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stern-Gespräch

Leben in der Anonymität: So wurde Astrid Holleeder zur Frau ohne Gesicht

Ihr Bruder ist der bekannteste Schwerverbrecher der Niederlande. Sie beschloss, gegen ihn auszusagen. Seitdem lebt Astrid Holleeder in der Anonymität – und rechnet mit dem Schlimmsten.

Niederlande: Sie sagte als Belastungszeugin gegen eigenen Bruder aus

Willem Holleeder (l.) im Jahr 2012. Es ist das Jahr, in dem er aus dem Gefängnis kommt und sich in Talkshows der Niederlande als geläuteter Krimineller präsentiert. Fotos von sich, wie mit ihrem Bruder Willem aus Kindertagen (M.), versucht Astrid Holleeder zu vermeiden

Das Hochsicherheitsgericht von Amsterdam, im Volksmund "de Bunker", liegt in einem Gewerbegebiet zwischen Autohändlern und Elektromärkten. Auch an diesem Märzmorgen drängeln sich in aller Frühe die Menschen vor der Sicherheitsschleuse, um den Sensationsprozess gegen Willem Holleeder zu verfolgen. Seit er vor 35 Jahren mit seinem Komplizen Cor van Hout den Brauereibesitzer Alfred Heineken entführte, hat sich Holleeder seinen Ruf als berüchtigtster Gangster der Niederlande hart erarbeitet. 1992 kam er aus dem Knast – und mischte fortan überall mit: Drogen, Prostitution, Erpressung. 20 Jahre später, als er wieder einmal in Freiheit gelangte, erfand er sich neu als charmanter Talkshow-Gast und geläuterter Ex-Verbrecher. Aus "de Neus", wie der heute 59-Jährige wegen seiner prominenten Nase genannt wird, wurde ein "knuffelcrimineel", ein Kuschelkrimineller. Doch dann packte seine kleine Schwester Astrid aus.

Von 2013 an erhob sie in mehreren Sitzungen bei der Staatsanwaltschaft massive Vorwürfe gegen den Bruder. 2016 veröffentlichte sie ein Buch über ihre Familie, 2017 ein weiteres. Astrid Holleeders Angaben fließen ein in den seit Februar 2018 laufenden Prozess, in dem Willem Holleeder unter anderem wegen fünffachen Mordes angeklagt ist. Er selbst weist jede Schuld von sich und wirft seiner Schwester vor, sie wolle ihn als Monster darstellen.

Berüchtigtster Gangster der Niederlande

Im Gerichtssaal sitzt Astrid Holleeder Mitte März als Zeugin hinter einem Sichtschutz, nur Richter und Staatsanwaltschaft können sie sehen. Die 52-Jährige liest einen Brief vor, den Stien Holleeder geschrieben hat – die Mutter von Willem, Astrid und ihrer Schwester Sonja. Die alte Dame will nichts mehr mit ihrem Sohn zu tun haben und bittet die Justiz, ihn nie wieder aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu entlassen. "Er hat versucht", so schreibt sie, "meine Töchter erschießen zu lassen." Tatsächlich hat ein Zeuge ausgesagt, dass Holleeder aus der Haft heraus den Auftrag gegeben habe, seine Schwester Astrid umzubringen. Diese hat inzwischen ihre Arbeit als Anwältin aufgegeben und ist in die Anonymität abgetaucht. Es gibt keine aktuellen Fotos von ihr, nur wenige kennen ihr Gesicht. "Er bekommt lebenslänglich", schreibt sie in ihrem Buch, "aber ich auch." Zwei Tage nachdem Astrid Holleeder vor Gericht ausgesagt hat, trifft der stern an einem geheimen Ort auf eine zierliche, aber energische Frau.


Frau Holleeder, wie wird man unsichtbar?

