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Opferbetreuung: Chinas seelische Nachbeben

Neben den Nachbeben und der Gefahr von Überschwemmungen plagt die Chinesen im Katastrophengebiet noch etwas anderes: schwere psychische Probleme. Psychologie-Dozent Xu Yun und seine Studenten leisten seelische erste Hilfe. Ellen Deng sprach mit ihnen.

"Meine Mama ist tot, der kleine Hase ist nicht tot", war der erste Satz, den die kleine Yingzi* nach dem Erdbeben über ihre Eltern sagte. Die Dreijährige ist die einzige Überlebende in ihrer Familie. Ein Fremder rettete sie aus den Überresten des fast völlig zerstörten Orts Beichuan. Sie kam ins Jiuzhou-Stadion der Stadt Mianyang, das nach dem Erdbeben in ein großes Flüchtlingslager umgewandelt worden war. Dort verschloss sie sich gegenüber allen anderen, außer gegenüber Jian, einem 17-jährigen Jungen, der sie hierher getragen hatte. Sie lockerte erst auf, als ihr jemand einen Stoffhasen schenkte. Doch später, als eine Frau ihr andere Schuhe anziehen wollte, wehrte sie sich: "Nein, nein, diese Sandalen sind ein Geschenk von Mama."

So wie die kleine Yingzi gibt es Hunderttausende von Überlebenden, die die Wirklichkeit nicht akzeptieren wollen und sich von den anderen isolieren. Sie brauchen die Hilfe von Psychologen.

Zwei Tage nach dem Erdbeben brachte Xu Yun, 32, Dozent an der Medizinischen Akademie von Chengdu, zwei Dutzend seiner Studenten in das Stadion. Sie arbeiteten in Schichten, entwickelten Wege zur "psychologischen Intervention" bei Flüchtlingen mit seelischen Problemen. Aber diesmal warteten sie nicht wie gewöhnlich, bis Patienten Termine mit ihnen ausmachen. Diesmal mussten sie selbst die Initiative ergreifen, sich "in die Menge stürzen".

Wie findet man die, die Hilfe brauchen?

Aber wie unter den Tausenden Flüchtlingen die finden, die Hilfe brauche? "Mit unseren Augen", sagt die 21-jährige Studentin Zhang Yan. "Wenn jemand träge vor sich hinschaut, nicht spricht oder nicht isst, werden wir auf ihn aufmerksam."

Die nächste Hürde ist, das Eis zu brechen. "Mit Kindern zum Beispiel spielen wir zuerst, etwa Federball. Den kleineren, drei bis fünf Jahre alten, schenke ich zuerst ein paar Süßigkeiten, um die Distanz zu vermindern. Dann suche ich eine gute Gelegenheit zu plaudern und ihr Herz zu öffnen." Zhang Yan beschreibt den Fall der achtjährigen Qin. Noch am dritten Tag auf dem Außengelände des Stadions traute sie sich nicht ein Gebäude zu betreten, fürchtete es könne jeden Augenblick zusammenbrechen. Mit Worten war sie nicht zu überzeugen. Zhang Yan begleitete sie deshalb zum Eingang des Stadions, führte sie dicht an die Treppen heran und dann auf diese. Schritt für Schritt überwand sie ihre Hemmung.

"Blindlings etwas malen" ist ebenfalls ein guter Weg sich auszudrücken. Diandian, ein zehnjähriges Mädchen, verlor beide Eltern im Erdbeben. Aber als Dozent Xu Yun sie ansprach, behauptete sie immer wieder, sie habe gerade mit ihren Eltern telefoniert. Nie sprach sie das Wort "Tod" aus. Auf einer ihrer Zeichnungen fliegt ein kleiner einsamer Vogel. Auf einem anderen versucht ein Kind eine schöne Blume zu pflücken, aber bekommt sie nie. Xu Yun analysiert, sie habe ein tiefes Gefühl von Verlassenheit, da sie allein war, während andere Kinder von Lehrern oder Eltern mitgenommen wurden. Er und seine Kollegen regten sie positiv an: "Kannst du auf dem ersten Bild ein paar mehr Vögel malen, sie gemeinsam fliegen lassen?"

