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In Bosnien als Sklavin gehalten: Die Leiden des Mädchens Karla

Im Fall des deutschen Mädchens, das in ein bosnisches Haus verschleppt wurde, werden immer neue schreckliche Details seines jahrelangen Martyriums bekannt. Die deutsche Mutter spricht von "Lügen".

Niemals nach Kriegsende 1999 hätten sich solche Verbrechen in Bosnien ereignet: Das Schicksal einer 19-jährigen Deutschen, dies dort acht Jahre lang wie eine Sklavin gehalten worden ist, schockt die Medien in dem Balkanland. "Wie im schlimmsten amerikanischen Horrorfilm", schrieben die Zeitungen am Sonntag und berichten von einem unvorstellbaren Leidensweg des Mädchens, das wahrscheinlich Karla heißt.

Die heute 19-Jährige wurde vor zehn Tagen in einem Wald nahe des bosnischen Dorfes Gojcin im Nordosten des Landes gefunden worden. Sie sei auf 40 Kilo abgemagert und weise zahlreiche Verletzungen am ganzen Körper auf, berichtete die Staatsanwältin. Karla sei verwirrt und ängstlich gewesen und habe Narben und Blutergüsse an Armen, Beinen und am Kopf gehabt. Sie sei inzwischen an einen sicheren Ort gebracht worden und werde ärztlich behandelt.

Ehepaar festgenommen

Die Polizei nahm ihre mutmaßlichen Peiniger fest: Milenko und Slavojka M. hätten das Mädchen jahrelang in ihrem Haus in Karavlasi im Nordosten Bosniens eingesperrt und es unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten und misshandelt, sagte ein Polizeisprecher dem Fernsehsender FTV. Das Kind habe keinen Kontakt zu Außenstehenden gehabt und nicht zur Schule gehen dürfen.

Ihre deutsche Mutter Christina S. soll sie in diese verlassene Ecke Bosniens gebracht haben, erklärte die Staatsanwaltschaft. S. habe den heute 52-jährigen Milenko M. geheiratet, obwohl der mit seiner bosnischen Frau eine gültige Ehe besaß. Die "Zweitfrau" Christina S. habe ihre Tochter dem Stiefvater überlassen, der sie gemeinsam mit seiner rechtmäßigen Ehefrau brutal gequält habe.

Offenbar weitere Töchter zur Familie gebracht

Nach Angaben der bosnischen Familie war Karla 2005 mit ihrer Mutter nach Bosnien gekommen, als die Mutter eine Scheinehe mit dem jetzt festgenommenen Mann einging, um ihm eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu beschaffen. Er und seine bosnische Frau waren demnach im Bosnien-Krieg (1992-1995) nach Deutschland geflohen und von Christine S. "in einem kleinen Ort zwischen Berlin und Hannover" aufgenommen worden.

Als die Frau später nach Bosnien ging, soll sie noch zwei weitere Mädchen nach Bosnien mitgebracht haben. Sie wurden offenbar mit Brüdern von Bettinas Peiniger verheiratet, die oft geschäftlich nach Deutschland und Österreich reisten.

Mädchen vor einen Karren gespannt

Ihre Freiheit hat Karla offenbar einem Nachbarn zu verdanken, der schließlich die Polizei alarmierte. Er habe gesehen, wie das Mädchen geschlagen und zu schwerer Feldarbeit gezwungen worden sei. Er habe auch beobachtet, wie das Paar sich von dem Mädchen auf einem Karren ziehen ließ: "Sie haben sie an Stelle des Pferds eingespannt und lachten", sagte der Mann. Das Mädchen habe dasselbe essen müssen wie die Schweine.

Er habe schon in der Vergangenheit die Polizei eingeschaltet. Als die Beamten in das Dorf gekommen seien, habe die Familie das Mädchen jedoch versteckt. Am 15. Mai habe er schließlich mit seinem Handy ein Foto von dem Mädchen gemacht und erneut die Polizei alarmiert. Am 17. Mai wurde die junge Frau im Wald gefunden, wo sie von ihrem Stiefvater versteckt worden war.

Von Hunden und Messern verletzt

Der Bericht der Staatsanwaltschaft fügt der Liste der Grausamkeiten weitere Details hinzu: Das Mädchen sei acht Jahre lang auch mit Messern misshandelt und zu schwerster Feldarbeit gezwungen worden. Karla sei bereits erstmals befragt worden und habe unter anderem geschildert, wie sie mit einer Sichel malträtiert wurde.

Nachbarn berichteten, immer wieder habe ihr Stiefvater Hunde auf sie gehetzt, die sie übel zugerichtet hätten. Auch einen Leiterwagen habe sie 400 bis 500 Meter weit ziehen müssen, weil sich das Ehepaar einen Spaß daraus gemacht habe.

Das Mädchen sei regelmäßig von zahlreichen Männern sexuell missbraucht worden. Demgegenüber sagte die Staatsanwaltschaft, das sei noch nicht bewiesen. Allerdings bestätigte sie Medienberichte, dass Karla "wie eine Sklavin" behandelt wurde. Die Wunden von den vielen Misshandlungen seien niemals medizinisch versorgt worden. An beiden Händen seien ihr vor zwei bis drei Jahren einige Fingerknochen gebrochen worden.

"Wir haben hier alle sehr gut gelebt"

Die leibliche Mutter Christine S. lebte Medienberichten zufolge abwechselnd in Deutschland und Bosnien. Laut FTV war sie zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes gegen die mutmaßlichen Peiniger ihrer Tochter in dem Dorf und wurde als Zeugin befragt. In einem Interview bezeichnete sie die Vorwürfe als "Lügen". "Wir haben hier alle sehr gut gelebt", sagte die Frau.

Auch ein Bruder des Festgenommenen wies die Vorwürfe zurück. Das Mädchen sei nur nicht zur Schule geschickt worden, "weil sie geistig behindert ist", sagte Miko M. Er warf den Nachbarn vor, die Roma-Familie aus dem Dorf vertreiben zu wollen.

fw/AFP/DPA / DPA