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Rebellion der Autofahrer: "Parkuhren-Krieg" in Madrid

Wütende Anwohner und Autofahrer kämpfen gegen Bürgermeister Alberto Ruiz- Gallardón. Der Grund: Plötzlich ist das Parken in Madrid fast überall gebührenpflichtig geworden.

Der 47 Jahre alte Konservative hat im Kampf gegen das chronische Stauchaos in der spanischen Hauptstadt beschlossen, die Zonen für gebührenpflichtiges Parken drastisch auszuweiten. Angesichts von zwei Millionen Autos auf den Straßen klingt die Maßnahme logisch und wird auch von Verkehrsexperten als unvermeidbar betrachtet. In der Bevölkerung regt sich aber heftiger Widerstand. Die Betroffenen werfen Ruiz-Gallardón Geldschneiderei und Willkür vor, zumal die Autofahrer nun auch in Wohngebieten zur Kasse gebeten werden.

In manchen Bezirken ziehen wütende Anwohner nachts durch die Straßen und demolieren die gerade aufgestellten Parkuhren. Die Gebührenautomaten werden umgerissen oder mit Klebstoff außer Gefecht gesetzt, manche der Geräte verschwinden sogar ganz. Anderswo werden die grünen oder blauen Markierungen für gebührenpflichtiges Parken auf der Straße kurzerhand mit weißer Farbe übertüncht - und somit in Gratiszonen zurückverwandelt. "Der Bürgermeister will doch bloß Geld für seine pharaonischen Projekte eintreiben", schimpft ein Anwohner im Bezirk Fuencarral und verweist etwa auf den Ausbau der Madrider Stadtautobahn. Fast täglich bringen die Betroffenen mit ihren Demonstrationen zudem irgendwo in der Drei-Millionen- Metropole den Verkehr zum Erliegen.

Schwangere Kontrolleurin zusammengeschlagen

Den Zorn der Bürger in diesem "Parkuhren-Krieg" müssen oftmals die Kontrolleure ausbaden. "Wir werden bespuckt, beschimpft oder tätlich angegriffen" berichtet María, die für 700 Euro im Monat im Auftrag der Stadtverwaltung das Parkverbot überwacht und die Geldbußen verteilt. Eine im vierten Monat schwangere Kollegin sei von wütenden Autofahrern sogar so schwer verprügelt worden, dass sie ihr Baby verloren habe. Aus Protest gegen die Aggressionen gingen dieser Tage auch die Kontrolleure auf die Straße. Sie verlangen besseren Schutz.

Nach dem Konzept des Bürgermeisters sind weite Teile des Stadtgebiets in grüne Parkzonen für Anwohner und blaue für Besucher eingeteilt worden. Die Stellzeit beträgt maximal zwei Stunden und kostet 2,55 Euro. Zwischen 8.00 Uhr abends und 9.00 Uhr morgens ist das Parken gratis. Beim Überschreiten der erlaubten Parkzeit ist eine Geldbuße von 40 Euro fällig, ohne Parkschein müssen gar 90 Euro berappt werden. Um zu verhindern, dass einfach Geld nachgeworfen wird, muss an vielen Parkautomaten auch das Autokennzeichen eingegeben werden.

Parktourismus in freie Viertel

"Stellen Sie sich vor, ich muss einen Rohrbruch reparieren. Alle zwei Stunden müsste ich meinen Wagen umparken", beklagte ein Klempner. Anwohner können mit ihrem Ausweis (er kostet 24,60 Euro im Jahr) bis zu fünf Tage an der selben Stelle parken. "Und was ist, wenn ich in Urlaub gehe. Muss mein Auto dann für viel Geld ins Parkhaus", fragt eine Frau im Stadtteil Carabanchel.

Kritisiert wird auch, dass es zuweilen in Wohngebieten mehr Besucher- als Anwohnerplätze gibt. Oder dass die Autofahrer auf Nachbarviertel ausweichen, wo das Parken noch gratis ist - was zur Folge hat, dass die Einwohner dort keinen Platz mehr für ihren Wagen finden. Als dann noch in der Presse Berichte auftauchten, der für das Projekt zuständige Stadtrat habe die Konzession für die Parkuhren an einen befreundeten Unternehmer vergeben, war der Skandal perfekt. Nachgeben will Bürgermeister Ruiz-Gallardón aber nicht. Schließlich rechnet die Stadt mit Einnahmen von fast 90 Millionen Euro im Jahr.

Jörg Vogelsänger/DPA

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