Kurioses Wie die Polizei einen falschen General fing


Als der Brigadegeneral in Kampfstiefeln und Tarnuniform zu seinem Stammlokal geeilt war, erwartete ihn bereits ein illustres Empfangskomitee, darunter Feldjäger der Bundeswehr. Der vermeintliche Offizier war in Wirklichkeit ein schwuler pensionierter Beamter.

Es war ein nasser und ungemütlicher Abend, als die Hamburger Polizei sich den schwulen General schnappte. Gleich fünf Abgesandte der Staatsmacht hatten sich vor dem Lokal Chaps auf die Lauer gelegt: Ein Staatsanwalt aus der Staatsschutzabteilung, zwei Fahnder in Zivil und zur Verstärkung zwei kräftige Militärpolizisten, in der Bundeswehrsprache Feldjäger genannt.

Gegen 21.30 Uhr fuhr der Brigadegeneral vor und eilte auf Kampfstiefeln über die menschenleere Ausfallstraße zur Kneipe. In voller Tarnuniform, aber die Dienstmütze in der Hand. Unter Militärs ein schwerer Regelverstoß.

"Brigadegeneral" war schwuler pensionierter Beamter

Dann ging alles ruck-zuck: Der Staats-Trupp stellte und enttarnte den Uniformträger: Der vermeintliche Brigadegeneral war in Wirklichkeit ein schwuler pensionierter Beamter, der nie bei der Bundeswehr gewesen war. Als Mitglied des Hamburger Homosexuellen-Clubs "Kommando Nord" lebte er ab und zu Uniform-Fetisch-Gelüste aus. An dem Abend im November war ein Treffen in der Kneipe angesagt, die seit Jahren eines der bekanntesten Hamburger Schwulenlokale ist. "Wir hatten ein Kameradschaftstreffen", erinnert sich der nette ältere Herr, der seinen Namen lieber nicht gedruckt sehen möchte.

Die Uniformfreunde waren aber den Jungs von der Staatsanwaltschaft trotz Tarnbekleidung nicht verborgen geblieben. Und weil Paragraf 132a des Strafgesetzbuches das unerlaubte Uniformtragen verbietet und bis zu einem Jahr Haft androht, lief die Strafverfolgungsmaschine an.

Der Staatsanwalt machte reichlich Beute: Neben dem falschen General wurden im Lokal noch drei weitere Uniformträger einkassiert, allerdings eher untere Ränge. Auf der Stelle wurden die zu Unrecht getragenen Hosen, Hemden und so weiter beschlagnahmt. Wer keine Zivilkleidung dabei hatte, wurde von den Ermittlern nach Hause begleitet und musste sich dort umziehen. Die vier schwulen Uniformfreunde bekamen Strafbefehle zwischen 600 und 2.400 Euro zugeschickt. Nun wollen sie es auf eine Gerichtsverhandlung ankommen lassen.

"Verboten sind Waffen aller Art"

"Wir sind nicht im mindesten gewaltorientiert und haben niemals jemanden gefährdet oder getäuscht", erzählt der falsche General über die schwule Uniformtruppe. Auch mit rechten Exerziergruppen habe man nichts zu tun. Ähnliche Freundeskreise gibt es überall in Deutschland: In Berlin und Brandenburg etwa ist das männerliebende "1. Jägerbataillon Ost" unterwegs. Auf ihrer Homepage steht in Riesen-Buchstaben: "Verboten sind Waffen aller Art." Bei Geländespielen und Lagerfeuer entstehen vielmehr Kontakte verschiedenster Natur.

Nach Angaben der Betroffenen gehen die Behörden nirgendwo so strikt gegen die falschen schwulen Soldaten vor wie in Hamburg. Nach ihrer Rechtsauffassung haben sie sich auch gar nicht strafbar gemacht, weil das Uniform-Verbot nicht etwa die Bundeswehr vor Nachfahren des Hauptmanns von Köpenick schützen solle, sondern die Bürger zum Beispiel vor falschen Polizisten. Sie verweisen etwa auf ein Urteil des Bayerischen Obersten Landesgerichtes, wonach Uniformtragen nicht strafbar ist, wenn es "erkennbar als Maskerade" gedacht sei.

Vorwurf der Homosexuellenfeindlichkeit zurückgewiesen

Von solchen Ideen will die Staatsanwaltschaft nichts wissen: "Der Paragraf beschreibt ein abstraktes Gefährdungsdelikt", erklärt Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger. Das bedeutet, es kommt gar nicht darauf an, ob tatsächlich jemand gefährdet wurde. Die entfernte Möglichkeit reicht. "Wir müssen ermitteln, sonst machen wir uns der Strafvereitelung im Amt strafbar", sagt Bagger. Den Vorwurf der Homosexuellenfeindlichkeit weist er zurück: "Damit hat das nichts zu tun."

Bagger selbst hängt die Sache niedrig: "Unser Schwerpunkt liegt nicht in diesem Verfahren." Nach seiner Darstellung haben einige der Uniformfetischisten bei dem Treffen im Chaps sogar noch Glück gehabt: "Die Feldjäger haben erkannt, das manche der Anwesenden Fantasieuniformen trugen." Diese habe der ungediente Staatsanwalt fälschlicherweise aber zunächst für echt gehalten. Die Fantasieuniformen durften anbehalten werden.

Claus-Peter Tiemann

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