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Reportage aus Brüssel Molenbeek: Besuch in der Keimzelle des Terrors

Die Menschen in Brüssel sind erschüttert. Am Morgen dieses 22. März hatten drei Selbstmordattentäter 31 Menschen in den Tod gerissen. Am Abend kommen die ersten Trauernden am Place de la Bourse zusammen, um einander festzuhalten, zu weinen. Doch was treibt die Menschen an, die dieses Verbrechen begehen konnten? Eine Metrostation im Europaviertel und der Flughafen von Brüssel waren zu Anschlagszielen geworden. Orte, an die sich jeder begibt, und die schwer vor fanatisierten Attentätern zu schützen sind. Einige Metro-Stationen sind am nächsten Tag wieder geöffnet. Wer jetzt wieder in die Bahn steigen will, muss sich vorher von belgischen Soldatinnen und Soldaten durchsuchen lassen.


Doch wer sind diese heimtückischen Mörder, vor denen sich nun auch die Menschen in Europa fürchten?
Einen Tag nach dem Anschlag sind die drei Belgier arabische Herkunft identifiziert. Es sind die bis zu diesem Tag nur als Schwerkriminelle bekannten Brüder Khalid und Ibrahim El Bak - raoui und der mutmaßliche Bombenbastler Najim Laach - raoui. Wir begeben uns auf ihre Spur.


Am Morgen des Anschlags hatten die drei Männer ein Taxi hier in die Rue de Max Roos gerufen, das sie in der zum Flughafen bringen sollte. Der Fahrer meldete die Adresse später der Polizei.  Spezielle Einsatzkräfte stürmten eine Wohnung im 5. Stock dieses Hauses. Die Beamten fanden weiteren Spengstoff, den die Täter hier zurückgelassen hatten.
Das Haus scheint schon lange leer zu stehen. Viele der Fensterscheiben sind blind, eingesteckte Werbung lässt die Briefkästen überquellen. Jetzt fragen sich Bewohner der Nachbarschaft, warum diese Männer hier unentdeckt bleiben konnten.  Auch die Jugendlichen haben hier nie einem von ihnen gesehen.
Nach Najim Laach – raoui wurden seit den Anschlägen in Paris gefahndet. Seine DNA war auf Sprengstoff gefunden worden, wie er auch  ei den Anschlägen in Paris verwendet worden war. Doch befand sich ihr Versteck wirklich hier im Brüsseler Stadtteil Scharnbeck?
 
Wir begeben uns nach Molenbeek, jenem arabischen Stadtteil vom Brüssel, aus dem vier Monate zuvor die Attentäter von Paris aufgebrochen waren. Einer von ihnen, der  bis dahin flüchtige Salah Abdeslam, jener 26 – jährige Mann, der vor dem Pariser Stadion seine Sprengstoffweste nicht zündete, wie es zwei seiner Kumpane taten, wurde hier im Kreis von Unterstützern von der Polizei aufgespürt, angeschossen und verhaftet. Eine große Pizzabestellung hatte die Sympathisanten des islamistischen Terrors in dem bereits unter Beobachtung stehenden Haus verraten. Die Sozialwohnung gehört der Stadt. Gleich nebenan ist die Zufahrt zu einem städtischen Gebäude, aus dem täglich Baufahrzeuge ein- und ausfahren. Angestellte der Stadt können es immer noch nicht fassen, dass sich der gesuchte Salah Abdeslam gerade hier  so lange versteckt halten konnte. Und sie fragen sich: Ging er hier wirklich ein und aus? Oder wurde er von anderen in seinem Versteck,  im Keller der Wohnung der Mutter eines Freundes, versorgt.
 
Seit den Anschlägen von Paris gilt der Stadtteil Molenbeek in der Presse der westlichen Welt als gefährliche Terroristenhochburg. Dabei ist dieser Stadtteil mit zehntausenden von zumeist arabischstämmigen Brüsseler Bürgern eines jener großen Migrantenviertel wie es sie überall – größer oder kleiner - in Westeuropa gibt. Molenbeek hat Probleme. Eines ist Bildungsarmut, ein anderes die hohe Arbeitslosigkeit.  Ein weiteres aber ist der Wahabisnus, jene fundamentalistische Auslegung des Islam, dessen Verbreitung in Belgien seit einem halben Jahrhundert mit viel Geld aus Saudi-Arabien gefördert wird. Ein Problem, das auch den Vertretern eines moderaten Islam in dem Moscheen des Viertels zu schaffen macht, wie Jamal Habbachich, mit dem ich nach den Anschlägen Paris darüber gesprochen hatte. Aber Molenbeek ist vor allem ein lebendiges Viertel mit freundlichen Menschen und vielen arabischen Geschäften. Mit Bürgern, die über die genauso erschüttert sind wie überall in der Stadt. Und erschrocken darüber, dass die Täter aus ihrer Nachbarschaft sind.
Sie waren junge Männer, wie es hier viele gibt. Salah Abdeslam betrieb hier mit seinem  Bruder Ibrahim ein Cafe. Sie interessierten sich für Moden und Marken, rauchten Schischa, tranken Bier und Wiskey. Und sie dealten: Anabolika, Haschisch und auch harte Drogen. Nicht sehr lange vor dem Anschlag in Paris hatte die belgische Polizei den Laden wegen Drogenhandels dicht gemacht. Die Verfügung klebt noch immer an der Tür.


Doch damals hatten Nachbarn schon lange die inbrünstigen Gebete aus dem Café gehört. Den Virus des Islamismus hatte ihr Jugendfreund Abdelhamid Abaaoud eingeschleppt, ein Junge aus einem wohlhabendem arabischen Elternhaus, der damals eine der besseren Brüsseler Schulen gesuchte. Der Bote des Islamischen Staates galt als Kopf der Zelle.  Er wurde bei einer Razzia kurz nach den Anschlägen in Paris in einem Feuergefecht mit der Polizei erschossen.
Salah Abdeslam war noch in der Nach der Anschläge in Paris von Freunden dort abgeholt und zurück nach Molenbeek gebracht worden. Hier, wo sein anderer Bruder noch immer im Haus der Eltern am Marktplatz wohnt, konnte er auf gute Freunde zählen, die ihn versteckten und unterstützten. Sein Bruder, der versichert, das er der religiösen Verwandlung Salah Adeslams wenig Beachtung geschenkt hätte, äußerte sich zuerst erleichtert über dessen Festnahme.


Doch die wurde zum Startsignal seiner Mitverschworenen, die sich nun in der Metro und im Flughafen selbst im die Luft sprengten, um möglichst viele Menschen in dem den Tod zu reißen.  Ibrahim El Bak – raoui, einer der drei Attentäter von Brüssel, diktierte seinen Abschiedsbrief in den Lap-Top: Er wolle nicht „wie er“ in der Zelle enden.  Er meinte Salah Abdeslam.
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Ob die Anschläge von Brüssel oder die Pariser Attentate - die Spuren des Terrors führten stets nach Molenbeek. Der arabisch geprägte Brüsseler Stadtteil gilt als Islamisten-Hochburg Europas. Ein Ortsbesuch.
Von Kuno Kruse und Philipp Weber

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