Vor Eifer die eigene Tochter vergessen

Einen anderen Psychologie-Studenten, Yi Guangjie, hat die Geschichte von Frau Liang am meisten beeindruckt. Liang ist eine Grundschullehrerin, die so darauf konzentriert war, ihre Schüler aus den Trümmern zu retten, dass sie ihre eigene Tochter Jie "vergaß". Tonnen von Zement drückten auf Jies Körper, und auch auf das Herz der Mutter. Seit Jie ausgegraben worden ist, hat ihre Mutter große Schwierigkeiten mit Stress umzugehen. "Sie ist eine sehr verantwortungsbewusste Lehrerin", sagt Yi Gangjie. "Aber sie kann es nicht fassen, dass ihre Tochter uns verlassen hat, ist ständig versunken in Selbstanklagen."

Zwei Tage vor dem Erdbeben hatte Jie ihre Mutter gebeten, ihr eine Thermosflasche zu schenken, die sie täglich mit zur Schule nehmen wollte. Liang hatte sie nicht gekauft, da sie zu beschäftigt war. Jetzt kann sie es sich nicht vergeben, dass sie den letzten Wunsch ihrer Tochter nicht erfüllt hat.

Yi Guangjie versucht sie dazu zu bringen, die Realität zu akzeptieren: "Erst habe ich sie getröstet, sie solle sich langsam an das gewöhnen, was passiert ist. Dann riet ich ihr, noch einmal ein Kind zu gebären oder eines zu adoptieren, ein neues Leben zu beginnen." Aber der Student Yi Guangjie ist sich selbst nicht sicher, wie hilfreich das ist.

Das Erdbeben war manchmal nur der Auslöser

Während sie die Opfer behandeln, merken die Psychologen: Viele seelische Probleme waren nicht durch die Naturkatastrophe verursacht, sondern hatten sich über lange Zeit angestaut. Das Erdbeben war für manche nur der Auslöser. An einem Nachmittag hörte Zhang Yan eine Frau in einem der Behandlungszentren im Freien laut weinen. Die Studentin dachte, etwas Schreckliches sei passiert, und rannte dorthin. "Es stellte sich heraus, die schreiende Mutter brachte ihre kranke Tochter zum Arzt. Die neunjährige Wenwen hatte seit Jahren Krämpfe, konnte ihren Hals nur nach links drehen. Es schien, die Mutter sorge sich um die Krankheit. Aber als ich mit ihr sprach, fand ich andere Probleme."

Wenwen sagte der Studentin, jetzt könne sie auch ihren linken Arm nicht mehr hochheben, er sei während des Erdbebens verletzt worden. Aber die angehende Psychologin bemerkte, sie hatte nur kleine Quetschungen. "Ich habe ihren Arm sorgfältig untersucht. Um es in psychologischen Begriffen zu sagen: Sie verlegte ihre seelischen Hemmungen in ihren Körper." Woher kamen diese? Zhang Yan verfolgte den Fall drei Tage.

Anfangs wollte das Mädchen keine Einzelheiten erzählen. Am Ende fand die Psychologie-Studentin heraus, dass sie eine beziehungsgestörte Familie vor sich hatte. Die Eltern und die Großmutter sind Bauern mit niedrigem Bildungsstand. Oft richteten sie ihre schlechte Laune gegen das Mädchen: "Wir geben unser ganzes Einkommen für deine Halsprobleme aus!" Das ewige Weinen der Mutter warf einen Schatten auf das Herz des Mädchens, sie fühlt: "Es ist mein Fehler, ich habe meinen Eltern Ärger und Qualen gebracht." Auf Bildern zeichnete sie nur ihr eigenes Zimmer und das ihres Vaters. Den Raum ihrer Mutter möchte sie nicht betreten, sagte sie, da diese immer weint.

