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Gesichtstransplantation: Der Mann hinter dem neuen Lächeln

Manche halten ihn für Doktor Frankenstein: Er transplantierte einer Frau das Gesicht einer Toten. Nun war Starchirurg Bernard Devauchelle in Deutschland - und stellte sich der Frage, ob ethisch zulässig ist, was medizinisch machbar ist.

Von Jörg Isert

Bei den Bildern, die Bernard Devauchelle seinem deutschen Publikum zeigte, musste man unwillkürlich an Mary Shelleys Horrorklassiker "Frankenstein" denken. In dem Buch erschafft der titelgebende Arzt aus Leichenteilen ein menschliches Geschöpf. Etwas Ähnliches scheint auch Devauchelle getan zu haben: Ende 2005 gab der Chirurg einer 38-jährigen Französin ein neues Gesicht - das Gesicht einer Toten. Es war die erste Operation dieser Art.

Eine visuelle Tour de Horror

Bei der Veranstaltung, die nun an Tübingens universitärer Gesichtschirurgie-Klinik stattfand, sollte es um Ethik gehen. Um den Konflikt zwischen dem medizinisch Machbaren und dem ethisch Zulässigen. Doch zunächst zeigte Devauchelle 60 Minuten lang eine visuelle Tour de Horror: Entstellungen, die manchmal selbst auf Bildern schwer zu ertragen waren. Völlig zerstörte Gesichter - nein, nicht einmal mehr Gesichter - waren da zu sehen: Riesige Hautwulste, dazwischen die Augen von Kriegsversehrten. Zu schmelzen scheinende Antlitze von Patienten, die an einem Defekt namens "Recklinghausen-Krankheit" leiden. Durch Hundebisse verunstaltete Menschen - riesige Fleischnarben dort, wo früher einmal die Nase war.

Nach diesen Bildern musste man einfach der Meinung sein, dass der Eingriff bei Isabelle Dinoire zwingend notwendig war. Durch den Angriff eines Hundes verlor sie ihr Gesicht: Die Nase, der Mund, das Kinn - weggebissen. Ein aktuelles Foto, das Devauchelle mitgebracht hatte, zeigte: Die Patientin hat nicht mehr das seltsam starr scheinende Gesicht, das die Weltöffentlichkeit in den ersten Monaten nach der Operation zu sehen bekam. Inzwischen sieht Dinoire wieder aus wie ein Mensch.

Mit eigenem Gewebe geht es nicht

In Tübingen gab es vor allem eines für den Starchirurgen: Applaus. Und wissenschaftliche Fragen von der Art: "Wie haben Sie das Transplantat gekühlt?" "Wie haben Sie es gelagert?" Der Professor, der schon 1998 mit der ersten Handtransplantation der Welt für Aufsehen sorgte, wirkte überzeugend. Er war charmant, umgarnte sein Publikum, machte ab und zu Scherze - um danach wieder ernst über das Schicksal seiner Patientin zu sprechen. Falls Devauchelle denn Allmachtsphantasien hat: Er weiß sie gut zu verbergen.

Der Chirurg erläuterte, wie vor dem Eingriff im französischen Amiens vorgegangen wurde, um ethischen Maßstäben gerecht zu werden. Er erklärte, warum mit Transplantationen eigenen Gewebes, zum Beispiel mit Haut aus dem Oberschenkel, keine überzeugenden kosmetischen Ergebnisse zu erzielen sind - unterlegt mit Beispielbildern. Er wehrte sich gegen die Vorwürfe, die ihm seit der Operation im November 2005 gemacht werden. Denn die lebensgefährliche Operation war nicht überlebensnotwendig von Isabelle Dinoire. Die 38-Jährige hätte auch mit ihrer Entstellung weiterleben können.

Die Frage ist, was überlebensnotwendig ist und was nicht. In einer Filmsequenz war die entstellte Dinoire beim Rauchen zu sehen: Das Mundstück ihrer Maske zur Seite geklappt, führt sie die Zigarette an fast völlig freiliegende Kieferknochen. Ein Bild, das so surreal war, dass das Publikum auflachen musste bei dem seltsamen Wesen, das da paffte. Es war ein befreiender Moment zwischen all den Bildern, die sonst zu sehen waren: Wie der verstorbenen Spenderin die untere Gesichtshälfte entfernt wird. Wie der Hautlappen in den OP getragen wird. Wie bloße Sehnen- und Muskelstränge miteinander vernäht werden. Wenig später ist das leblose Stück Gewebe das neue Ich eines anderen Menschen.

Sie versteckte sich hinter einer Maske

"Die Gewichtung von Vor- und Nachteilen muss der Betroffene selbst vornehmen", sagte Devauchelle. Nach der Hundeattacke habe Dinoire fast keine sozialen Kontakte mehr gehabt und eine Maske getragen. "Eine Maske aber bedeutet nicht Rekonstruktion, sondern die völlige Isolation."

Tatsächlich ist es nur ansatzweise nachvollziehbar, wie es ist, mit einem deformierten Gesicht zu leben. Könnte es sein, dass das Leben dann un-lebenswert wird - wenn das, was es dem Menschen ermöglicht, sein Innerstes nach außen zu tragen, der Gesichtsausdruck, nicht mehr möglich ist?

Sie trinkt nun wieder aus Gläsern

Ein Vorwurf, der den mehr als zwanzig an der Operation beteiligten französischen Ärzten gemacht wurde: Dinoire sei im Vorfeld der OP psychisch labil gewesen. Jedoch: Ist eine stabile Psyche überhaupt möglich, wenn man sich nicht mehr aus dem Haus, nicht einmal mehr an den Spiegeln im Haus vorbei traut?

Dinoires neue Haut zeigt nun Sensibilität. "Auch die Lippen kann sie nun vollständig schließen", so Devauchelle. Sie sei in eine neue Wohnung gezogen und arbeite. "Und sie kann wieder ins Restaurant gehen, sie trinkt wieder aus Gläsern."

"Ihr Lächeln ist ein echtes Lächeln"

Und doch: Es wirkt wie ein geborgtes Leben, ein Leben auf Zeit. Die 38-Jährige muss ihr Leben lang Medikamente zur Immunsuppression nehmen. Tumore drohen. Zweimal schon, drei Wochen und sechs Monate nach dem Eingriff, gab es Abstoßungsreaktionen ihres Körpers. In diesen Fällen verfärbte sich das eingesetzte Stück Haut rot. Was geschieht, wenn das Gewebe eines Tages tatsächlich abgestoßen wird? Ist Dinoire, deren Gesichtsnarbe vor der OP noch größer gemacht wurde, um das Gewebe passgenau einsetzen zu können, dann nicht noch entstellter? Devauchelle glaubt, dass die Menschen im Heute leben: "Doch das Risiko ist nicht jetzt, es liegt in der Zukunft."

In Tübingen fragte ein junger Mann den Starchirurgen: "Wenn Sie wetten könnten: Wie lange wird die Patientin ihr Gesicht behalten?" Es war ein geschmackloser Moment. Devauchelles antwortete weise: Er hoffe, dass er Isabelle Dinoire kein zweites Gesicht transplantieren müsse.

"Am wichtigsten ist, dass sie glücklich ist. Und ihr Lächeln ist ein echtes Lächeln", sagt der Chirurg über seine Patientin. Fürs Erste scheint es tatsächlich so zu sein: Devauchelle hat kein Frankenstein-Monster erschaffen. Er hat aus einer monströs aussehenden Person wieder einen Menschen gemacht. Die Frage bleibt: Für wie lange?

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