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Die Spur der Drogen: Der Pate

Stjar, Albanien

Clanchef Klement Balili

Clanchef Klement Balili gilt als einer der meistgesuchten Männer der Welt. Und doch wird der "Pablo Escobar des Balkans" immer wieder in Albanien gesichtet.

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Teil 5

Das sieht auch Artan Hoxha so. Es ist schon spät, als er an einem Abend im September noch einmal in sein Büro beim Sender fährt. Hoxha hockt sich an einen Schreibtisch, auf dem es aussieht, als hätte ein Briefträger seine Tasche ausgeleert. Die Briefe stammen von Zuschauern, die Hoxha Hinweise über die Kartelle schicken. Sie senden sie an ihn und nicht an die Polizei, weil sie mehr an einen dicken Journalisten glauben als an ihren eigenen Staat. Aus einem der Stapel zieht Hoxha eine Zeitung heraus und deutet auf das Bild eines Mannes. Er trägt einen Anzug, hat kurze, braune Haare und die Falten eines Mannes Ende 40. "Das ist er", sagt Hoxha. "Das ist Klement Balili." 

In Albanien kennt jeder den Namen Balili. Der Drogenboss zählt zu den berüchtigsten Kriminellen der Welt; und wahrscheinlich fasst nichts die absurde Beziehung zwischen Politik und Mafia in Albanien besser zusammen als genau dieser Fall: die Jagd auf den "Pablo Escobar des Balkans".

Hoxha hat in seiner Sendung immer wieder über Balili berichtet, denn die Sache schlug hohe Wellen. Es gibt Fotos, die den aktuellen Präsidenten Albaniens auf einer von Balilis Partys zeigen. Hoxha sagt: "Die Parteien versuchen mittlerweile, das Thema totzuschweigen. Aber mein Job ist es, sie zu erinnern."

"Die ganze Welt sucht diesen Kerl. Und was macht der? Spazierfahrten wie ein Tourist."

Ein paar Tage später sitzt er deshalb in einem Auto im Süden Albaniens und blickt durch verdunkelte Scheiben auf drei große Villen, vor denen Kameras die Straße absuchen. Hoxha ist nach Stjar gereist, in Balilis Heimatdorf, um dort zu recherchieren. Balilis Frau und ein Großteil des berüchtigten Clans leben noch hier. Hoxha ist nervös, er trägt eine Sonnenbrille und eine Schirmmütze wie ein Hollywoodstar beim Einkaufen.

Bevor Hoxha in das verschlafene Dorf gefahren war, traf er sich an einer Tankstelle mit dem Polizeichef der Region. Der Polizeichef war früher bei den Spezialeinheiten, den Delta Forces, und ist mit der Jagd auf Balili betraut. Hoxha und er sind alte Freunde. Du musst mich rausholen, wenn mir in Stjar etwas passiert, sagte Hoxha. Der Polizeichef biss sich auf die Unterlippe. Wie soll das gehen, wenn 80 Prozent meiner Leute Balili gehören, antwortete er. Für einen Moment schauten sich die beiden Männer an. Dann fuhr Hoxha nach Stjar.

Das Dorf liegt in der Nähe der Stadt Saranda, einem bekannten Touristenort mit einer schönen Promenade, vielen Hotels und Souvenirshops. Albanien sieht hier ein bisschen aus wie Ibiza.

Die Bilanz des Balili-Clans in der Stadt laut Hoxha: mehrere Apartmenthäuser, ein paar Restaurants, eine Diskothek, zwei Kneipen und zwei Hotels, wobei eines davon das "Santa Quaranta" ist – ein Fünfsternehaus mit eigenem Strandzugang, vor dem Luxuskarossen mit deutschen Kennzeichen stehen. Erst im November 2017 wurden das Hotel und mehrere Immobilien der Balilis beschlagnahmt.

Das Balili-Hotel "Santa Quaranta"

Balilis Luxushotel "Santa Quaranta" ist inzwischen geschlossen.

Fünfmal versuchte man hier bisher, auch Balili selbst zu schnappen, immer scheiterte es. Beim letzten Versuch saß er in der VIP-Loge eines Stadions und schaute sich ein Fußballspiel an. Als die Spezialeinheiten eintrafen, war er verschwunden. "Da ist nicht ein einziger Maulwurf am Werk" , sagt Hoxha, "sondern ein Präsidium voll."

