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Saubere Städte: Hamburg sagt Wildpinklern den Kampf an

Eine volle Blase meldet sich immer dann, wenn keine Toilette in der Nähe ist. Und so mancher Mann pinkelt einfach, wenn er muss - egal wohin. Mit Open-Air-Pinkelboxen will man solchen "Wildpinklern" Einhalt bieten.

Vielen stinkt es: "Wildpinkler" sind ein öffentliches Ärgernis. Einfache, durchsichtige Pissoirs sollen nun den Harndrang von Männern an öffentlichen Plätzen in Hamburg kanalisieren. "Die neuen Pinkel-Boxen sind ein Kompromiss aus verschiedenen Wünschen", sagt der Sprecher der Hamburger Umweltbehörde, Volker Dumann. Anwohner hatten sich darüber beschwert, dass an den Plätzen wild uriniert werde. Die Polizei wollte wegen Drogenkriminalität und Prostitution an Orten wie Reeperbahn in St. Pauli und Hansaplatz in St. Georg aber keine geschlossenen Toiletten haben.

Vier Boxen aus so genanntem lavierendem Glas stehen nun seit Mitte Dezember im Hamburger Stadtgebiet. Insgesamt 15 der neuen Pissoirs sollen zusätzlich zu den existierenden 160 öffentlichen Toiletten in der Hansestadt aufgestellt werden, sagt Dumann. Die Pissoirs des Stadtmöblierers JCDecaux bestehen aus einer Metallwand, an der das Geschäft verrichtet wird und der durchsichtigen Rückwand. Die unappetitliche Brühe wird in Tanks aufgefangen. Ähnliche Pissoirs gibt es bislang auch in Köln, bestätigt der Hersteller.

Scheiben zu durchsichtig

Die neuen Urinale sollen vor allem den männlichen Harndrang in geordnete Bahnen lenken: Beobachtungen zufolge sind rund 90 Prozent derer, die wild pinkeln, Männer, so Dumann. Aber auch mit den neuen Pinkel-Boxen sind noch nicht alle Gemüter besänftigt.

"Es gab Beschwerden, dass die neuen Pissoirs zu zentral stehen", sagt Dumann. Das wolle man bei den nächsten Boxen, die aufgestellt werden, berücksichtigen. Frauen und Gastronomen fanden außerdem, dass die Scheiben nun zu durchsichtig seien. Durch die Scheiben waren Beobachtern die Umrisse der Gestalten zu genau erkennbar. Deshalb wurde auf Höhe der Körpermitte Klebefolie angebracht. Bei den neuen Boxen sei nun weniger einsichtiges Milchglas im Gespräch.

Dienen auch zu Forschungszwecken

Die Kosten verlaufen gewissermaßen im Sande. "Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit", sagt Dumann. Wer mal schnell muss, darf die Pissoirs unentgeltlich aufsuchen. Die Hamburger Bezirke zahlen ebenfalls nichts. JCDecaux stellt die Wände auf und tauscht die Tanks aus, bevor Geruch entsteht. Dafür bekommt das Unternehmen von den jeweiligen Bezirken Werbeflächen zur Verfügung gestellt.

Und schließlich dienen Glashäuschen auch noch Forschungszwecken: Den Inhalt der Tanks geht an die Technische Universität Hamburg-Harburg, die in einem Projekt mit der Stadtentwässerung untersucht, ob Phosphat und Stickstoff aus dem Urin gewonnen werden können. Dumann: "Wenn das klappt, könnte das in Zukunft die gesamte Toilettenkultur revolutionieren."

Annika Graf/DPA / DPA
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