Die Psychologie-Studentin meint, Wenwens Mutter flieht vor der Wirklichkeit und möchte durch ihr ständiges Weinen Zuneigung gewinnen. "Ich denke, die Mutter hat größere seelische Probleme als das Mädchen. Wenwen ist eigentlich vergleichsweise gut drauf. Als ich sie das letzte Mal traf, wurden ihr Akupunktur-Nadeln eingesteckt. Sie muss Schmerz gefühlt haben, aber sie weinte kein bisschen. Ich sagte ihr, es macht nichts, weine, wenn du willst. Sie presste ihre Zähne zusammen und sagte, nein, sonst weint auch meine Mutter wieder. Ich mag es nicht, wenn sie so ist. Es ist schwach und schlechtes Benehmen, wenn man so weint." Die Psychologie-Studentin hat der Mutter geraten, nicht so viel zu weinen, ihre Tochter zu ermutigen statt zu entmutigen. Darauf weinte die Mutter wieder.

Wer kümmert sich jetzt um sie?

Inzwischen ist das Flüchtlingslager im Sportstadion von Mianyang weitgehend aufgelöst. Es hat seine Funktion als erstes Auffangbecken bereits erfüllt. Auch möchte die Regierung keine Konzentration von so vielen Flüchtlingen an einem Ort, um Seuchen zu verhindern. Hinzu kommt die Hochwassergefahr. Viele Flüchtlingen sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt, die meisten leben dort in Zelten. Auch die Familie von Wenwen ist zurück in Beichuan. Doch für die Menschen mit psychischen Schwierigkeiten ist das ein großes Problem: Wer kümmert sich jetzt um sie? Die Psychologie-Studentin Zhang Yan kann sie auf Handy anrufen, aber das ersetzt kein persönliches Gespräch.

Dieses Problem stellt sich für Tausende. Es gab psychologische erste Hilfe. Aber wie geht es jetzt weiter? "Von Anfang an war uns wichtig, dass sich die Patienten nicht zu stark auf uns verlassen", sagt Psychologie-Dozent Xu Yun. "Die gesunde Seele muss aus jedem Individuum selbst kommen. Gleichzeitig verbreiten wir unser Wissen. Jetzt beginnen die meisten Schulen ihren Unterricht wieder. Wir geben Lehrern Training."

Das Problem hat auch soziale Seiten: "Unmittelbar nach dem Erdbeben kamen Politiker und Stars. Einige Überlebende fühlten sich als Teil einer Medien-Show. Auch hat das Erdbeben neben Sichuan auch andere Regionen getroffen, etwa Teile der Gansu-Provinz, aber sie erhielten nicht so viel Aufmerksamkeit und können darüber verletzt sein."

Medienberichte schüren Panik

Xu Yun und seine Studenten sind jetzt an die Uni zurückgekehrt. Aber sie arbeiten weiter an den seelischen Nachbeben. Auch in Sichuans Hauptstadt Chengdu, wo die Uni steht, brauchen viele Hilfe, sagt Xu, auch wenn dort keine Häuser eingestürzt sind: "Wegen der Nachbeben und der vielen Berichte in den Medien fühle ich eine große Panik. Einige Kinder haben Angst zur Schule zu gehen, übernachten im Auto statt im Haus. Viele glauben jedes Gerücht, ob etwas dran ist oder nicht."

Sogar die angehende Psychologin Zhang Yan verbirgt es vor mir nicht: Sie wacht jetzt in der Nacht auf, träumt "von bösen Männern verfolgt zu werden". Ihr Dozent Xu Yun sagt, das Erdbeben sei eine Chance, die Idee psychologischer Behandlung in China zu verbreiten. Denn von einem flächendeckenden Netz an Psychologen ist das Entwicklungsland weit entfernt. Dabei gab es schon vor dem Erdbeben viele psychische Probleme, aber sie lagen im Dunken verborgen. Das Heilen der Seelen wird mehr Zeit brauchen als der Wiederaufbau der Häuser.

* alle Patienten-Namen geändert

Ellen Deng
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