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Myanmar: Die Großmutter, das Baby und der Tod

Vor dem Zyklon lebten im Dorf Shawchaung fast 2000 Menschen. Jetzt ist die Hälfte der Bewohner tot, bei Familie Pauksee haben nur die 70-jährige Daw und das Baby Nilar überlebt. Unzählige dieser Schicksale gibt es in Myanmar. Zynischer Erfolg der Abschottungspolitik: Die Welt erfährt kaum davon. Spenden sind rar.

Von Manuela Pfohl

Sie schreit und schreit und schreit. Da kann Großmutter Daw sie noch so sehr in ihren Armen wiegen. Nilar kann sich einfach nicht beruhigen. Es ist, als ob das drei Monate alte Mädchen spüren würde, dass es alles verloren hat: Mutter, Vater und fünf Geschwister. Gestorben am 2. Mai, abends, als der große Sturm nach Shawchaung kam, einem kleinen Dorf nahe der Küste im Bezirk Latputta.

Daw kennt jeden Stein im Ort und die meisten Nachbarn auch. Schon Ewigkeiten hat die 70-Jährige hier mit ihren Kindern und Enkelkindern gelebt. Die Pauksees waren Reisbauern, wie fast alle in der Gegend. Eine Durchschnittsfamilie, die sich immer irgendwie durchschlagen konnte und meistens zufrieden mit ihrem Leben war. Jetzt ist keiner mehr da. Zyklon "Nirga" hat sie einfach weggeschwemmt. Was soll die Großmutter sagen, wenn Nilar einmal groß ist, nach ihrer Familie und dem Dorf fragt und wissen will, warum sie alles verloren hat? Daw hat keine Antwort und Wah Eh auch nicht.

Immer dieselben Fragen

Wah Eh, einem der vielen einheimischen Mitarbeiter von World Vision werden in diesen Tagen immer wieder dieselben Fragen gestellt. Von all den Flüchtlingen, die seit Tagen in die Lager der internationalen Hilfsorganisation im Irrawaddy-Delta strömen. Auf der verzweifelten Suche nach Wasser, einer Schüssel Reis und jemandem, der ihnen zuhört, wenn sie ihre Geschichten vom Tod erzählen. Wie Nilars Großmutter: "Am Abend des 2. Mai wurde der Wind immer heftiger und dann so gewaltig, dass auf einmal sogar das Wasser landeinwärts drängte. Der Wind und der Regen waren so chaotisch und wirbelten alles durcheinander.

Ich befürchtete Schlimmes, schnappte mir meine Enkelin und lief los; ihre Mutter folgte uns. Um uns herum waren ganz viele andere Dorfbewohner, meist Frauen. Dann plötzlich überraschte uns eine Flutwelle. Ich sah, wie Nilars Mutter in den Fluten unterging und versuchte noch, sie irgendwie zu retten, ohne die Kleine loszulassen. Doch die Kraft der Flut war übermächtig.

"Halt das Baby fest"

Eine Frau neben mir rief: 'Halt lieber das Baby fest, lass die Frau los!' Und dann habe ich mich wirklich nur noch darauf konzentriert, mich und das Baby zu retten. Als der Sturm endlich vorbei war, fand ich die Leichen von Nilars Eltern und zwei älteren Brüdern. Da hab ich Nilar in meinen Longji (das traditionelle Rocktuch, d. Red.) eingewickelt, und dann sind wir mit einem Boot den langen Weg nach Myaung Mya gefahren. Im Dorf konnte ja keiner mehr bleiben, überall lagen Leichen herum. Es waren auch nicht genug Männer da, um die toten Körper zu begraben. Die Leichen wurden deshalb aufgelesen und einfach im Friedhofsgelände aneinandergereiht. Nachts weinten viele Frauen und Kinder und riefen um Hilfe.

Auf der weiten Reise zum Lager in Myaung Mya hatte ich nichts zu essen, das Baby wurde so schwach, dass es beinahe doch noch starb. Unterwegs am Rande eines Flusses, ich weiß nicht mehr, wann das war und wo, habe ich um eine Flasche Milch für Nilar gebettelt, so hat sie überlebt."

Viel mehr kann er nicht tun

World-Vision-Helfer Wah Eh versucht Daw zu trösten und ihr Mut zu machen. Er streichelt die schreiende Nilar und umarmt die weinende Großmutter. Viel mehr kann er nicht tun. Es gibt viel zu viele, die Hilfe bräuchten und viel zu wenig Helfer. Fast zwei Wochen ist es her, dass die Katastrophe über das Land und die Menschen im Irrawaddy-Delta hereinbrach - und noch immer fehlt es am Nötigsten für die Überlebenden.

