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Déjà-vu: Das kenn ich doch!

Und täglich grüßt das Murmeltier: Das Gefühl, etwas schon einmal gesehen oder erlebt zu haben, kennt fast jeder. Für manche Menschen ist das Leben sogar eine einzige Endlosschleife ständiger Wiederholungen. Über das Phänomen Déjà-vu gibt es 30 verschiedene Theorien. Hier ein paar davon.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Verdammt noch mal, er ist sich sicher, er kennt dieses Hotel: In Stanley Kubricks Horrorklassiker "The Shining" könnte Jack Nicholson Stein und Bein schwören, dass er hier in diesem Hotel schon einmal war, obwohl er dort noch nie gewesen ist. Das seltsame Gefühl, eine Situation bereits erlebt zu haben, ist keine Erfindung der Kinomacher. 90 Prozent aller Menschen haben mindestens einmal in ihrem Leben ein Déjà-vu – zu Deutsch: schon mal gesehen – gehabt. Männer wie Frauen gleichermaßen. Psychologen fanden auch heraus: Die Häufigkeit von Déjà-vu-Erlebnissen steigt mit der Schulbildung, mit dem Einkommen und mit der Mobilität – je mehr jemand unterwegs ist, desto mehr Bilder hat er in seinem Kopf. Derzeit existieren etwa 30 verschiedene Theorien zur Ursache dieses Phänomens. Letztlich aber ist es Wissenschaftlern in über 100 Jahren Forschung immer noch nicht gelungen, das Geheimnis Déjà-vu zu lüften.

Erinnerung an eine tatsächliche Wahrnehmung

Sind Déjà-vus womöglich Hinweise auf ein früheres Leben? Handelt es sich um eine visionäre Fähigkeit? Ist es die Erinnerung an frühkindliche Erlebnisse, so wie einst Sigmund Freud vermutete? Oder spielt etwa unser Gehirn verrückt und verarbeitet Informationen falsch? Esoteriker antworten anders als Psychologen, Psychologen anders als Neurologen, und selbst unter Neurologen gibt es mehrere Thesen. Eine davon wird von einem der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet, dem amerikanischen Professor Alan Brown, vertreten und lautet: Bei einem Déjà-vu erinnern wir uns an eine tatsächliche Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung, die entweder in der Kindheit gespeichert und wieder vergessen wurde oder Bruchteile von Sekunden vorher im Kurzzeitgedächtnis abgelagert wurde – allerdings unbewusst. Ein Beispiel: in einem Café ruft ein Mann eine Kellnerin zu sich, um die Rechnung zu zahlen. Hinter der Kellnerin geht eine Frau vorbei – der Moment ist zu kurz, um die Frau bewusst wahrzunehmen. Wenige Minuten später sitzt der Mann der Frau in der U-Bahn gegenüber – und erlebt ein Déjà-vu. Unbewusst hat sein Gehirn das Bild der Frau verarbeitet und schaltet jetzt um auf den eingebildeten Wiedererkennungs-Effekt.

Kein Wunder übrigens, dass sich das Bewusstsein auch mal ausblendet – wir haben ständig so viele Informationen zu verarbeiten, weshalb das Gehirn aussortiert und entscheidet, welche Informationen wir getrost vernachlässigen können.

Kurzzeitig soll sogar die Werbebranche den Déjà-vu-Effekt für ihre Zwecke genutzt haben. Stimuli wurden beispielsweise unterschwellig während eines Kinofilms eingeblendet. Für Millisekunden, also nicht bewusst wahrnehmbar für die Zuschauer. Unter anderem soll das Cola-Unternehmen dieses Experiment gemacht haben. Es ließ kurzzeitig eine Cola-Flasche einblenden, und siehe da, das Vorhaben glückte: Kaum war der Film zu Ende, stieg der Cola-Durst der Zuschauer - und nach einem längeren Zeitraum nachweislich der Konsum von Cola. Unter Fachleuten verwendet man für diesen Werbetrick die Vokabel "Priming"- "Vorbereitung". Wer nun Angst hat, dass sein Vermögen nach einem Kinobesuch für Cola und Co draufgeht, sei beruhigt: Inzwischen ist Priming in der Werbung verboten.

Erinnerung oder Fiktion?

Auf die Erinnerung ist übrigens nicht immer Verlass. Sie kann jemanden in die Irre führen und dem Bewusstsein sogar eine Fiktion als Realität vorgaukeln. Das heißt: Manchmal spiegelt ein Déjà-vu die Fantasie, etwa Tagträumereien oder Geschichten, die man sich ausgedacht hat. "Die Unterscheidung zwischen Erinnerung an Selbsterlebtes und Fiktion ist nicht einfach", erklärt Chris Moulin, Psychologe an der Universität Leeds. Denn bei beiden Vorgängen bilden wir Vorstellungen im Kopf. Mit einem Unterschied: Das Selbsterlebte ist an ein unverwechselbares Gefühl gekoppelt.

Auslöser für Déjà-vus können unter anderem auch bestimmte Medikamente sein beziehungsweise deren Wechselwirkung. Einige Neurowissenschaftler vermuten ohnehin, dass auch ohne Medikamente während eines Déjà-vus die Chemie im Gehirn verrückt spielt. Funktionen im Gehirn sind, so die Annahme, kurzzeitig gestört. Beispielsweise weil jemand müde ist oder der Stoffwechsel im Hirn gerade nicht richtig abläuft. Und schon taucht es wieder auf: das irrige Gefühl, etwas schon mal erlebt zu haben.

Gefangen in der Endlosschleife

In Ausnahmefällen grüßt das Murmeltier tatsächlich täglich, und zwar mehrmals. Zum Beispiel bei einem über 80-jährigen Mann aus England, der sich "AKP" nennt und unter Dauer-Déjà-vus leidet, auch Déjà-vécu - "schon erlebt" - genannt. Der Mann hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, sein Fall sorgt seit Jahren für Schlagzeilen, denn er ist besonders bizarr: AKP lebt in ständigen Wiederholungen, in einer Art Endlosschleife, nichts ist ihm neu. Wenn er spazieren geht, dann glaubt er, jeder Mensch sei schon einmal an ihm vorbeigegangen. Langeweile stellt sich ein. Oder Ärger. Zum Beispiel über das Fernsehprogramm, über das AKP schimpft: "Das haben die doch alles schon einmal gezeigt!" Selbst zur Beerdigung eines Freundes ist er nicht gegangen, weil er glaubte, schon dort gewesen zu sein.

Der Psychologe Chris Moulin kennt rund 20 solcher Fälle, die wie AKP an einer sehr seltenen Gedächtnisstörung leiden. Bei der Durchleuchtung seines Gehirns stellte Moulin bei AKP einen übermäßigen Zellzerfall in den Schläfenlappen fest. Ähnlich ist es bei Epileptikern – und einem epileptischen Anfall gehen oft minutenlange Schübe von Déjà-vus voraus. Chris Moulin erhofft sich durch Déjà-vécu-Patienten mehr über das Phänomen Déjà-vu bei gesunden Menschen herauszufinden. Auch der Psychologe Arthur Funkhouser setzt in seiner Forschung bei den Dauer-Déjà-vus an, die wohl weiter verbreitet sind als angenommen. Für eine Internetstudie befragte Funkhouser über 1000 Männer und Frauen – sechs Prozent gaben an, mindestens einmal pro Tag ein Déjà-vu-Erlebnis zu haben.

  • Sylvie-Sophie Schindler