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Blindsein: "Dialog im Dunkeln"

Die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" feiert Jubiläum. Seit vier Jahren können Sehende in Hamburg die Welt der Blinden kennen lernen.

"Hab ich mich erschrocken. Ist da jemand?" - "Hallo? Ja, hier ist Gabi, wo bist du denn?" - "Streck mal die Hand aus, ich glaube links." - "Huch, da sind Lianen!" So in etwa hört sich ein "Dialog im Dunkeln" an. Bewaffnet mit Blindenstöcken tappen acht Menschen etwas unbeholfen durch die vollkommene Dunkelheit der Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in der Hamburger Speicherstadt, der Stimme von Führerin Britta entgegen. Immer verstohlen nach den anderen tastend, damit sie in der ungewohnten Schwärze nicht verloren gehen. Ab und zu kommt von irgendwo aus dem Dunkel ein ängstliches "Britta?".

"Dialog im Dunkeln" soll eine feste Hamburger Institution werden

Am kommenden Mittwoch (31. März) werden es vier Jahre, seit Sehende in Hamburg die Welt der Blinden kennen lernen können. Seit April 2000 haben sich rund 250 000 Menschen durchs Unsichtbare getastet. Planmäßig läuft der "Dialog im Dunkeln" im März 2005 aus. Der Modellversuch soll nun nach Angaben von Sprecherin Natascha Battus zu einer festen Institution in Hamburg werden. Gemeinsam mit der Behörde für Soziales und Familie, der Agentur für Arbeit und dem Beschäftigungsträger alh arbeitet die Ausstellung an einem entsprechenden Konzept. Noch sei aber "nichts in trockenen Tüchern", sagt Battus.

Zurück in der Dunkelheit der Ausstellung beginnen langsam die übrigen vier Sinne das Dunkel auszutasten und vor dem inneren Auge entsteht ein Wald: Vögel zwitschern, es duftet nach Moos, weicher Waldboden knirscht unter den Füssen und Bäume rascheln ringsum. Plötzlich ist das Dunkel gar nicht mehr so undurchdringlich. Eine halbe Stunde später, nach einer abenteuerlichen Dschungel- Durchquerung und vorbei am Marktstand, wo es nach Obst und Gemüse duftet - "Apfel oder Kohlrabi?" - marschieren die acht "Blinden" schon munter drauflos. Zu munter: "Runter von der Straße", schimpft Britta lachend. "Zu spät, einer weniger in der Gruppe. Ihr müsst schon auf den Verkehr hören."

Bisher zwei Millionen Besucher in 14 Ländern

Die Idee zum "Dialog im Dunkeln" hatte 1988 Andreas Heinecke. Seitdem haben sich zwei Millionen Menschen in 14 Ländern den blinden und sehbehinderten Führern anvertraut. "Die Ausstellung ist eine Plattform zur vorurteilsfreien Begegnung zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen", erläutert Sprecherin Natascha Battus das Konzept. Menschen sollen emotional an das Thema "Sehbehinderung" herangeführt werden.

Im Dunkeln werden die Stärken der Sehbehinderten offensichtlich. Aber auch rund um die Ausstellung sorgen überwiegend behinderte Menschen für das Wohl der Besucher, im Café, an der Kasse oder in der Telefonzentrale. Rund die Hälfte der 43 Mitarbeiter der Hamburger Ausstellung ist angestellt, die andere Hälfte erhält über Programme des Arbeitsamtes die Chance, sich beruflich weiterzuqualifizieren. "Die Ausstellung ist ein Beschäftigungsprojekt, in der behinderte, arbeitslose Menschen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden", sagt Battus. Nach ihrer Aussage hofft der "Dialog im Dunkeln" künftig auf eine größere finanzielle Unterstützung von Seiten der Wirtschaft als "Integrationsprojekt" von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt.

Eine von ihnen ist die 30-jährige Britta. Erst seit zwei Jahren ist sie blind, durch die seltene Augenkrankheit Renitis pigmentosa, erzählt Britta bei einer Tasse Kaffee in der unsichtBar - bestellen, bezahlen, trinken an der Theke ohne Licht. Vor ihrer Erblindung hat sie in Bremen ein Sozialpädagogik-Studium abgeschlossen - am Ende mit Hilfe einer Lupe. In der Ausstellung gibt Britta Führungen und arbeitet mit Jugendlichen und Schulgruppen. Nach zwei Stunden mit Britta hat man das Gefühl, man versteht ein bisschen, wie es ist, blind zu sein. Und dass es vielleicht gar nicht so schlimm ist. Denn sie strahlt eine Lebensfreude aus, von der man einfach angesteckt wird.

Maria Bondes, DPA

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