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US-Bundesstaat Louisiana Familie befreit Entführungsopfer - und tötet Kidnapper


Auf die Polizei wollte die Familie eines Kidnapping-Opfers in Louisiana nicht warten. Sie machte sich selbst auf die Suche, befreite die junge Frau - und tötete ihren Entführer.
Von Jens Wiesner

Im kleinen Ort Duson in Louisiana wird ein Mann gefeiert, der einen anderen Menschen tötete. Wer genau den 29-jährigen Scott Thomas mit drei Schüssen niederstreckte, darüber schweigen sich die Behörden noch aus. Fest steht: Es war ein Mitglied der Familie Arceneaux. Fest steht auch, was die allermeisten der 1700 Einwohner Dusons von der Tat halten: Scott Thomas hatte den Tod verdient.

Die tragische Geschichte beginnt am späten Mittwochnachmittag, wie die lokale Zeitung "Daily Advertiser" berichtet: Bethany Arceneaux biegt auf den Parkplatz der Kindertagesstätte in der Madeline Avenue im benachbarten Lafayette ein. Ihr zweijähriger Sohn wartet bereits. Doch gerade als die 29-Jährige wieder losfahren will, wird ihre Autotür aufgerissen. Scott Thomas steht vor ihr, der Vater ihres Kindes, ihr Exfreund - und der Mann, der sich Bethany per richterlicher Anordnung gar nicht nähern dürfte.

Im Juni hatte Thomas sie und ihren gemeinsamen Sohn laut "Daily Advertiser" zu Hause eingesperrt und mit dem Tode bedroht. Bethany hatte damals ausgesagt, bereits mehrfach von ihrem Freund gewürgt und mit einem Messer an der Kehle bedroht worden zu sein. Die Richter glaubten ihr. Thomas war es egal. Er lauerte seiner Exfreundin weiter auf, konfrontierte sie zuletzt am 8. August. Mehrere Anklagen laufen gegen den 29-jährigen Mann: schwere Körperverletzung, Flucht vor einem Polizeibeamten.

Familie sucht auf eigene Faust

Jetzt ist Scott Thomas gekommen, um sie zu holen. Bethany gerät in Panik, ruft um Hilfe, drückt immer wieder auf die Hupe ihres Wagens. Eine Passantin hört die Schreie - und entschließt sich nicht wegzuschauen: Stattdessen rennt Derrimetrie Robinson auf das Auto zu, aus dem sie eine unbekannte Frau anfleht, ihren Sohn mitzunehmen. Robinson bekommt den kleinen Jungen im Handgemenge zu greifen - doch Bethany kann sie nicht mehr helfen. Scott Thomas zerrt sie zu seinem eigenen Auto, einem weißen Buick LeSabre, reißt die Tür auf, stößt seine Ex-Freundin hinein und prescht davon.

Robinson alarmiert die Polizei, die sogleich ausschwärmt. Bereits wenige Stunden später werden die Beamten fündig. Thomas hat sein Fluchtfahrzeug nur neun Meilen entfernt vom Tatort abgestellt, in Duson, der Heimat seiner Exfreundin, am Rande eines Feldes. Doch vom Entführer und seinem Opfer fehlt jede Spur.

Am Donnerstagmorgen tappt die Polizei weiter im Dunkeln. In diesem Moment hat Bethanys Familie längst beschlossen, der Suche nicht tatenlos zuzusehen. Die Angehörigen schwärmen auf eigene Faust aus, durchkämmen die Umgebung, versuchen den Entführer anzurufen, verteilen Suchplakate mit Bethanys Foto. Leslie Westbrook, ein Fotograf des "Daily Advertiser", begleitet die verzweifelte Gruppe. Doch der Tag endet enttäuschend: Kein Lebenszeichen von Bethany.

Drei Schüsse, ein Toter

Am Freitagmorgen geben Zeugen der Familie den entscheidenden Tipp. Ganz in der Nähe der Anderson Road - dort, wo die Polizisten den weißen Buick fanden - soll es ein verlassenes Haus geben. Der Suchtrupp, bestehend aus mehreren Brüder der Verschwundenen, einem Onkel und mindestens einem Nachbarn, beschließt nachzusehen. In geländetauglichen Quads rasen sie über das Feld, direkt auf das verlassene Haus zu. Sie sind bewaffnet.

Als sich der Suchtrupp dem Haus nähert, hören sie die panischen Schreie einer Frau. Es ist Bethany, die um Hilfe fleht. Die Familie beschließt zu handeln. Die Waffen gezückt treten sie die Tür zum Haus ein. Drinnen erwartet sie ein grausiges Bild: Bethany blutüberströmt, Thomas sticht vor ihren Augen auf die junge Frau ein. So wird es die Familie später zu Protokoll geben. In diesem Moment zieht ein Familienmitglied seine Waffe, legt auf den Entführer an und drückt drei Mal ab, wie Police Captain Kip Judice später erklären wird. Der Entführer bricht zusammen.

Bethany ist übel zugerichtet. Blut läuft ihr über das Gesicht, deutlich zeichnen sich die Spuren von Schlägen auf ihrer Haut ab. Später wird Bethany sagen, dass ihr Entführer ihr weder zu essen, noch zu trinken gegeben habe. Aber sie lebt. In den Armen ihres Onkels findet Bethanys zweitägiges Martyrium ein Ende: Marcus Arceneaux trägt seine Nichte nach draußen, legt sie behutsam in ein Auto. In diesem Moment drückt der Fotograf des "Daily Advertiser" ab. Als kurze Zeit später ein Spezialkommando der Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, können die Beamten nur noch den Tod von Scott Thomas feststellen. Bethany befindet sich längst auf dem Weg ins Krankenhaus.

Gesetz schützt Schützen

"Es war wie in einem Film", erklären Bethanys Brüder Kaylyn Alfred und Ryan Arceneaux kurze Zeit später einem Reporterteam des "Advertiser". Die Männer sind sich sicher: "Wenn wir nicht getan hätten, was wir taten, wäre sie jetzt tot."

Auch Captain Kip Judice, zuständiger Sheriff des Bezirks Lafayette, hält die Aktion der Familie für gerechtfertigt. "Er [das Familienmitglied] tat, was er tun musste, um dem aggessiven Verhalten von Herrn Thomas ein Ende zu setzen", erklärt der Polizist den "Advertiser"-Reportern. Über die genaue Identität des Schützen herrscht derweil Stillschweigen. Auch, wenn nun Ermittlungen aufgenommen werden - mit einer Anzeige wird er wohl nicht rechnen müssen, wie der "Advertiser" weiter berichtet. Ein Gesetz des Staates Louisiana schützt die Handlungen der Familie. Töten kann gerechtfertigt sein, heißt es dort - wenn jemand einen Menschen aus einer lebensbedrohenden Gefahr rettet.

Korrektur: In einer ersten Fassung des Textes war fälschlicherweise von einem Bundesgesetz die Rede. Es handelt sich aber um ein Gesetz, das nur im Staat Louisiana gilt.


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