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Chinas Raumfahrt: Rote Visionen

Nach dem zweiten bemannten Raumflug in seiner Geschichte hat China viel vor. Nicht nur sind für die nächsten Flüge Andockmanöver und Weltraumspaziergänge geplant. Die Volksrepublik will auf den Mond.

"Innerhalb eines Jahrzehnts könnten Chinas Aktivitäten durchaus die Russlands und die der europäischen Raumfahrtagentur übersteigen", sagt der US-Experte James Oberg voraus. "Und wenn China die wichtigste Raumfahrtmacht nach den USA geworden ist, könnte ein völlig neuer Wettlauf im All beginnen."

Keine reine Sojus-Kopie

Noch bevor die US-Weltraumbehörde Nasa jetzt den Mond wieder entdeckt hat, plante China schon, 2007 eine Sonde zum Erdtrabanten zu schicken oder im nächsten Jahrzehnt eine unbemannte Landung zu versuchen. Die Erkundungssonde hat bereits einen Namen: "Chang'e" - benannt nach der wunderschöne Fee, die einer alten chinesischen Sage zufolge mit einem Hasen auf dem Mond wohnt, der Medizin für die Unsterblichkeit zubereitet. Irgendwann nach 2010 rechnet Oberg auch mit einer Entscheidung Chinas, Astronauten auf den Mond bringen zu wollen. An der nicht nur dafür nötigen, leistungsfähigeren Trägerrakete wird schon gebaut.

Vom Konzept und Ausmaß her ist das jetzt gestartete Raumschiff "Shenzhou VI" ganz ähnlich wie der geplante Nachfolger der Nasa für die zuletzt glücklosen amerikanischen Raumfähren. Es ist auch keineswegs allein eine Sojus-Kopie, sondern deutlich größer, "wenn auch nicht völlig unabhängig von russischen und amerikanischen Erfahrungen gebaut", wie Oberg sagt. Das Servicemodul hat sogar vier Triebwerke, während Apollo nur eins und Sojus nur eins mit einem Nottriebwerk hatten. Die großen Sonnenflügel von "Shenzhou" produzieren deutlich mehr Strom als russische Systeme.

USA befürchten militärische Nutzung des Raumfahrtprogramms

Der chinesische Orbiter hat zusätzlich ein unabhängiges Flugkontrollsystem und kann nach der Rückkehr der Astronauten weiter die Erde umrunden und genutzt werden. Anfang 2006 plant China bei der nächsten Mission mit "Shenzhou VII" ein Andockmanöver an der zurückgebliebenen Station dieses Fluges. In Zukunft will China viel öfter Raumschiffe ins All schicken, was nicht nur den Nationalstolz der Chinesen und das Prestige der kommunistischen Führung aufpolieren soll. China verspricht sich auch technologische Fortschritte, die für zivile und militärische Anwendungen nützlich sein könnten.

Chinas Raumfahrtprogramm steht unter militärischer Kontrolle. Im Kontrollzentrum in Peking führt das Mitglied der mächtigen Militärkommission, Cheng Bingde, das Kommando. So wird die mögliche militärische Dimension von den USA genau verfolgt. Experten gehen etwa davon aus, dass "Shenzhou VI" wieder eine Aufklärungskamera auf seiner Spitze montiert hat. China beteuert seine friedlichen Ambitionen im All, doch fürchtet Washington, dass es einmal in der Lage sein könnte, US-Satelliten auszuschalten. "Das US-Militär ist besorgt über dieses Szenario", sagte der US-Experte Mark Wade. "Nur die Idee eines Anti-Satellitensystems reicht schon, um die USA zu unverhältnismäßig teuren Gegenmaßnahmen zu verleiten."

Bei allen Ambitionen und Fortschritten zeigt sich der Chef des bemannten Raumfahrtprogramms Chinas, Wang Yongzhi, bescheiden: "Das gesamte Niveau der chinesischen Raumfahrt-Wissenschaft und -Technologie hinkt noch sehr weit hinter dem der USA und Russlands her." Ähnlich sieht der "Encyclopedia Astronautica"-Experte Wade "Shenzhou VI" "noch in den Kinderschuhen". Die Risiken seien größer als bei Sojus und Apollo, weil die Flugerfahrung fehle. "Es kann davon ausgegangen werden, dass es verdeckte Gefahren birgt."

Andreas Landwehr/DPA

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