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Michel Fourniret: Der Mädchenmörder aus den Ardennen

Neun Taten hat er gestanden. Die Polizei fürchtet weitere grausige Funde. Michel Fourniret fing seine Opfer mit kühler Berechnung, zog alle Register, um jeden Verdacht von sich zu wenden. Und seine Frau half ihm dabei.

"Ich muss zum Kloster, wo ist das?" Am 26. Juni 2003 fragt Michel Fourniret die 13-jährige Marie-Ascension Kirombo im belgischen Ardennen-Städchen Ciney nach dem Weg. Das Mädchen erklärt dem Fremden im weißen Lieferwagen, wie er fahren muss. Der Mann gibt vor, die Beschreibung nicht zu verstehen. Er bittet sie, einzusteigen und ihn hinzulotsen. Als sie zögert, lächelt er freundlich. Er könne ihr Zögern gut verstehen, aber er sei Lehrer, sie habe nichts zu befürchten. Auch ihr Vater ist Lehrer, Marie-Ascension fasst Vertrauen. Kaum hat sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen, braust Fourniret davon. Die 13-Jährige erschrickt, aber sie handelt überlegt. Ob er ein Mitglied der Bande von Dutroux sei, fragt sie den Mann am Steuer. "Dutroux? Nein, ich bin viel schlimmer", antwortet er und grinst das Mädchen an.

Durch die Heckklappe entwischt

"Ich habe Gott gebeten, mir zu helfen, und zwar lautstark", erinnert sie sich. Das laute Beten macht den Entführer wütend. Er stoppt, zerrt das Mädchen in den Laderaum, fesselt sie an Hand- und Fußgelenken. Während Fourniret weiterfährt, kann sie ihre Fußfesseln lösen. "Anschließend nagte ich das Lederband an den Händen durch", berichtet sie. Als der Lieferwagen, inzwischen 23 Kilometer von Ciney entfernt, an einer Kreuzung stoppt, entwischt sie durch die Heckklappe, ohne dass ihr Peiniger etwas merkt. Eine Autofahrerin nimmt das winkende Mädchen auf und fährt mit ihr zur Gendarmerie.

Auf dem Weg kommt ihnen Fourniret entgegen. Offenbar sucht er nach seinem geflohenen Opfer. Die Frauen notieren die Autonummer. Als er nach Hause kommt, haben Polizisten sein Anwesen bereits umstellt. Es wird noch ein Jahr dauern, bis sich herausstellt, dass ihnen ein Serienmörder ins Netz gegangen ist. Erst als Fournirets Frau Monique Olivier, 55, erfährt, dass die Ehefrau und Komplizin des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux wegen Mitwisser- und Mittäterschaft zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde, packt sie aus. Sie war bei sechs Morden dabei und wusste über seine Taten Bescheid. "Ich gehe auf die Jagd", hatte ihr Mann angekündigt, wenn er nach Mädchen Ausschau hielt.

Fourniret begann seine kriminelle Karriere als Spanner und Exhibitionist. Aus dem Algerienkrieg zurückgekehrt, wird der Sohn eines Stahlkochers 1966 in seinem damaligen Wohnort Nantes und 1973 in Verdun verurteilt, aber ins Gefängnis muss er nicht. Am 4. September 1982 hält er der 14-jährigen Dahina le Guennan in einem Pariser Vorort eine Flasche vors Gesicht: "Das ist Säure", droht er. "Ich hab ein Auto geklaut und entführe dich jetzt. Danach kommst du frei - es passiert dir nichts." Wenig später hält er an einem Feldweg: "Wir täuschen jetzt eine Vergewaltigung vor."

Dahina le Guennan ist heute 36 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Nun, 22 Jahre später, schildert sie die brutale Vergewaltigung. Fourniret sei während der Tat "extrem ruhig" gewesen und habe sie anschließend in der Nähe ihrer Wohnung aus dem Auto gelassen; ihre Mutter sei sofort zur Polizei gegangen. Aber erst zwei Jahre später, nach zehn weiteren Vergewaltigungen, kam der Täter ins Gefängnis.

"Gefährlicher Perverser"

Es dauert noch einmal drei Jahre, bis im Juni 1987 das Urteil gegen ihn ergeht: sieben Jahre Gefängnis, davon zwei auf Bewährung. Nach Anrechnung der Untersuchungshaft und weiterem Straferlass kommt Fourniret im Oktober 1987 frei - obwohl ein psychiatrisches Gutachten ihn als "gefährlichen Perversen" einstuft. Außerdem werden ihm "neurotische Störungen" bescheinigt, insbesondere hinsichtlich der "Jungfräulichkeit der Mädchen".

Nur zwei Monate nach der Entlassung, am 11. Dezember 1987, findet er in der Nähe von Auxerre sein nächstes Opfer, die 17-jährige Isabelle Laville, eine Gymnasiastin, die er auf dem Schulweg abfängt. Fourniret vergewaltigt das Mädchen - und wird zu ihrem Mörder.

