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"Galavit"-Prozess: Millionenbetrüger landen im Knast

Mehr als 150 Krebspatienten hatten auf das angebliche Wundermittel "Galavit" gehofft, viel Geld dafür ausgegeben - doch es war alles Betrug. Das Landgericht Kassel hat die drei Hauptangeklagten jetzt zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die Nachricht schenkte Hunderttausenden Hoffnung. Ivan Desny, bekannter Fernseh-Schauspieler, hat den Krebs besiegt. Prostatakrebs habe er gehabt, sagte er in Interviews, doch nun sei er geheilt - dank eines geheimnisvollen Wundermittels. Galavit heiße es, und für 16.800 Mark (etwa 8500 Euro) könne sich jeder damit heilen lassen. Eine gigantische Lüge: Desny wurde nie geheilt, er hatte gar keinen Krebs. Und das Wundermittel aus Russland war in Wirklichkeit ein billiges Aufbaupräparat, mit dem dann fast 150 Krebspatienten behandelt wurden. Fast alle starben wenig später. Die Betrüger wurden jetzt zu langen Haftstrafen verurteilt.

Der Kopf der Bande, ein 64 Jahre alter Geschäftsmann, muss für sieben Jahre und drei Monate hinter Gitter. Ein Arzt, der mindestens 132 Krebspatienten das russische Stärkungsmittel verabreicht hatte, wurde zu fünf Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Ein Journalist, der die Geschichte von "Wunderheilungen" lanciert hatte, soll drei Jahre ins Gefängnis.

"Galavit war der letzte Strohhalm"

Daniela Wiese war 16, als sie nach Bad Karlshafen kam. Das Mädchen hatte Krebs im Endstadium. "Wir hatten alles probiert, alles", sagt ihre Mutter Sigrid heute. "Galavit war der letzte Strohhalm, an den wir so geglaubt hatten." Voller Hoffnung überwies sie das Geld, samt kräftiger Zuschläge: Knapp 17.000 Mark für die Behandlung, 3000 extra für die Aufnahme in die Klinik im nordhessischen Bad Karlshafen. Weil die gar nicht auf schwerstkranke Krebspatienten vorbereitet war, mussten die Angehörigen die Patienten selbst pflegen. Behelfsmäßig übernachteten sie mit in den Krankenzimmern - und mussten auch dafür noch zahlen.

Die Betrüger "haben wider besseres Wissen den Kranken und ihren Angehörigen Hoffnung gemacht. Das ist besonders verwerflich", sagte der Richter am Kasseler Landgericht in seiner mehr als zweistündigen Urteilsbegründung. Der vorbestrafte Kopf der Gruppe hatte mit Anti-Schnarch- und Potenzmitteln gehandelt, durchaus aber auch seriöse Kontakte nach Russland gepflegt. Als er von Galavit hörte, sammelte er vier Männer um sich. Dazu gehörte der Arzt, einst Chefarzt in der DDR, ohne den der ganze Schwindel laut Gericht nicht möglich gewesen wäre. "Sie haben das Vertrauen missbraucht und sind die zweite zentrale Figur", so der Richter in seiner Begründung.

Handfeste Informationen erhielten die Patienten kaum. In Russland sei ja alles geheim, hieß es. Richtig geklappt hat bei dem Deal nur die Abrechnung, für die die letzten beiden Angeklagten Bewährungsstrafen erhielten. "In der Klinik selbst waren die Zustände nicht gut", sagt Wiese. Täglich habe Daniela Spritzen bekommen, tapfer habe die 16-Jährige die mehrwöchige Behandlung ertragen. Als sie entlassen wurde, war die Hoffnung ein wenig verblasst, aber immer noch da. Wenig später war das Mädchen tot.

So oder ähnlich ging es mindestens 132 Patienten. Die Bande hatte extra ein Call Center eingerichtet, Interessierte wurden zu Gesprächen eingeladen. Dort wurden die aussortiert, die schon während der Behandlung sterben könnten, sagt das Gericht. Die Einnahmen, insgesamt fast 2,4 Millionen Mark, wurden unter den fünf aufgeteilt. Der Arzt bekam 10.000 Mark netto im Monat. Der Journalist und die beiden Kaufleute erhielten Anteile pro Patient, den Löwenanteil überwies sich der Hauptangeklagte auf verschiedene Konten.

Dass Galavit nicht gegen Krebs helfe, könne das Gericht nicht beweisen, sagte der Richter. Das würde Hunderte Millionen Euro kosten. Aber der Vertrauensmissbrauch wiege so schwer, dass es darauf auch nicht ankomme. Jeder der Angeklagten habe gewusst, das Galavit nicht zugelassen und auch gar nicht gegen Krebs gemacht worden sei. Die Verteidigung will dennoch in Revision gehen.

Sigrid Wiese ist das - zumindest fast - egal. "Ich kann mit diesem Urteil leben. Solche Leute müssen einfach hinter Schloss und Riegel." Dann wolle sie endlich damit abschließen. "Ich glaube", sagt sie, "meine Tochter wäre auch mit diesem Urteil zufrieden gewesen".

Von Chris Melzer, DPA / DPA
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