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Todesstrafe: Henker aus Überzeugung

Ahmed Reskallah hat mit seinem Schwert in 23 Jahren mehr als 300 Menschen enthauptet. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, versichert er. Denn der 43-Jährige ist kein Verbrecher, sondern der oberste Scharfrichter Saudi-Arabiens.

Reskallah erledigt seine Arbeit aus Überzeugung. Die Schärfe des Schwertes und Körperkraft seien für einen guten Scharfrichter das Wichtigste, sagte er kürzlich in einem Interview der saudischen Zeitschrift «El Madschalla». «Außerdem muss der Henker die nötige Courage haben und vom Sinn seiner Arbeit überzeugt sein», zitierte ihn das arabisch-sprachige Magazin.

In Saudi-Arabien, wo der Wahabismus, die strengste Richtung des Islams, die Gesetze bestimmt, werden Menschen hingerichtet, weil sie angeblich vom Glauben abgefallen sind oder wegen Zauberei, Ehebruchs, Straßenraubes, Drogendelikten und Mordes verurteilt wurden. Die Strafe für minderschwere Delikte wie Diebstahl ist die Amputation von Gliedmaßen.

Ohne Anwalt vor Gericht

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International erfahren Delinquenten in Saudi-Arabien nur selten vorher, dass ihnen die Hinrichtung droht. Manchmal wissen Gefangene nicht einmal, dass sie verurteilt wurden. Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen über das saudische Justizsystem bemängelt, dass es keine Pflichtverteidiger gibt. Viele stünden darum ohne Anwalt vor Gericht. Häufig ist es der erste Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende Hinrichtung, wenn der Gefangene an einem Freitag in Handschellen aus seiner Zelle geholt wird. Denn Hinrichtungen finden üblicherweise nach dem Freitagsgebet statt.

Auch vor einer Hinrichtung kann Reskallah ruhig schlafen. Doch stets versucht er noch, die Familie eines Verbrechensopfers dazu zu bewegen, dem Täter zu vergeben. «Manchmal geschieht dies buchstäblich in der letzten Minute vor einer Hinrichtung.» Nach islamischem Recht kann die Familie des Opfers dem Täter gegen Zahlung eines ausgehandelten Blutgeldes verzeihen. Wenn einem Verbrecher vergeben wird, applaudieren und jubeln die Menschen. «Die Szenen dieses Glücks sind unbeschreiblich», sagt der Scharfrichter.

«Ich höre mir ihren letzten Wunsch an»

Kommt es nicht zu einer solchen Vereinbarung, muss sich der 43-Jährige an die Arbeit machen. «Ich höre mir ihren letzten Wunsch an», erklärt Reskallah. «Einige wollen beten, anderen wollen auf dem Exekutionsplatz zum Gebet aufrufen. Da ich das Sagen auf dem Platz habe, gewähre ich ihnen normalerweise ihren letzten Wunsch, sofern das die Hinrichtung nicht verzögert.»

In seinem Berufsleben hat Reskallah auch 70 Frauen enthauptet. «Die Leute glauben, dass Frauen zart und schwach sind. Doch vor der Hinrichtung brechen die meisten Männer zusammen. Wenn sie erfahren, dass ihnen vergeben wurde, sind sie gelähmt. Einige werden verrückt. Frauen dagegen haben im allgemeinen Nerven aus Stahl», berichtet er. «Tatsächlich waren die meisten Frauen, die ich hinrichtete, stark und gefasst. In kritischen Situationen sind sie viel stärker als Männer», konstatiert der oberste Henker.

In 23 Jahren nichts bereut

Obwohl in Saudi-Arabien jeder weiß, dass es Hinrichtungen gibt, ist das Leben eines Scharfrichters nicht ganz einfach. «Die Leute schauen mich an, als sei ich von einem anderen Stern», sagt Reskallah. «Sie versuchen den Kontakt mit mir zu vermeiden.», erzählt der Henker. Obwohl er nichts bereut, möchte Reskallah nicht, dass seine beiden Söhne Abdullah (21) und Chamis (17) in seine Fußstapfen treten. «Ich möchte, dass sie studieren und etwas anderes machen.»

Alexandra Pironti / DPA
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