Während der Haft hatte er seine spätere Frau kennen gelernt. Mit einer Anzeige in einer katholischen Zeitung suchte sie Kontakt, die beiden schrieben sich. Am 28. Juli 1989 heiratet er Monique Olivier im Rathaus von Floign, in der Nähe von Sedan, in dem sich Fourniret eine kleine Hütte gebaut hat. Trauzeugen und einzige Gäste sind die Nachbarn Gérard und Jocelyne Cadé. Drei Jahre lang gehen die Cadé-Töchter Nadège, 9, und Coralie, 5, bei Fourniret ein und aus, er ist ein geduldiger Zuhörer, bringt ihnen Schach bei, erzählt ihnen Geschichten, zeigt ihnen den Schuppen hinterm Haus. Sie erleben ihn nur als den freundlichen Mann von nebenan.

"Auf die Jagd" geht er anderswo, und seine Frau wird zur Komplizin. Sie hätten ein krankes Baby, das dringend zum Arzt müsse, lockt er im August 1988 die damals 20-jährige Fabienne Leroy ins Auto. Die junge Frau solle ihnen den Weg zeigen. Im März 1989 steigt Jeanne-Marie Desramault zu Monique Olivier beim Bahnhof Charleville-Mézières in den Wagen. Die bieder aussehende Frau verspricht, die 22-Jährige schnell nach Hause zu fahren. Doch ein paar Ecken weiter nimmt sie plötzlich noch einen Tramper auf - Michel Fourniret.

Erfolg mit dem Baby-Trick

Im Dezember 1989 überredet Fourniret die damals zwölfjährige Elizabeth Brichet wieder mit dem Baby-Trick, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Am vergangenen Wochenende wurden Jeanne-Maries und Elizabeths Leichen im Schlosspark von Sautou ausgegraben.

Der Staatsanwaltschaft gesteht Fourniret, er habe "pro Jahr zwei junge Mädchen gejagt". Bis 1993 tötet er sieben Menschen, sechs der Morde hat er zugegeben, einen weiteren legt ihm seine Frau zur Last. Zwei Morde folgen 2000 und 2001, jeweils im Mai. Auch die gesteht Fourniret. Doch Staatsanwalt Yves Charpenel befürchtet Schlimmeres: "Wir sind noch weit von der Wahrheit entfernt." Niemand mag glauben, dass das "Monster aus den Ardennen", wie ihn französische und belgische Zeitungen nennen, sieben oder gar zehn Jahre lang Pause machte. Behörden in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in Dänemark überprüfen mehr als 30 ungeklärte Fälle, überwiegend Sexualstraftaten.

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Nach eigenem Bekunden hat der 62-jährige Fourniret aber auch aus Habgier gemordet. 1988 tötete er "aus Geldmangel" einen Geschäftsmann an der Autobahn Paris-Dijon. Im gleichen Jahr wird Farida Hamiche vermisst gemeldet, damals 31. Ihr Lebenspartner, ein Zellengenosse von Fourniret, war angeblich Aktivist von Action directe. Er beauftragte den Kumpan, gemeinsam mit ihr die Kriegskasse der französischen Terrorgruppe zu verwahren. Doch Fourniret bringt Farida Hamiche um und kassiert die Beute. Mit einem Teil davon soll er das Chateau Sautou bei Sedan für zwei Millionen Franc (gut 300 000 Euro) gekauft haben. Im Schlosspark fand die Polizei am vergangenen Wochenende neben den beiden Leichen auch den Rest des Schatzes: 25 000 Euro.

Die Ermittlungen versacken

1992 zieht Fourniret nach Belgien in das 150-Seelen-Nest Sart-Custinne. Er nennt sich Förster, in Wahrheit schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Viele Stunden kurvt er über die Wege durch die sanfte Hügellandschaft der Ardennen. Die typischen graubraunen Steinhäuser mit Schieferdach säumen die Straßen. An der Zollstation auf der N 89 fallen die Schieferplatten vom Dach, Stromkabel hängen ins Freie, und Straßendreck lagert sich auf den Scheiben der unbesetzten Wachhäuser ab. Die Grenze ist hier schon lange keine Trennungslinie mehr. Doch für die Justizbehörden besteht immer noch ein tiefer Graben, in dem alle Ermittlungen versacken.

Als sich Michel Fourniret um einen Job als Aufseher in der Schulkantine im belgischen Gedinne bewirbt, fordert der Bürgermeister sein Vorstrafenregister an: Es ist leer. Kein französischer Ermittler oder Psychologe hat sich jemals dafür interessiert, wohin der Kinderschänder gezogen ist, obwohl weiter Mädchen im Grenzgebiet verschwinden.

Fourniret legt geschickt falsche Spuren. In Mourmelon-le-Grand, wo gleichzeitig ein anderer Serienkiller wütet, übernimmt er dessen Methode: Er erschießt die 20-jährige Fabienne Leroy - seine anderen Opfer hat er meist erdrosselt, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Die Polizei schreibt den Mord lange Zeit dem falschen Täter zu.