Ich habe gelernt, wie ich mein Gesicht verändern kann. In meinem Rucksack trage ich immer eine Maske, falsche Zähne und Kleidung zum Wechseln. Ich gehe zum Beispiel in einem schwarzen Jogginganzug zum Zahnarzt, ziehe mich auf der Toilette um und komme danach in einem roten Kleid wieder heraus. Wenn es nötig ist, kann ich mich innerhalb von Sekunden in eine völlig andere Person verwandeln, meine Augenfarbe, meine Zähne oder meine Frisur wechseln. Das reicht, um Verfolger zu verwirren. Wenn die erwarten, dass eine Frau aus dem Auto steigt, sie aber plötzlich einen Mann sehen, werden sie nicht das Risiko eingehen, sofort zu schießen.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Zur Schwimmprüfung meiner Enkel habe ich mich in einen alten Mann verwandelt und unerkannt in der hintersten Reihe gestanden. Aber selbst meine Tochter weiß nicht, wo ich gerade wohne. Als wir uns das erste Mal auf einem Parkplatz trafen, erschreckte sie sich. Ich trug Perücke und eine falsche Nase, und sie hatte mich nicht erkannt. Wir dürfen nie zusammen in der Öffentlichkeit gesehen werden, die Leute könnten Fotos von uns machen. Meine Tochter ist Fernsehmoderatorin und tut alles dafür, berühmt zu sein. Ich dagegen tue alles, um unbekannt zu bleiben. Es gibt keine aktuellen Fotos von mir, weil das meine Sicherheit gefährden würde.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Ich lebe an verschiedenen Orten und schreibe an meinem nächsten Buch. Muss ich eine Wohnung verlassen, kontrolliere ich erst, ob ich auffällige Personen auf der Straße sehe. Dann ziehe ich meine kugelsichere Weste an und gehe zu meinem gepanzerten Wagen. Ich schaue unterwegs, ob mir jemand folgt, und halte mindestens sechs Meter Abstand zum Wagen vor mir. Dann kann ich noch entkommen, falls plötzlich neben mir ein Motorrad auftaucht. Wenn ich zurückkomme, suche ich einen Parkplatz in der Nähe der Wohnung. Wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, ziehe ich nicht nur die Weste an, sondern auch einen kugelsicheren Kragen und einen kugelsicheren Schutzhelm. Dann überprüfe ich auf meinem Handy über das Kamerasystem, ob jemand Verdächtiges vor meiner Haustür steht, und renne rauf.

Am 24.1.2003 sichert die Polizei im nordholländschen Amstelveen einen Tatort. Der Mann, der dort erschossen wurde, ist Cor van Hout

Am 24.1.2003 sichert die Polizei im nordholländschen Amstelveen einen Tatort. Der Mann, der dort erschossen wurde, ist Cor van Hout


Über viele Jahre war Astrid Holleeder die wichtigste Vertrauensperson ihres Bruders, oft besuchte er sie in der Morgendämmerung, um über Familiendinge und Geschäfte zu sprechen. In den Jahren 2003 bis 2006 erschütterte eine Reihe von Morden die Amsterdamer Unterwelt. Zuerst wurde Willem Holleeders ehemaliger Komplize Cor van Hout, der mit Holleeders Schwester Sonja verheiratet war, auf offener Straße erschossen. Dann starben vier weitere Unterweltgrößen, die allesamt Holleeders Geschäftspartner waren. Der musste 2006 ins Gefängnis – nicht wegen der Morde, sondern weil er eines der Opfer erpresst hatte. 2012 war er wieder frei.


2013 haben Sie, Sonja und Sandra den Hartog, die Ex-Freundin Ihres Bruders, Kontakt mit den Justizbehörden aufgenommen und ausgesagt, dass Willem in den Jahren 2003 bis 2006 mehrere Morde in Auftrag gegeben habe. Sind Sie sofort in ein Zeugenschutzprogramm gekommen?

Nein, wir waren anfangs auf uns allein gestellt. Ich habe mir die kugelsichere Weste anfertigen lassen und den kugelsicheren Helm. Einen Waffenschein durfte ich nicht bekommen, also habe ich mir illegal eine Waffe besorgt. Denn eins war klar: Ich lasse mich nicht einfach abknallen. Wenn die Regierung mich nicht schützt, dann schütze ich mich eben selbst.

Sie haben sich mit einer Waffe geschützt, aber auch mit dem Schreiben.

Als ich untertauchte, musste ich Amsterdam verlassen. Aber die Bürgermeisterin einer anderen Gemeinde wollte nicht, dass ich dort wohne. Als Anschlagsziel sei ich ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung. Das war dieselbe Gemeinde, in der mein krimineller Bruder jahrelang gelebt hatte, aber mich, die ich dem Staat helfe, wollten sie dort nicht haben! Da habe ich mir gesagt: Wenn Regierung und Justiz mich nicht schützen wollen, dann mache ich eben Druck. Ich habe meine ersten beiden Bücher geschrieben, um zu überleben.