Nach UN-Schätzungen sind bis zu 128.000 Menschen durch den Zyklon ums Leben gekommen. Mehr als anderthalb Millionen Flüchtlinge wurden obdachlos und haben alles verloren. Für sie müssen nicht nur Nahrung, Wasser, Decken, Zelte, Medikamente und Kleidung beschafft werden. Auch Baumaterial und Handwerkszeug zum Wiederaufbau ihrer Häuser werden dringend gebraucht. Doch die Kapazitäten der wenigen internationalen Hilfsorganisationen, die die Erlaubnis haben, direkt im Katastrophengebiet arbeiten zu dürfen, sind bald erschöpft. Spenden werden dringend benötigt. Aber die kommen nur spärlich, stellen die großen Hilfsorganisationen inzwischen mit Sorge fest.

Bescheidenes Spendenaufkommen

Das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) appelliert deshalb an die Deutschen, mehr Geld zu spenden. Das bisherige Aufkommen sei eher bescheiden, meint DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke.

Bei der Aktion Deutschland Hilft (ADH), der neben neun anderen Hilfsorganisationen auch World Vision angehört, in deren Lager Großmutter Daw und Nilar Unterschlupf gefunden haben, sind bislang 250.000 Euro eingegangen. Im Dezember 2004, drei Tage nach dem Tsunami, seien es mehr als 3,6 Millionen gewesen, sagt ADH-Sprecherin Janina Niemietz. ADH sei auf Spenden angewiesen: "Wir können die Leute doch nicht im Stich lassen."

Niemand sieht das Elend

Inzwischen herrschen teils unvorstellbare Zustände auf den Straßen und in einigen Notunterkünften im Irrawaddy-Delta, berichtet ein anderer Helfer. "Da sterben Kinder wie die Fliegen, weil einfach keine Nahrung, kein Wasser und keine Medizin da ist und auch keiner, der sich um sie kümmern kann." Doch niemand kann die Bilder des Elends sehen. Ausländischen Berichterstattern hat die Militärjunta das Betreten der "Todeszone" nicht erlaubt. Und selbst Mitarbeiter von westlichen Hilfsorganisationen dürfen oft nicht zu denen, die dringend auf Unterstützung warten.

Nach Meinung des Berliner Psychologen Peter Walschburger hat gerade das Fehlen aufwühlender Bilder aus Myanmars Katastrophenregionen die Spendenbereitschaft der Deutschen verhindert. "Was sich da abgespielt hat, war wie ein kleiner Tsunami", sagt Walschburger. "Eine Identifikation mit den Opfern war aber ohne schnelle und authentische Bilder kaum möglich", ergänzt der Psychologe der Freien Universität Berlin. Studien belegten, dass der Mensch anderen in der Not helfen wolle. "Diese Grundeinstellung muss aber herausgefordert werden. Und das funktioniert nur in einem emotionalen Kontext", sagt Walschburger.

Unglaublicher Zynismus

"Es ist ein unglaublicher Zynismus, dass die Militärregierung es mit ihrer absoluten Abschottung nach außen offenbar geschafft hat, die Opfer der Flut nun ein zweites Mal zu Opfern zu machen", meint ein Helfer. Auch beim Bündnis Entwicklung Hilft - dem Brot für die Welt, die Deutsche Welthungerhilfe, medico international, Misereor und terre des hommes angehören - steigt die Sorge um die Überlebenden der Flutkatastrophe. Beim Bündnis blieb der Spendeineingang mit 400.000 Euro hinter den Erwartungen zurück.

Ähnlich sieht es das Deutsche Rote Kreuz. Dort liegen nicht mehr als 380.000 Euro auf den Spendenkonten. Die Diakonische Katastrophenhilfe erhielt knapp 300.000 Euro. Nach Auskunft von Caritas International wären jedoch zwei Millionen Euro als Soforthilfe für Myanmar nötig. Für Menschen wie Großmutter Daw, die alles verloren hat, nicht weiß, wie es weitergehen soll und dennoch nicht aufgeben will. "Meine Verwandten haben mich gedrängt, Nilar in andere Hände zu geben, aber ich bringe es nicht übers Herz", sagt sie. "Das Kind ist mein einziger mir verbliebener Lebenssinn."

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