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Gentest für Ungeborene: Was tun, wenn wir alles wissen?

Es ist ein wissenschaftlicher Coup. Offenbar können Eltern den Gencode ihres ungeborenen Kindes bald risikoloser auf Krankheiten testen lassen. Die schwerste Entscheidung nimmt ihnen das nicht ab.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Die Nachricht zielt ins Zentrum unseres Seins, denn sie könnte die Bedingungen verändern, unter denen wir gemacht werden. US-Forschern von der University of Washington in Seattle ist es gelungen, den genetischen Code eines Embryos durch ein nichtinvasives Testverfahren zu entschlüsseln. Soll heißen: Krankheiten und genetische Defekte eines Ungeborenen müssen nicht mehr durch die relativ riskante Fruchtwasseruntersuchung festgestellt werden. Stattdessen dürfte es bald möglich sein, einen Großteil der Gendefekte – Trisomie 21 etwa - einfach, risikolos, früh und kostengünstig zu erkennen. In drei bis fünf Jahren, schätzen die Wissenschaftler, dürften verhältnismäßig günstige Varianten des Tests auf dem Markt sein.

Werden nicht noch erhebliche Schwächen beim Vorgehen der Forscher entdeckt, ist der neue Test eine Errungenschaft. Denn er schafft Wissen. Welchen Wert dieses Wissen allerdings hat, ist nicht ganz so eindeutig. Denn zum einen gibt es ja durchaus Paare, die die Pränataldiagnostik - aus welchen Beweggründen auch immer - grundsätzlich ablehnen. Sie brauchen keine Entscheidungshilfen, weil es für sie keine Entscheidung gibt. Sie wollen ihr Kind, dieses Kind, bekommen, so oder so, einerlei, an welchem genetischen Defekt das Neugeborene leidet.

Ungewisse Prognosen, diffuse Wahrscheinlichkeiten

Allerdings stand die Pränataldiagnostik bislang in dem Ruf, Unsicherheiten oft eher zu schüren als zu beseitigen, eine große Verunsicherungswissenschaft zu sein - mit höchst ungewissen Prognosen und diffusen Wahrscheinlichkeiten. "Ihr Kind leidet laut Fruchtwasserbefund zu 80 Prozent an Trisomie 18." Für viele Eltern, die mit so einem Befund konfrontiert werden, ist es der schlimmste Alptraum überhaupt, dass sie Gefahr laufen, ein Kind abzutreiben, das möglicherweise gesund auf die Welt kommen könnte.

Diesen Paaren könnte der neue Test - wenn er hält, was nun versprochen wird - in mancher Hinsicht beträchtlich weiterhelfen. Sie können ihre echten Entscheidungsoptionen auf dieser Basis vielleicht früher und fundierter auszuloten. Wie würde unser Leben mit dem behinderten Kind aussehen? Wie würden wir das machen? Wie würden wir das verkraften? Oder auch: Wie würde unser Leben nach einer Abtreibung aussehen? Würden wir das verkraften? Dieses ethische Dilemma - entscheiden zu müssen, welches Leben lebenswert ist, für die Eltern und das Kind, welche Haltung man ganz persönlich zum möglicherweise schmerzhaften, vielleicht aber auch beglückenden Anderssein einnimmt - kann auch eine verbesserte Diagnostik nicht lösen.

Ethische und rechtliche Grenzen

Zudem öffnet die neue Möglichkeit, die Qualität des Erbguts eines Embryos früh zu bewerten, Raum für schockierende Szenarien. Verleitet es nicht zu einer Art leichtfertigem Trial-and-Error-Spielchen in Sachen Reproduktion, wenn Paare sich den Gentest für Fötus oder Embryo irgendwann in Woche acht der Schwangerschaft im Supermarkt besorgen können? Gefällt der genetische Code nicht, wird dieser Versuch dann eben für gescheitert erklärt, abgetrieben und ein neuer angegangen? Führt das nicht dazu, dass die genetische Selektion, vielleicht sogar nach modischen Maßgaben, die Regel wird und dass das Ungewöhnliche, das genetisch Defekte, das "Kranke" von vorneherein unmöglich gemacht wird? Droht da eine Gesellschaft, in der das Anderssein, wie im menschenverachtenden Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten, als "unwertes Leben" betrachtet wird?

Das Horroszenario ist überzeichnet. Aber es gilt dennoch, auch dem jüngsten medizinischen Fortschritt mit einem gewissen Maß an Skepsis zu begegnen. Es ist gut, wenn manche Eltern künftig früher und risikoloser Gewissheit über mögliche Erbkrankheiten ihrer ungeborenen Kinder haben können. Gleichzeitig ist auch der neue Test ein Hinweis darauf, dass die Zukunftsvision vom genetisch vorselektierten Menschen demnächst praktisch schon Wirklichkeit werden könnte. Wer das Anderssein als Wert erhalten möchte, muss sich entsprechend bemühen, den neuen Möglichkeiten ethische und rechtliche Grenze zu setzen.

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