Balili habe immer gewusst, worauf es ankam: viel Geld. Es heißt, der Drogenboss habe so gut bezahlt, dass er ein paar Jahre, nachdem er ins Cannabisgeschäft eingestiegen war, sogar die Polizei für seine Transporte nutzen konnte. Im Jahr 2007 wurde ein Streifenwagen mit 700 Kilo Marihuana angehalten. Als die Verbindung zu Balili klar wurde, nahmen sie ihn fest, nur um ihn fünf Monate später wieder frei zu lassen.

Auf den Straßen hier habe das die Leute gefreut, sagt Hoxha. Denn der Clan der Balilis war beliebt. Balili kümmerte sich um die Leute, verlieh Traktoren, bezahlte für Hochzeiten und Krankenhausbesuche. Die arme Landbevölkerung gab ihm deshalb noch einen Spitznamen: Robin Hood. Ende der 2000er war der Süden Albaniens so zu etwas geworden, was Hoxha "Balili-Land" nennt. Ein Ort, an dem ein Mann herrschte wie ein König.

Artan Hoxha zeigt ein Foto von Klement Balili auf dem Handy

Journalist Artan Hoxha zeigt ein Foto von Klement Balili: Jäger und Gejagter – wer wer ist, bleibt unklar.

Die Politik machte Balili 2014 zum Direktor des Ministeriums für Transport und Verkehr im Süden. Ausgerechnet in jener Zeit, als Balili im großen Stil in den internationalen Kokainhandel eingestiegen sein soll. Drogenfahnder der amerikanischen DEA und Europol hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits an Balilis Fersen geheftet. 2016 erließen sie internationalen Haftbefehl gegen den Mann, der mittlerweile Hunderte Millionen verdiente und ein Transportnetzwerk geschaffen hatte, das sich von Griechenland bis nach Österreich erstreckte.

Die Politik wurde Balilis erster richtig großer Fehler. Durch sie trat er aus dem Schatten ins Licht. Nachdem der internationale Druck immer größer wurde, verlor Balili sein Amt und ist seitdem im Untergrund verschwunden. Oder zumindest, was man in Albanien darunter versteht.

Hoxhas weiches Gesicht bekommt einen harten Zug, wenn er davon erzählt. Es war an einem Tag vor etwa acht Wochen, auf einer staubigen Landstraße vor Tirana. Hoxha war an diesem Nachmittag mit einem befreundeten Architekten unterwegs und gerade auf dem Weg zurück in die Stadt, als ein schwarzer Range Rover an ihr Auto heranfuhr. Im Wagen, so erzählt es Hoxha, saß ein Bürgermeister aus dem Süden, ein Verwandter Balilis, der den Architekten begrüßen wollte, und ein weiterer Mann.

Hoxha hatte ihn erst gar nicht erkannt – das Haar war wieder länger, der Bart schimmerte grau. "Du bist doch der Journalist" , sagte der Bürgermeister plötzlich zu Hoxha. Und dann drehte sich auch der andere Mann um, Hoxha schaute in das Gesicht, das er von den Fahndungsfotos kannte. Balili lächelte nicht, er betrachtete Hoxha stumm. Hoxhas Herz schlug bis zum Hals, doch bevor er etwas sagen konnte, wurde das Fenster hochgefahren, und der Range Rover brauste davon.

"Das sagt doch alles über unser Land", sagt Hoxha. "Die ganze Welt sucht diesen Kerl. Und was macht der? Spazierfahrten wie ein Tourist."

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Veröffentlicht am 4. Februar 2018

Artan Hoxha schenkte stern-Auslandsreporter Jonas Breng und Fotograf Matteo Bastianelli zum Abschied eine Pistolenkugel. Eine Drohung, die ihm in einem Briefkuvert von der Mafia zugeschickt worden war. Die Patrone wurde dann allerdings an der Sicherheitskontrolle am Flughafen Tirana konfisziert.

Fotograf Bernd Hartung begleitete Breng durchs Frankfurter Bahnhofsviertel, Antonio Pisacreta porträtierte den scheidenden Kriminalbeamten Valentin Persicke in Lörrach. Weitere Fotos kommen von Tamina-Florentine Zuch (stern), Erik Messori (CAPTA), Boris Roessler (DPA) und Wolfram Steinberg (DPA).

Grafik: Daniel Wüstenberg

Video: Martin Thiele (Redaktion), Florian Saul (Schnitt), Tanja Hirner (Sprecherin), Jannis Frech (Sprecher)

Konzept, Produktion und Redaktion stern.de: Felix Haas, Daniel Wüstenberg

Der Artikel erschien zuerst im stern 06/2018.

stern-Cover 05/2018


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