Schönheitswahn Warum Männer ihre Brust rasieren


Statt ins Fußballstadion geht es mit den Kumpels auf die Wellnessfarm: Männer haben längst ihre Eitelkeit entdeckt. Dafür sind sie bereit zu bezahlen: mit Geld, Operationen und ihrer Gesundheit.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Es sind keine guten Zeiten für Tränensäcke, Truthahn-Hals und Co. Männlicher Schönheitswahn und Körperkult bescheren Kosmetikindustrie und Plastischer Chirurgie von Jahr zu Jahr steigende Umsätze. Doch so neu ist das alles nicht: schon in der Antike wollten Männer schön sein. stern.de auf den Spuren des Adonis - gestern und heute.

Peeling ist für ihn kein Fremdwort mehr. Langsam aber sicher tastet sich der Mann von heute durch den Kosmetikdschungel. Grooming heißt das Stichwort. Wer in dieser Disziplin punkten will, sollte mit Cremes und Bodylotionen nicht allzu sparsam umgehen. "To groom" bedeutet "pflegen". Männer müssen ja nicht gleich Beauty-Geschütze auffahren wie David Beckham, Poster-Boy des neu kreierten metrosexuellen Mannes.

Doch der Blick in viele deutsche Badezimmer zeigt: zwischen das Sammelsurium von Tuben und Tiegelchen der Partnerin verirrt sich nicht mehr nur ein einsames Rasierwasser. Allein mit Herrenkosmetik wurde 2006 ein Umsatz von 360 Millionen Euro gemacht. Martin Ruppmann, Geschäftsführer vom Verband der Vertriebsfirmen Kosmetischer Erzeugnisse (VKE) spricht von einem Wachstumsmarkt: "Männer sind endlich neugierig auf kosmetische Produkte." Besonders wenn eine Ähnlichkeit zu anderen Produkten aus der Männerwelt vorhanden ist, wie etwa Shampoo, das in Bierflaschen abgefüllt wurde.

Sexy Doppelkinn in der Renaissance

Alles nur modischer Firlefanz? Zu Großvaters Zeiten jedenfalls scheint man sich mit derlei Themen nicht belastet zu haben. Bei einem echten Kerl durften die Haare auch mal wuchern wie bei einem Neandertaler. Solche Nachlässigkeiten hätte sich ein Adonis wohl kaum erlaubt. Noch heute gilt sein jugendlich-athletischer Körper als Schönheitsideal. Die markante Nase hingegen, die in der römisch-griechischen Antike der Inbegriff männlicher Anmut war, treibt manchen Mann heutzutage unter das Messer des Schönheitschirurgen. Auch das Doppelkinn, das in der Renaissance als sexuell attraktiv galt, dürfte keine weiblichen Erotikfantasien mehr auslösen.

Im 19. Jahrhundert setzte ein grundlegender Wandel in der Wahrnehmung des Körpers ein

Im Mittelalter war blondgelocktes, langes Haar das wichtigste Attribut des schönen Mannes. Gefragt war der muskelbepackte Typ mit breitem Oberkörper und schmalen Hüften. In der Renaissance demonstrierten Männer mit korpulenten Körperformen ihre Macht. Das Ideal: dick und gedrungen bis muskulös. Franz I. von Frankreich versteckte damals auf einem Porträt seine unmodische Schlankheit unter weiter Kleidung. Das bürgerliche Zeitalter machte Schluss mit männlichem Pfauengehabe - schönheitsbewusste Männer galten als verweichlicht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzt ein grundlegender Wandel in der Wahrnehmung des Körpers ein: Fett wird mit Trägheit in Verbindung gebracht. Schlanksein steht nun für Erfolg und Leistungswillen.

Krankhafter Körperkult

Die Assoziation ist geblieben. Millionen Männer treibt der Kampf um die Idealfigur in die Fitnesstudios, Milliarden Euro werden in Deutschland für Nahrungsergänzungsmittel und Diäthilfen ausgegeben. Wird der Körperkult zur Neurose, kreisen die Gedanken wie besessen um das perfekte Aussehen, spricht man vom Adonis-Komplex. Bei den unter 30-Jährigen empfinden sich immer noch 13 Prozent der Unter- und Normalgewichtigen als zu dick. 60.000 bis 80.000 Männer in Deutschland leiden an einer Essstörung. "Bulimie und Magersucht sind längst keine reinen eine Mädchen- oder Frauenkrankheit mehr", sagt Andreas Schnebel, Leiter von der Münchner Beratungsstelle ANAD für Essgestörte.

Schönheitsoperationen gegen den Karriereknick

Um das Thema Schönheit kommt der Mann anscheinend auch im Berufsleben kaum herum, gerade in höheren Positionen. "Die Männer begeben sich unters Messer, um einem Karriereknick vorzubeugen", sagt Christian Schrank, plastischer Chirurg an der Partnachklinik in Garmisch-Partenkirchen. Viele Kunden klagen: "Ich fühle mich jung und sehe so erschöpft aus." Schnell würde man damit bei Kollegen und Geschäftspartnern Minuspunkte sammeln. Auch wenn Ermüdungserscheinungen im Gesicht ab 50 Jahren ganz normal sind: Mit dem Alter senken sich Augen und Brauenbogen langsam ab. Eine Augenlidkorrektur, die hier Abhilfe schafft, ist ruckzuck gemacht. Schnelles Tempo ist bei den Herren immer willkommen. "Die OP ist eine Unterbrechung der Arbeit", sagt Christian Schrank. Das kurzzeitige Fehlen solle außerdem nicht bemerkt werden - Schönheitsoperationen bei Männern seien immer noch ein Tabu. Jens, 43 Jahre alt, aus Nürnberg, meint: "Der eitle Mann ist immer noch eine Witzfigur." Dass er sich seine herabhängenden Mundwinkel hat korrigieren lassen, weiß keiner. "Da würde mich doch jeder auslachen."

Das Ideal: Eine haarlose Brust á la David Beckham

Nasenkorrektur, Facelifting, Schweißdrüsenabsaugung, Fettabsaugung - die Wunschliste der männlichen Kunden, die zu Olaf Kauder kommen, ist lang. Der Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie aus Berlin operiert seit knapp 15 Jahren, die Nachfrage bei den Männern ist nur leicht gestiegen und liegt momentan bei einem Anteil von 10 bis 15 Prozent an der Gesamtkundschaft. "Beim Männergesicht müssen - anders als bei der Frau - das festere Hautgewebe, Haaransatz und der männliche Bartwuchs mitberücksichtigt werden", erklärt Olaf Kauder. Großes Thema übrigens bei Männern um die 30: Körperhaarentfernung. Das Ideal: eine haarlose Brust á la David Beckham.

Mit den Kumpels auf Schönheits-Tour

Gabriele Bergmann, Wellnessfarm-Betreiberin, will eine "neue Generation Mann" entdeckt haben: 20 bis 25-Jährige, die, statt sich an den Wochenenden in Fußballstadien herumzutreiben, mit den Kumpels auf Schönheits-Tour gehen. In den vergangenen zehn Jahren sei die Männerquote laut Bergmann von drei auf 40 Prozent gestiegen. Absolute Renner seien Massagen mit Sandelholz- oder Wurzel-Düften. "Bloß keine Ayurveda-Kuren", sagt Gabriele Bergmann. "Wenn's zu esoterisch wird, dann steigen die Männer aus."


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