Pädophilie Herr B. in der Kindertagestätte

Nach der Verurteilung wegen Kindesmissbrauch konnte Herr B. in einer Kita arbeiten. Dort vergriff er sich erneut an zwei Kindern
Nach der Verurteilung wegen Kindesmissbrauch konnte Herr B. in einer Kita arbeiten. Dort vergriff er sich erneut an zwei Kindern
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Wie kommt ein wegen Kindesmissbrauch verurteilter Straftäter zu einem Job in einer Kindertagesstätte? Was sich viele Einwohner im niedersächsischem Melle derzeit fragen, hat stern.de vor Ort näher untersucht.
Von Matthias Lauerer

Verurteilt wurde er schon wegen Kindesmissbrauch. Dann erschlich sich Herr B. ungerechtfertigt Arbeitslosengeld und wurde zu einer Geldstrafe von 3.000 Euro verurteilt, die er nicht bezahlen konnte. Die Folge: 720 Sozialstunden.

Sein gar nicht so frommer Wunsch, diese in einer evangelischen Kita abzuleisten, wurde von der zuständigen Sachbearbeiterin auch genehmigt. Und dort konnte sich der 41-Jährige noch einmal an zwei Kindern vergreifen. Was wie ein böser Scherz klingt, ist in Melle tatsächlich im Frühjahr dieses Jahres geschehen. Stern.de wollte wissen, wie die Menschen der 48.000-Einwohner-Stadt damit umgehen.

Ruhig ist es in Melle, sehr ruhig - die Einwohner der Stadt schlafen noch ihren Schock aus. Auf dem Parkplatz schräg vor der evangelischen Kindertagesstätte in der Mühlenstraße Neun stehen nur einige wenige Autos. Die Kindertagesstätte erhebt sich rechts davon, auf ihr ein formidables 70er Jahre Schrägdach.

Geht man durch das quietschende, grüne Tor, so wird man von drinnen ganz kritisch beäugt. Plötzlich schießt Christoph Stiehl aus dem Eingang.

"Ich bin fassungslos und geschockt"

"Was wollen Sie hier", herrscht der sicher sonst ganz friedliche Pastor den neugierigen Reporter an. Der Kontakt zur Presse mag ihm heute nicht so recht schmecken. Der resolute Mann im dunklen Mantel nimmt sich dann aber doch zehn Minuten, um über das zu berichten, was hier vor sieben Monaten geschah. Neben ihm sitzt die Leiterin der Kindertagesstätte Brigitte Specht, 48. Der Träger der Kita ist die evangelisch-lutherische St.-Petri Kirchengemeinde Melle. "Ich bin fassungslos und geschockt. Das hier so etwas passiert", presst Specht hektisch hervor. Sie hat es heute wohl schon häufig sagen müssen, doch jetzt fehlt ihr die Kraft, ihre Mimik unter Kontrolle zu halten. Um die Mundwinkel zuckt es, doch die Tränen der Wut, oder der Trauer, laufen dann doch nicht über die Wangen.

71 Kinder toben im Hintergrund durch die mollig warm beheizte Einrichtung. Mit zehn Kindergärtnerinnen und Praktikantinnen teilt man sich hier die anstrengende Kinder-Arbeit. "Zu wenig", wie Specht findet. Doch darum soll es hier jetzt nicht gehen. Gartenarbeit habe Herr B. gemacht. Braunhaarig sei er gewesen und von normaler Statur. Zunächst sei auch alles ganz korrekt abgelaufen.

Er erschien am 12. März 2007 und danach stets pünktlich zum Dienst um 8.30 Uhr und ging um 13.00 Uhr wieder nachhause. Doch bereits nach ein paar Wochen habe er "ständig nach Freizeit" gefragt, berichtet Frau Sprecht. Wenn sie heute all die Stunden zusammenrechnet, dann kommt die schlanke Frau mit den blonden Haaren nur auf eine "handvoll Tage", die B. hier gearbeitet habe.

"Ich habe alles richtig gemacht"

Die Regenrinne habe er einmal gereinigt und den Keller entrümpelt - Hilfsarbeiten eben. Doch dann kam der 12. April 2007. An diesem Tage kamen die Eltern zweier Kinder, einem Jungen und einem Mädchen zu ihr und erzählten von Übergriffen und Berührungen. Nach einer kurzen Ansage habe es für den 41-Jährigen, der seine Sozialstunden ableistete, sofort Hausverbot gegeben, versichert Frau Sprecht. "Ich habe alles richtig gemacht", sagt sie und will künftig doch etwas ändern: In Zukunft wolle sie sich immer ein "polizeiliches Führungszeugnis" von neuen Mitarbeitern vorlegen lassen. Specht ist sichtlich froh, dass das Gespräch nun endlich vorbei ist. Auch der Pastor atmet hörbar auf.

Draußen vor der Tür zieht jetzt eine junge Frau ihren Holz-Bollerwagen vor das Eingangstor. Sie lächelt zwar, will wohl reden, darf aber zu den Vorfällen auf Befehl von oben nichts nach außen dringen lassen.

Krasse Worte vom Stammtisch

Offener reagiert man im Laden nebenan. Hier verkauft Mitarbeiterin Birgit, 39, tagaus und tagein allerhand Kleidung. Und erzählt von ihrer guten Bekannten, der Frau L. aus Neuenkirchen. Auf telefonische stern.de-Nachfrage ist diese "immer noch sehr betroffen." Und ergänzt: "Ich denke an die Kinder und finde wir haben unser Menschenmögliches getan." Dann legt sie auf. L. arbeitet, laut Aussage der Bekannten schon seit Jahren in der nahen Kindertagesstätte. "Ich finde das ungeheuerlich!" Birgit hat selbst zwei Kinder im Alter von 13 und 17 Jahren. Als ihr das während des Redens auffällt, changiert ihre Gesichtsfarbe mal ins "Weiß", dann wieder ins "Rot". "Schweinerei!", presst sie noch hervor, dann wandern die grauen Winterhandschuhe des nächsten Kunden für 4,99 Euro über den blitzblanken Tresen. Denn es ist irgendwie sehr kalt heute in Melle.

Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "Katastrophe". Immerhin sei nun das "disziplinarisch Notwendige" getan worden, versucht Alexander Retemeyer, Pressesprecher der Behörde, zu beruhigen. Herr B. muss sich an diesem Dienstag vor dem Amtsgericht Osnabrück verantworten. Doch die Sozialarbeiterin arbeitet immer noch auf ihrem alten Posten.

Und wenn man dem Volk dann noch auf´s Maul schaut, dann hört man sie auch in Melle, die krassen Sätze vom Stammtisch: "Dem sollte man die Beine abhacken. Und die beiden Arme!" Eigentlich würde es ja schon reichen, wenn die zuständige Sachbearbeiterin beim nächsten Mal keinen solchen Fehler mehr macht. Und die kranken Gedanken und Taten so aus Melle und am besten noch aus der ganzen Welt fernhält.


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