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Mensch: Rebirthing

Würden Sie Ihren Körper bei jemandem unters Messer legen, der nicht Medizin studiert hat? Sondern aus Wochenendseminaren oder spiritueller Eingebung zu wissen glaubt, wo er schneiden muss? Wohl kaum.

Aber Zehntausende Menschen in Deutschland tun Vergleichbares mit ihrer Seele: Sie suchen Hilfe bei selbst ernannten Psycho-Heilern. Oft enttäuscht von den herkömmlichen Psychotherapien, sind sie bereit, sich auf "unkonventionelle" Methoden einzulassen - zumal, wenn diese sich mit Beschreibungen wie "ganzheitlich" oder "sanft" schmücken. Schaden kann's ja nicht? Das ist leider ein Irrtum: Die Seele gehört zum Verletzlichsten, das der Mensch hat. Pfusch daran kann gravierende, manchmal sogar tödliche Folgen haben.

Natürlich kann auch ein Therapeut einer anerkannten psychologischen Methode Fehler machen. Aber bei vielen esoterischen Psycho-Techniken liegt der Fehler bereits in der Methode. Etwa, wenn sie körperlich riskant ist, wenn massive Grenzüberschreitungen als notwendig dargestellt werden oder "Therapeuten" es sich zur Aufgabe machen, einem Patienten eine fertige Lösung seiner Probleme vorzugeben. Und wenn Anbieter schlicht keine Ausbildung haben, um seelische Notfälle aufzufangen. Der erste Teil unserer Serie beschreibt die Rebirthing-Methode.

Ursprung:

Erfunden wurde Rebirthing 1974 von dem US-Amerikaner Leonard Orr, der zuvor als Verkäufer gearbeitet hatte.

Methode:

Rebirthing basiert auf der Theorie, die Geburt sei ein traumatisches Ereignis. Die Enge im Geburtskanal, so die Vorstellung, macht dem Baby Angst, es wird wütend über seine Verdrängung aus dem Paradies Mutterleib. Dieses "Wurzeltrauma" werde ins Unbewusste verdrängt. Es führe zu körperlichen wie seelischen Störungen und Krankheiten. Nach Ansicht der Rebirther kann man es nur auflösen, indem man die "blockierten Erinnerungen" an die Geburt wieder an die Oberfläche holt.

Erreicht werden soll das mit einer speziellen Atemtechnik. Dazu liegt der Patient zugedeckt auf dem Rücken, der Rebirther sitzt neben ihm. Der Patient wird angewiesen, durch die Nase zu atmen, und das tiefer als gewöhnlich. Dann soll er die natürliche Pause zwischen dem Aus- und Einatmen weglassen - "Kreisatmung" nennen das die Rebirther. Viele "Therapeuten" versprechen, dadurch werde mehr Sauerstoff aufgenommen.

"Die Atemtechnik bringt die Person in eine Tiefenentspannung", sagt die Vorsitzende der deutschen Sektion des Dachverbandes Rebirthing International, Heike Strombach. "Ganz wundersam" lösten sich so verschüttete Erinnerungen und Gefühle. Rebirthing-Teilnehmer berichten, dass sie Bilder von ihrer Geburt, ja sogar ihrer Zeugung gesehen hätten. Nach der Atemübung spricht der "Therapeut" mit dem Klienten kurz über dessen Erfahrungen - "wobei es jedoch nie darum gehen wird, das Erlebte ausgiebig zu analysieren", betont Rebirther Rüdiger Stellberg in einem Einführungsbuch. Gesprächstermine seien später nötig, etwa bei "schwierigeren Lebensgeschichten".

Es gibt Einzel-, Paar- und Gruppensitzungen, Warmwasser-, Kaltwasser- und Selbst-Rebirthing. Eine sehr ähnliche Technik ist die Primärtherapie, die ebenfalls die Geburt nachstellt und manchmal auch Rebirthing genannt wird. Manche Anbieter verwenden abgewandelte Formen oder alternative Bezeichnungen wie "Integrative Atemtherapie", "Atemreise", "Der große Atem" oder "Vivation". Rebirthing wird auch bei Methoden wie Reinkarnation oder Tantra eingesetzt, ohne eigens benannt zu werden.

Heilsversprechen:

In der Frage, für welche Störungen sich die Methode eignet, ist die Rebirthing-Szene völlig uneinheitlich: Einige "Therapeuten" warnen, Rebirthing sei nur als Selbsterfahrung für Gesunde zu empfehlen. Andere preisen es als "eine der wirkungsvollsten und fundiertesten Therapieformen der heutigen Zeit" und bieten Rebirthing für viele verschiedene Störungen und Krankheiten an: Depressionen, Panikattacken, Traumatisierungen durch sexuelle Gewalt, Selbstmordgefährdung, Herzprobleme, Asthma, Epilepsie oder Krebs. Einzelne "Therapeuten" halten es ernsthaft für möglich, durch Rebirthing unsterblich zu werden.

Ausbildung:

Es gibt keine einheitliche Qualifizierung. Eine "dreijährige Ausbildung" besteht aus Wochenendkursen bei anderen Rebirthern oder Rebirthing-Instituten, die über drei Jahre verteilt werden. Auch der Titel "Qualified Rebirther" ist eine rein Szene-interne Bezeichnung und in keiner Weise staatlich anerkannt. Manche Anbieter sind Heilpraktiker, Psychologen oder Ärzte. Rechtlich bewegen sich Rebirther, die nicht zumindest einen Heilpraktikerschein haben, in einer Grauzone: Wenden sie die Technik als Therapie für Krankheiten an, verstoßen sie gegen das Heilpraktikergesetz.

