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Sterbliche Überreste von Richard III.: Königsgrab unterm Parkplatz

So gut wie nie wird heutzutage das Grab eines bedeutenden Königs des Mittelalters entdeckt. In England ist genau das passiert. Eine archäologische Sensation - die mit einer Vorahnung begann.

Von Thomas Schmoll

Erzählt Philippa Langley über ihr Innenleben an jenem Tag im August 2009, könnte der Zuhörer vermuten, dass sie die Erfinderin von "Harry Potter" ist und nicht die Autorin eines Drehbuchs über das Leben des englischen Königs Richard III. Erst war es nur ein merkwürdiges Gefühl, ein plötzliches Frösteln, das sie beschlich. Philippa Langley begann zu zittern. Sie ahnte: hier könnte es tatsächlich sein. Trotz der Hitze wurde das Frösteln zur Eiseskälte. "Ich hatte starke Gänsehaut", berichtete sie später der "Sunday Times".

"Ich bin ein rationaler Mensch, aber das Gefühl, das mich überkam, war das gleiche, als würde ich mir einer Wahrheit bewusst. Es hört sich echt eigenartig und irre an, aber diese Empfindung habe ich immer wieder in meinem Leben." In jenem Augenblick wusste sie ganz genau, "dass ich über sein Grab lief", die letzte Ruhestätte von Richard III., dem König, der im 15. Jahrhundert ganze zwei Jahre die englische Krone auf dem Kopf trug, ehe er in der Schlacht starb.

Philippa Langley spazierte damals nicht etwa über saftig-grüne, sanft geschwungene Hügel oder verwunschene Wälder irgendwo in den East Midlands, sondern über den Parkplatz des Amtes für soziale Dienste der englischen Stadt Leicester. Und obwohl sie wusste, dass ihr Ansatz alles andere als wissenschaftlich war, machte sich die 50-Jährige daran, Sponsoren für Ausgrabungen aufzutreiben. "Ich musste wissen, ob mein Gefühl stimmte." Es gab einen wichtiges Indiz, dass sie richtig liegen könnte.

Richard III. war in der Greyfriars-Kirche begraben worden, die zu einem Franziskanerkloster gehörte, das an etwa jener Stelle vermutet wurde, wo sich heute der fragliche Parkplatz befindet. "Etwa ein Jahr später kehrte ich zurück zu der gleichen Stelle. Auf dem Boden hatte jemand ein großes R (für 'reserviert') auf den angrenzenden Parkplatz gemalt. Dann musste ich einfach nach seinem Grab suchen, weil ich wusste, hier war es. Es war bizarr."

"Hunde bellen, hink' ich wo vorbei"

Im Sommer 2012 - nachdem der Standort des zerstörten Klosters nachgewiesen werden konnte - begannen die Ausgrabungen, unterstützt von Archäologen der Universität Leicester. Und tatsächlich entdeckten die Forscher - Philippa Langley beteiligte sich an den Grabungen - im September 2012 ein Skelett unter dem Asphalt. Nicht nur das. Die Wirbelsäule war krumm, der Tote musste eine schiefe Schulter gehabt haben. Shakespeare hatte Richard III. in seinem gleichnamigen Drama als Bösewicht mit Buckel gezeichnet: "Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt" und "Hunde bellen, hink' ich wo vorbei", heißt es da.

Eine Pfeilspitze im Rücken und Schlagspuren auf dem Schädel ließen vermuten, dass der Mann eine Verletzung im Krieg erlitten hatte. Der König war bei der Schlacht von Bosworth - dem Höhepunkt der Rosenkriege - am 22. August 1485 ums Leben gekommen. Die Forscher ließen das Skelett mit Spezialverfahren wie einer hochauflösenden Computertomographie untersuchen. Sie hatten mit DNA-Material ein biologisches Profil der Charakteristika des englischen Herrschers erstellt. DNA-Proben erhielten sie von dem 55-jährigen Kanadier Michael Ibsen, einem in London lebenden Neffen Richards III. in der 17. Generation.

Kein Zweifel am Befund

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden am Montag veröffentlicht. Und tatsächlich: Philippa Langley behielt Recht. Die Universität Leicester gelangte zu der "akademischen Schlussfolgerung", dass die menschlichen Überreste "jenseits aller berechtigten Zweifel" jene von Richard III. sind. Schon vor der Pressekonferenz am Montag hatte Ausgrabungsleiter Jo Appleby das Foto eines Schädels "in gutem Zustand" veröffentlicht, der viele Einzelheiten über den Toten verraten hatte. Selbst ein Laie kann am Hinterkopf Spuren einer Wunde erkennen, die krumme Wirbelsäule sowieso. Aber auch die Fachwelt staunt. "Archäologen finden so gut wie niemals bekannte Persönlichkeiten", sagte Applebys Kollegin Lin Foxhall. "Das ist absolut ungewöhnlich."

Obwohl er bis heute als Regent umstritten ist, wird Richard III. eine letzte Ruhestätte finden, die eines Königs würdig ist. Geplant ist ein Grab in der Kathedrale von Leicester. Seine Landsleute waren nicht gerade zimperlich mit seinem Leichnam umgegangen. Er wurde geschändet und nackt in einem Wirtshaus zur Schau gestellt. Während dies den überlieferten Fakten zugerechnet werden kann, hat eine Legende am 4. Februar 2013 ein Ende gefunden: Dass die Leiche Richard III. im Fluss Soar entsorgt wurde.

  • Thomas Schmoll