In seinem neuen Wohnort Sart-Custinne wundern sich Nachbarn über den Kauz. "Er schaltete oft nachts um zehn Uhr das Flutlicht an seiner Hauswand ein und mähte den Rasen, baute an einer Mauer oder grub mit seinem Bagger Löcher, so groß wie Tischplatten, in die er dann Setzlinge pflanzte, so klein wie mein Daumen", erinnert sich Jean Moreau, der seine Steinmetzwerkstatt direkt hinter Fournirets Garten hat. "Er war ständig am Werkeln, ohne Ziel, ließ plötzlich eine Sache unfertig liegen und begann die nächste." Niemand im Dorf wusste, wohin Fourniret seine lange Ausfahrten machte. Wenn er zurückkam, postierte er einen Sichtschutz vor seinem Lieferwagen, bevor er ihn entlud. "Er zog die Mauern um sein Haus immer höher", sagt Moreau.

"C'est bien" - ist gut, alles klar

Anfangs plaudern die beiden Nachbarn noch hin und wieder, helfen einander mit Werkzeug und Material aus. Doch Fourniret reagiert über die Jahre zunehmend gereizt und stur. Zwei Mal will Monique Olivier ihren Mann verlassen, macht sich zu Fuß und mit Gepäck auf, um zu ihren beiden Söhnen aus erster Ehe zu ziehen. Doch Michel Fourniret holt sie noch in der nächsten Ortschaft ein und bringt sie zurück. Sie bleibt fast immer im Haus, liest viel, hört klassische Musik. Sie schminkt sich nie, geht selten zum Friseur, trägt alte, ungepflegte Kleidung. Ihrem Mann gegenüber verhält sie sich extrem unterwürfig. Bei gemeinsamen Abendessen spricht sie fast nie, er dagegen sehr viel und selbstbewusst. Wenn er was von seiner Frau will, antwortet sie: "C'est bien" - ist gut, alles klar.

Hin und wieder sucht sie Arbeit - als Altenpflegerin, Aufseherin in der Schule wie ihr Mann. Zuletzt soll sie einen Fortbildungskurs als Fachkraft in der Tourismuszentrale von Gedinne gemacht haben. Familienangehörige oder Bekannte kommen fast nie zu Besuch. Monique Oliviers Sohn aus erster Ehe reist einmal im Streit ab. Er kann die autoritäre Art Michel Fournirets nicht ertragen. Dessen leiblicher Sohn Sélim dagegen muss die Wutausbrüche seines Vaters über sich ergehen lassen. Zur Strafe versteckt Michel Fourniret seine Lieblings-CDs oder verhängt Ausgangssperre.

Die Eheleute S. sind in dieser Zeit die einzigen Bekannten, die auch mal ins Haus der Fournirets kommen. Ihr Sohn, heute Verwaltungsangestellter im Ort, ist Hauptzeuge für versteckte Waffenlager bei dem Serienkiller. Welche Waffen Michel Fourniret ihm einst stolz gezeigt hat, will er nicht sagen. "Ich müsste lange Zeit arbeiten, um mir solche Teile leisten zu können."

Trotzdem bleibt Fourniret unentdeckt. Die belgische Polizei habe 1996 einmal sein Haus durchsucht und eine Waffe gefunden. Auch Ehefrau Monique Olivier sei verhört worden, berichtet die flämische Zeitung "De Morgen". Ein inzwischen gestorbener belgischer Fahnder habe sogar Kontakt zu französischen Ermittlern gehabt. Aber nichts geschah. Erst am 26. Juni 2003 macht Fourniret seinen entscheidenden Fehler, als er Marie-Ascension aufliest. Ein Jahr lang sitzt er danach in Haft. Niemand scheint ihm seine Taten nachweisen zu können, obwohl bekannt ist, dass zehn Jahre zuvor das Au-pair-Mädchen der Familie, eine 16-jährige französische Waise, spurlos verschwand. Fourniret zieht alle Register, um jeden Verdacht von sich zu wenden.

"Ihr Schweigen verursacht großen Lärm"

Im November setzt er einen Brief an die Redaktion der Lokalzeitung auf. "Ich appelliere an Ihre Hingabe zu unserem fünfjährigen Kind", schreibt Michel Fourniret an die Babysitterin seines Sohnes Sélim. "Sie hatten unseren Sohn an der Hand, als wir eines Sonntags im Sommer auf einen Dorfmarkt in den Ardennen gegangen sind. Sie hatten das dicke Plüschtier, das verlassen auf der Ablage eines Standes lag, ins Herz geschlossen. Sie hatten ihm einen Namen gegeben. Melden Sie sich, nennen Sie den Namen als Erkennungszeichen. Geben Sie doch ein Lebenszeichen! Ihr Schweigen verursacht großen Lärm."

Durch die Angaben seiner Frau scheint nun auch dieser Fall geklärt. Sie war Zeugin, wie er sich an dem Mädchen verging und sie strangulierte. Danach, so die Aussage von Monique Olivier, verscharrte er sie im Wald.

Albert Eikenaar, Tilman Müller und Tilman Wörtz / print