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Prozess gegen Krankenpfleger in Oldenburg: Ein Sunnyboy als Serienkiller

30 Morde hat der Krankenpfleger Niels H. vor dem Landgericht Oldenburg gestanden. Doch es könnten viel mehr werden. Auch gegen die Kliniken wird ermittelt - und sogar gegen die Staatsanwälte.

Von Peter Meroth, Oldenburg

Verspürte laut eigener Aussage einen "Kick", wenn Kollegen ihn für seine Reanimationen lobten: der wegen Mordes angeklagte Niels H.

Verspürte laut eigener Aussage einen "Kick", wenn Kollegen ihn für seine Reanimationen lobten: der wegen Mordes angeklagte Niels H.

Angeklagt sind nur drei Morde und zwei Mordversuche. Aber gestanden hat der Krankenpfleger im Laufe des Verfahrens vor dem Landgericht Oldenburg inzwischen 30 Morde und 60 Mordversuche. "So in etwa", sagt Niels H. Genauer könne er sich nicht erinnern. Oder will er nicht? Allein im Klinikum Delmenhorst, wo der Angeklagte von Ende 2002 bis Mitte 2005 gearbeitet hat, untersuchen die Ermittler 174 Todesfälle. Die Leitung des Klinikums Oldenburg, wo er zuvor tätig war, fürchtet, er könnte auch hier Patienten auf dem Gewissen haben, fünf "sehr wahrscheinlich", sieben wahrscheinlich, vielleicht auch sieben weitere. Niels H. wird wohl als größter Serienmörder in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck und Opferanwältin Gaby Lübben forderten in ihren Plädoyers heute jeweils eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Niels H. selbst hat lange geschwiegen. Erst in den fünf Gesprächen, die er mit dem psychiatrischen Gutachter Konstantin Karyofilis führte, räumte er seine Taten nach und nach ein. Vergangene Woche erklärte er schließlich auch im Gerichtssaal, er mache sich "den vom Gutachter vorgetragenen Sachverhalt zu eigen" - sehr einsilbig tat er das und fast unhörbar leise. Heute nun, am vorletzten Prozesstag, bevor nächsten Donnerstag das Urteil fällt, antwortete er auch auf die Fragen von Richter Manfred Bührmann und entschuldigte sich mit schnellem Blick zu den Angehörigen der Opfer für sein Verbrechen. Er wisse, dass es nicht wieder gut zu machen sei, er hoffe aber, dass die Betroffenen "zu einem Abschluss finden" könnten, wenn er seine gerechte Strafe erhalte.

Vor Schwesternschülerinnen als Retter aufgespielt

Er spricht dabei mit fester Stimme, doch es sind nur wenige, wie gestanzt wirkende Worte, die über seine Lippen kommen. Bei den kurzen Einlassungen zu seinen Taten geht er auf Distanz zu sich. "Man konnte sich an Hand der Krankheitsbilder schon orientieren", sagt er zur Auswahl seiner Opfer. Es waren meist ältere Patienten, die von der Operation noch betäubt waren oder im künstlichen Koma lagen, an denen er seine Reanimationskünste zeigen wollte. Mit dem Herzmedikament Gelurytmal provozierte er bei den hilflosen, von OP und schwerer Krankheit geschwächten Menschen einen Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen und Kammerflimmern. "Man merkte, wenn die Spritze wirkte und die Pumpe aussetzte, und es war auch auf dem Monitor zu beobachten", beschreibt Niels H., wie die entscheidenden Minuten zwischen Leben und Tod begannen. Anschließend verdrückte er sich auf den Flur oder ins Raucherzimmer der Station und wartete auf den Alarm, um sich dann vorzugsweise vor Schwesternschülerinnen und Praktikanten als Retter aufzuspielen. "Ich" sagt er nur, wenn er großspurig von seiner Erfahrung berichtet, wie das Gilurytmal zu dosieren war ("Nie mehr als vier Ampullen."). Oder wenn er schildert, wie die Kollegen ihn, den Superniels, aufs Podest hoben und welchen "Kick" ihm das gab.

Patienten nur noch als "Fälle" gesehen

Der Gutachter glaubt, bei dem Angeklagten neben dem Wunsch nach Anerkennung noch ein tieferes Motiv entdeckt zu haben. Niels H. sei von Ängsten geplagt gewesen, von Höhenangst, von Angst vor Autobahnfahrten. Mehr und mehr auch von Todesängsten, die er mit dem "guten Gefühl", das er nach seinen Taten hatte, zu überdecken versuchte. Möglicherweise sei er gar vom Wunsch getrieben gewesen, beim Reanimieren den Tod zu besiegen. Es ist in diesem Prozess das Verdienst des Psychiaters, dass der Angeklagte sein Schweigen gebrochen hat. Aber die Brücke, die der Gutachter ihm baute, nutzt Niels H. auch, um sich als Opfer der Umstände darzustellen. Entwurzelt, weil er seine Heimatstadt Wilhelmshaven verlassen musste, nachdem er 1999 den Karrieresprung ans renommierte Klinikum Oldenburg geschafft habe. Seinen menschlichen Werten entfremdet, weil er unter den hohen Anforderungen dort die Patienten nur noch als "Fälle" gesehen habe. Und bald wieder unterfordert, weil die Arbeit nach seinem Wechsel ans Klinikum Delmenhorst nicht mehr so anspruchsvoll gewesen sei.

Gleichzeitig versucht er, den Gutachter mit seiner katholischen Erziehung und seinen hehren Grundsätzen zu beeindrucken. Wenn ein Patient einmal seine Reanimations-Künste überlebt und sich etwas erholt hatte, sei die Sache für ihn entschieden gewesen. Er habe ihn dann kein zweites Mal für seine tödlichen Spielchen missbraucht. Und niemals habe er sich vor Mithäftlingen gebrüstet, der größte Serienmörder zu sein. Das hätten die Männer missverstanden. Aber nicht nur bei diesen Aussagen verwickelt sich Niels H. in Widersprüche.

Früheren Kollegen als Sunnyboy in Erinnerung

Seinen früheren Kollegen ist der Krankenpfleger als Sunnyboy in Erinnerung, der immer gute Laune hatte, der beliebt war, den die einen zum Geburtstag einluden und für den andere gern einsprangen, damit er zur Party gehen konnte. Sie beschreiben Niels H. als kompetenten, hilfsbereiten Kollegen, den es aber so nach action drängte, der immer vorneweg war, wenn es einen Patienten zu reanimieren galt, dass manchen auch mulmig wurde. Während er in Delmenhorst tätig war, stieg der Gilurytmal-Verbrauch auf das Achtfache, die Sterbefälle verdoppelten sich. Aber nichts geschah. Auch nicht, als eine Patientin sich erinnerte, dass sie unter verdächtigen Umständen eine Spritze bekam, die ihr Herz krampfen ließ und sie in Todesangst versetzte. Polizei kam in die Klinik. An Hand einer Missbildung seines rechten Ohrs identifizierte die Patientin Niels H. als den Pfleger, der ihr die Spritze gab. Doch verhaftet wurde er erst, als ihm im Juni 2005 eine beherzte Oberschwester bei einem anderen Fall auf die Schliche kam.

Mittlerweile sind die Verantwortlichen der Krankenhäuser wegen unterlassener Hilfeleistung im Visier der Ermittler - und die damaligen Staatsanwälte wegen Strafvereitelung im Amt. Auch neue Verfahren gegen Niels H. sind zu erwarten. Es waren ja erst fünf seiner Taten angeklagt.