Warum haben Sie beschlossen, Ihren Bruder zu verraten?

Er hat gedroht, Sonja umzubringen – unsere Schwester! Sonjas Mann Cor hatte mit dem Journalisten Peter R. de Vries ein Buch über die Heineken-Entführung geschrieben, das nun verfilmt werden sollte. Mein Bruder wollte daran mitverdienen. Er hat ihr gesagt, sie könne eine Münze werfen, welches ihrer Kinder zuerst sterben solle. Einmal hielt er Sonjas und Cors siebenjährigem Jungen eine Pistole an den Kopf, um zu erfahren, wo sich Cor versteckte. Ich habe lange an den Mythos der Familientreue geglaubt. Aber als ich sah, dass er fähig war, seine eigene Familie zu ermorden, wusste ich: Der Feind ist nicht da draußen, sondern mitten unter uns. Von da an habe ich unsere Gespräche heimlich auf Tonband aufgenommen, weil ich Beweise haben wollte, wenn ich gegen ihn aussage.

Hatten Sie keine Angst, dass er die Mikrofone in Ihrer Kleidung entdeckt?

Ich habe die Aufnahmegeräte an verschiedenen Stellen versteckt, links und rechts in meinem BH und in der Kapuze meines Mantels, weil ich auch aufnehmen wollte, was er flüstert. Einmal beugte er sich über mein Gesicht, zog mir die Kapuze über und flüsterte mir direkt ins Ohr. Ich war mir sicher: Wenn er jetzt die Mikrofone entdeckt, schlägt er mich an Ort und Stelle tot.

In den Achtzigern hat van Hout (l.) gemeinsam mit Willem Holleeder (r.) den Bier-König Alfred Heineken entführt

In den Achtzigern hat van Hout (l.) gemeinsam mit Willem Holleeder (r.) den Bier-König Alfred Heineken entführt

Ihr Bruder hatte mehr Vertrauen zu Ihnen als zu irgend jemand anderem.

Er hat nie damit gerechnet, dass ich ihn verraten würde. Seine kleine Schwester, sein eigen Fleisch und Blut! Wir hatten einen Code, wie wir miteinander sprachen. Seit der Heineken-Entführung stand unsere Familie ja ständig unter Beobachtung. Die Polizei hat sogar Lippenleser auf uns angesetzt.

Sie wussten viel über die Geschäfte Ihres Bruders. Waren Sie je an Verbrechen beteiligt?

Nach 1992 habe ich in Unternehmen meines Bruders und meines Schwagers gearbeitet. Mir wurde im Laufe meines Jurastudiums klar, dass ich damit auch vom Heineken-Lösegeld profitiert hatte. Später erfuhr ich nur, dass mein Bruder bestimmte Leute umbringen lassen wollte, aber nicht wann und wie. Außerdem hätte ich mich selbst in Lebensgefahr gebracht, wenn ich sie gewarnt und mein Bruder das erfahren hätte.


Sowohl Sonja als auch Astrid machten Tonbandaufnahmen, von denen einige im aktuellen Prozess als Beweismaterial abgespielt wurden. Holleeder beschimpft darauf seine Schwestern und gibt finstere Andeutungen von sich: "Du weißt, was ich mache." 2014 wurde er verhaftet, weil er den Journalisten de Vries bedroht hatte. Holleeders Rolle bei den Unterweltmorden untersuchte die Staatsanwalt schon lange, fand aber nie Beweise. Dann sagte Astrid Holleeder aus, dass ihr Bruder für viele Mordaufträge verantwortlich sei und nicht einmal davor haltmachen würde, seine Geschwister zu töten.

Van Hout war mit Holleeders Schwester Sonja verheiratet (Abbildung von 1992, mit Tochter)

Van Hout war mit Holleeders Schwester Sonja verheiratet (Abbildung von 1992, mit Tochter)

Haben Sie Angst vor Ihrem Bruder?