Kosten und Dauer:

Eine Rebirthing-Sitzung dauert eineinhalb bis drei Stunden und kostet zwischen 50 und 150 Euro. Die Behandlung umfasst zehn bis 15 Sitzungen.

Körperliches Risiko:

Wie jede Form der Atemmanipulation ist Rebirthing ein Eingriff in den Organismus. Dabei wird allerdings nicht wie versprochen der Sauerstoff im Körper erhöht. "Das ist physiologisch gar nicht möglich", erklärt Uta Liebers, Lungenfachärztin an der Berliner Charité. "Denn das Blut ist schon bei normaler Atmung zu 98 Prozent mit Sauerstoff gesättigt."

Es besteht das Risiko, dass der Patient durch das forcierte Atmen in eine Hyperventilation gerät. Dabei atmet er zu viel Kohlendioxid aus. Das verändert das fein abgestimmte Gasgemisch im Blut und führt so zu einer Störung der Muskeltätigkeit. Der Patient spürt zuerst ein Kribbeln um den Mund und an Händen und Füßen. Innerhalb von Minuten kann es zu Krämpfen an den Gliedmaßen kommen. Das Bewusstsein wird trübe, bis hin zur kurzzeitigen Ohnmacht. Bei Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma, Herzproblemen oder Epilepsie kann das lebensbedrohliche Zustände auslösen. Aber auch für Gesunde ist die Methode nicht ohne Risiko, warnt die Ärztin: "Hyperventilation ist nichts, was man mal ausprobieren kann. Ein akuter Anfall endet häufig in der Hand des Notarztes."

Ein Teil der Rebirther sagt ausdrücklich, dass sie die Hyperventilation einsetzen. Andere Anbieter distanzieren sich davon. Aber auch in ihren Berichten tauchen Symptome wie Kribbeln und Krämpfe auf. Rebirther erklären dies zum Beispiel damit, dass der Patient versuche, "sich von Anspannungen zu befreien".

In Wiesbaden starb 1988 eine Asthma-Patientin infolge einer Rebirthing-Behandlung. Die "Therapeutin" wurde wegen fahrlässiger Tötung und Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Zu einem weiteren Todesfall kam es 2000 im US-Bundesstaat Colorado, als zwei "Therapeutinnen" Rebirthing mit Elementen der Primärtherapie verbanden: Sie wickelten eine Zehnjährige in eine Decke und lehnten sich mit großem Druck auf das Kind. Es fiel ins Koma. Die Rebirtherinnen wurden zu 16 Jahren Haft verurteilt, Colorado verbot Rebirthing.

Seelisches Risiko:

Die Theorie, jede Geburt sei für das Kind ein Trauma, ist psychologisch "völliger Unsinn", sagt Hilarion Petzold, Professor für Psychologie und Psychotraumatologie und wissenschaftlicher Leiter der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit in Düsseldorf: "Ein normaler Säugling ist körperlich und seelisch so ausgestattet, dass er die Anstrengungen der Geburt gut bewältigt." Das seelische Risiko von Rebirthing liegt an anderer Stelle. "Die Bewusstseinseintrübung verringert die Ich-Kontrolle", erklärt Petzold. Dadurch können sehr schnell sehr viele Gedächtnisinhalte an die Oberfläche drängen - aber völlig unkontrolliert. "Das ist psychologisch gefährlich."

Erstens wühlt die Technik eventuell auch Erlebnisse auf, die längst verarbeitet sind. Ein Wiedererleben ist hier nicht nur therapeutisch überflüssig. "Es kann die negative Erinnerung erst richtig in die Seele einbrennen", warnt Petzold. "Psychisch gesunde Menschen hatten nach Rebirthings Symptome einer Retraumatisierung und depressive Reaktionen."

Zweitens darf man Traumata nicht einfach hervorzerren, sagt Uta Bange, Psychotherapeutin und Beraterin beim Verein "Sekten-Info Essen": "Mit der Verdrängung schützt die Seele sich selbst vor Überforderung." Eine seriöse Psychotherapie stabilisiert deshalb erst mal den Betroffenen und nähert sich, falls erforderlich, ganz behutsam dem Trauma.

Selbst dann reicht es nicht, sich an ein Erlebnis wie im Rebirthing nur zu erinnern, warnt Petzold: "Sie müssen es im Gespräch einordnen und mit weiteren Techniken verarbeiten." Da vielen Rebirthern dazu die Ausbildung fehle, bestehe das Risiko einer "malignen Regression": Der Behandelte bleibt emotional in der Vergangenheit gefangen. Mehrfach mussten Rebirthing-Teilnehmer wegen Wahnvorstellungen oder Selbstmordgefährdung in der Psychiatrie behandelt werden.

Nicht zu verwechseln:

"Erfahrbarer Atem" nach Ilse Middendorf ist eine seriöse Methode, die die Aufmerksamkeit auf den Atem und die Empfindungen des Körpers lenkt, die Atmung aber nicht willentlich verändert. Ebenfalls seriös ist die Atem-, Sprech- und Stimmtherapie nach Schlaffhorst-Andersen. Sie verbindet bewusste Atmung mit Bewegungen und Tönen. Ziel ist die Stärkung des natürlichen Atemrhythmus.

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