Minuten nur dauert das Video, das das Kriegsende 1945 ins Jetzt zu holen scheint. Neuentdeckte Farbaufnahmen zeigen ein gespenstisch reales Hamburg - und sind der Renner im Internet.

Ein kleiner Junge vor britischen Soldaten am Hamburger Hafen.

Ein kleiner Junge vor britischen Soldaten am Hamburger Hafen.

Die Ruhe ist gespenstisch in Hamburg. Ein Schwenk über das Hafenbecken. Menschen gehen vorbei, eine Frau schiebt unter bedecktem Himmel einen Kinderwagen. Ein Junge spielt im Sand. Zwischen Schotter und Ruinen. Die Kräne sind zum Teil verbogen, hinter den Häuserwänden kommt nichts mehr. Der Schutt zerbombter Häuser säumt Straßen. Es ist Juni 1945. Der Krieg ist seit gerade mal einem Monat vorbei. Der Zweite Weltkrieg. Aber warum sind diese Aufnahmen in Farbe, die alles so viel näher erscheinen lassen?

Das Video heißt "Sensationalle Entdeckung! Hamburg 1945 in Farbe und HD", und dass wir es sehen können, ist der leidenschaftlichen Suche des Leiters des privaten Chronos-Media-Archivs zu verdanken. Konstantin von zur Mühlen beliefert seit 2001 Medien mit Archivmaterial zur deutschen Geschichte - von den 20er Jahren über das Dritte Reich bis zu Stadtporträts. "Spirit of Hamburg" zeigt bewegte Bilder der Hansestadt von 1842 bis 1965. Für die Nachbearbeitung und den Schnitt ist Arne Körner verantwortlich.

Zufallsfund

Dieser Film sei sein Hobby gewesen, sagte Von zur Mühlen im Gespräch mit dem stern. "Weil ich in Hamburg lebe." Selbst bei Recherchen zu ganz anderen Themen habe er immer auch nach Hamburg-Aufnahmen gefragt. Und so fand er in den USA Farbfilme aus der Hansestadt nach Kriegsende. Was um so erstaunlicher ist, da Hamburg britische Besatzungszone war.

Drei Jahre habe er an "Spirit of Hamburg" insgesamt gearbeitet. Eine Tonspur gab es zu den Farbaufnahmen ursprünglich nicht. Das subtile Rauschen, Vogelgezwitscher oder auch das Brummen eines Automotors wurden dazugemischt. "Als Sammler mag ich die Materialien natürlich unbearbeitet. Aber so erreicht man mehr Menschen", sagt Von zur Mühlen.

Es gehe ihm um das "Erleben aus der Zeit heraus", so der Chronos-Chef. Dabei sei es zunehmend schwer, Brücken in die Vergangenheit zu schlagen. Viele Menschen wollten davon nichts wissen. "Aber wir sind mit der Zeit verbunden."

Das nächste Projekt ist "Spirit of Berlin". Diese Aufnahmen geben einen Vorgeschmack:

sal
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