Ich bin an das Leben mit brutalen Männern gewöhnt, es gab eine ganze Reihe davon in unserer Familie. Unser Vater arbeitete für Heineken und war ein prügelnder Alkoholiker, der alle tyrannisierte und für den jede Frau eine Hure war. Mein Großvater war noch schlimmer, ein sehr, sehr bösartiger Mann. Er war wie mein Bruder: Er wollte nicht haben, was du liebst, er wollte nur, dass du es nicht mehr hast.

Ihr Vater war so gewalttätig, dass Sie ihn umbringen wollten, als Sie 14 Jahre alt waren.

Ich hatte unter meinem Bett schon ein großes Küchenmesser versteckt, dass ich ihm in den Bauch rammen wollte, wenn er das nächste Mal verrückt spielt. Ich habe es nicht getan, aber die Ironie der Geschichte ist, dass ich mich Jahrzehnte später über meinen schlafenden Bruder beugte und dachte: Wie einfach wäre es für mich, dich jetzt zu töten.


Als Willem Holleeder 2012 aus der Haft entlassen wurde, brachte ihn seine Schwester Astrid in ein sicheres Haus außerhalb von Amsterdam, weil er fürchten musste, selbst ermordet zu werden. Er wusste nicht, dass seine Schwester mit dem Gedanken spielte, ihn umzubringen.


Warum wollten Sie Ihren Bruder töten?

Er hat gedroht, meine Schwester und ihre Kinder umzubringen.

Warum haben Sie ihn nicht getötet?

Meine Tochter sagte, Sie wolle keine Mörderin zur Mutter haben. Außerdem habe ich mich irgendwann gefragt, warum immer ich die Probleme von allen anderen lösen soll? Ich habe zu Sonja gesagt: Wenn ihn überhaupt jemand umbringt, dann ja wohl am ehesten du. Schließlich hat er deinen Ehemann ermordet und bedroht jetzt deine Kinder und dich. Warum muss ich mich immer um alles kümmern? Tu selbst was! Aber Sonja sagte nur: Ich kann das nicht, ich kann ihn nicht töten.

Baby Astrid mit ihren Eltern. Dem Vater macht sie später schwere Vorwürfe

Baby Astrid mit ihren Eltern. Dem Vater macht sie später schwere Vorwürfe

Trotz allem, was zwischen Ihnen und Ihrem Bruder geschehen ist, sagen Sie, dass Sie ihn lieben.

Für meinen Vater fühle ich nichts als Hass. Aber meinen Bruder hasse und liebe ich, denn auch er war ein Opfer unseres Vaters. Willem und ich, wir wollten beide keine Opfer mehr sein. Also mussten wir Täter werden, jeder auf seine Weise.

Die brave kleine Schwester Astrid hat mehr mit ihrem bösen großen Bruder gemein, als es scheint?

Ja, wir haben zu viel gemein. Ich kann ihn sehr gut verstehen: Er will nicht mehr geschlagen werden, sondern schlägt selbst zu. Er will nicht ermordet werden, sondern wird selbst zum Mörder. Willem verbreitet wie unser Vater Angst und Schrecken, und jetzt steht er bis zu den Knien im Blut. Ich als Frau habe einen intelligenteren Weg genommen, war fleißig in der Schule, habe Jura studiert und als Anwältin in Strafrechtssachen gearbeitet. Ich wollte immer alles selbst im Griff haben.

Wie hat Ihr Bruder auf Ihren Verrat reagiert?

Wir alle wissen, dass der Gedanke an Rache das Einzige ist, das Willem in seiner Zelle noch am Leben hält. Er hat genug Mittel und Wege, dafür zu sorgen, dass wir auch nach seinem Tod verfolgt werden. Mir war von Anfang an klar, dass ich meinen Verrat mit dem Tod bezahlen muss. Aber trotzdem liebe ich ihn noch immer.

Bereuen Sie, ihn nicht umgebracht zu haben, als Sie die Gelegenheit hatten?

Ja, und zwar für uns beide. Denn jetzt bringe ich ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter, und das ist kein Leben für ihn. Es wäre humaner gewesen, ihn gleich zu töten. Ich würde ihn umarmen und dann erschießen – aus Liebe. Wenn wir beide jetzt zusammen sterben könnten, dann würde ich das wählen. Dann wäre es endlich vorbei.

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