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Fall Natascha: Das Kaninchen und die Schlange

"Ich war gleich stark", "Ich trauere in gewisser Weise um ihn" - mit diesen Aussagen erstaunt die 18-Jährige Natascha, die acht Jahre in der Hand eines Entführers war. stern.de sprach mit dem Hamburger Psychotherapeuten Till Niewisch.

Natascha scheint um ihren Entführer trauern, der sich nach ihrer Flucht auf die Bahngleise gestürzt hat. Wie ist diese Reaktion zu erklären?

Wir würden das "Identifikation mit dem Aggressor" nennen. Es gibt Situationen, in die sich Menschen unterwerfen und erst dadurch groß fühlen. Sie rennen nicht weg wie das Karnickel vor der Schlange, sondern spielen mit der Schlange - und sind von der Schlange fasziniert.

Das heißt in letzter Konsequenz, dass Natascha ihrem Martyrium vielleicht gar nicht entfliehen wollte?

Natürlich ist über die Jahre hinweg eine Beziehung entstanden, ihr Entführer war ja der einzige Mensch, mit dem sie Kontakt hatte. Diese Beziehung folgte vermutlich einem Muster: Liebe kann loslassen, Kälte bindet.

"Ich war gleich stark", sagt Natascha über ihre Position in der Beziehung. Ist das ernst zu nehmen? Immerhin hat ihr Entführer ihr Leben über acht Jahre hinweg kontrolliert.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich mit dieser Größenfantasie über die Jahre gerettet hat. Es war hilfreich für sie, so zu denken. Übrigens gibt es diese Wechselwirkung - real unterlegen zu sein, aber sich für überlegen halten - in sehr abgeschwächter Form in jeder Beziehung.

Wieso hat Wolfgang Priklopil sie überhaupt entführt? Welchen Nutzen hatte er davon, sich gleichsam "einen Menschen" zu halten?

Er hatte sicherlich Allmachtsfantasien und sadistische Impulse. Interessant ist, dass er das Mädchen im Alter von zehn Jahren kidnappte, und damit ihren ganzen Entwicklungsprozess beobachten konnte. Vielleicht hatte er die Vorstellung, dass seine eigene Entwicklung gründlich missglückt sei und wollte dies nun mit der "Erziehung" von Natascha korrigieren.

Warum hat er sich nach ihrer Flucht sofort das Leben genommen?

Natascha, sein vermutlich emotionaler Lebensmittelpunkt, war seiner Kontrolle entflohen. Damit brach auch sein Selbstbild als "Gebieter" zusammen. Dazu tritt die Angst, polizeilich verfolgt zu werden und damit seine bürgerliche Fassade zu verlieren.

Wie hoch ist der Prozentsatz an Männern, die einem Muster wie Priklopil folgen?

Praktiker im Strafvollzug würden sagen, dass es einen hohen Prozentsatz dieser Männer gibt. Meiner Auffassung nach sind Männer mit dieser destruktiv-psychopathischen Struktur aber eher selten.

Interview: Lutz Kinkel
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