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Prozess gegen Krankenpfleger: Verteidigung plädiert auf Totschlag

Er soll bis zu 200 kranke Menschen zu Tode gespritzt haben: Im Prozess gegen den Todespfleger von Oldenburg wird heute das Urteil erwartet. Seine Anwältin spricht nur von zweifachem Totschlag.

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels H. vor dem Landgericht Oldenburg hat die Verteidigung eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels H. vor dem Landgericht Oldenburg hat die Verteidigung eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert

Ein wegen Mordes angeklagter Ex-Krankenpfleger hat sich nach Ansicht der Verteidigung nur des Totschlags schuldig gemacht. Der Mann muss sich wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs am Landgericht im niedersächsischen Oldenburg verantworten.

Er soll fünf Patienten am Klinikum Delmenhorst eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt haben. Im Prozess hat er jedoch 90 Taten gestanden, 30 Menschen sollen gestorben sein. Die Polizei ermittelt sogar in mehr als 200 Verdachtsfällen. Die Richter wollen noch am Donnerstag ein Urteil verkünden.

Verteidigung geht nur von zwei Tötungen aus

Entgegen der Anklage geht die Verteidigerin nur von zwei Tötungsdelikten und dreifacher gefährlicher Körperverletzung aus. In einem Fall sei es unklar, ob der Patient an dem Herzmedikament oder wegen seines schlechten Gesundheitszustand gestorben sei, sagte Rechtsanwältin Ulrike Baumann. Im Zweifel spreche das für den Angeklagten. Ihr Mandant habe weder heimtückisch noch aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Deshalb liege Mord nicht vor.

Ein konkretes Strafmaß nannte Baumann nicht. Sie forderte aber, dass die siebeneinhalb Jahre Haft, zu denen das Landgericht den Ex-Pfleger 2008 wegen eines ähnlichen Falls verurteilt hatte, mit einbezogen werden müssten. Auch müssten die Richter berücksichtigen, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren durch ihre schleppenden Ermittlungen unnötig verzögert habe: "Unterm Strich ist vier Jahre überhaupt nichts passiert." Der ernst wirkende Angeklagte äußerte sich nicht.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Haftstrafe für den Mann gefordert. Laut Anklage wollte er die Opfer wiederbeleben, um sich vor Kollegen als Retter aufspielen zu können. Christian Marbach, dessen Großvater unter den Opfern ist, erklärte, die Nebenkläger würden eine Verurteilung wegen Totschlags nicht akzeptieren und Revision einlegen.

Polizei will acht Leichen exhuminieren

Die Polizei will in den nächsten Wochen acht Leichen exhumieren und auf Spuren des todbringenden Medikaments untersuchen lassen. Für vier weitere Exhumierungen liegen ebenfalls bereits Genehmigungen vor. Die Ermittlungen werden voraussichtlich viele Monate in Anspruch nehmen.

Verurteilen können die Richter den früheren Pfleger in dem Prozess nur für die fünf angeklagten Taten. Deshalb könnte ihm ein neuer Prozess bevorstehen, wenn die Polizei ihre Ermittlungen beendet hat. Wann das sein wird, ist noch nicht absehbar.

stb/DPA / DPA