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Reaktion auf Anschläge Wahrnehmungsforscher: Darum stumpfen wir gegen den Terror ab

Terroranschläge mehren sich in Europa. Die Nachrichten über die erschütternden Ereignisse erreichen uns schnell und unmittelbar. Und je häufiger sie uns erreichen, desto weniger scheinen sie uns zu berühren. Warum ist das so?
Neurowissenschaftler Dong-Seon Chang hat am Max-Planck-Institut in der Forschungsgruppe um Stephan de la Rosa erforscht, wie das Gehirn auf Handlungen in der Außenwelt reagiert.
Nachrichten über Anschläge erregen unsere Aufmerksamkeit besonders.
Dong-Seon Chang: „Der Grund liegt daran, dass das Gehirn eine begrenzte Kapazität hat Informationen in der Außenwelt zu verarbeiten. Es muss also vorwählen: Was ist überlebenswichtig und dabei sind solche Nachrichten über Mord oder Terror natürlich von der Sicht des Gehirns her sehr wichtig.“


Auf physischer Ebene passiert dabei Folgendes: Über unsere Netzhaut gelangt die Information in unser Gehirn.
Neuronen aktivieren die Schaltzentren im Gehirn, zum Beispiel den Mandelkern.
Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet. Wir empfinden Angst oder Wut. Doch was passiert, wenn sich Anschläge und die Nachrichten darüber häufen?
 Dong-Seon Chang:
„Das Interessante ist, wenn man wiederholt eine Nachricht mit hohem emotionalen Gehalt dem Leser oder Zuschauer gibt, dass dann nach einer Weile das Gehirn abschaltet und Neuronen immer weniger häufig auf eine Information feuern.“
 Adaptation oder Habituation nennen Neuropsychologen diese Art von Gewöhnung.
Bisher war bekannt, dass Neuronen auf wiederholte Reize wie Formen oder Farben schwächer reagieren als auf neue. 
Dass das auch passiert, wenn Menschen längere Zeit bestimmten Emotionen ausgesetzt sind, lassen neue Studien vermuten.
 Bei einer von ihnen untersuchten zum Beispiel Forscher,  was im Hirn passiert, wenn wir lügen. Auch hier produziert der Mandelkern Signale, die ein negatives Gefühl verursachen. Diese Impulse werden allerdings schwächer, wenn wir erneut lügen.
 
Dass wir immer weniger stark auf sich wiederholende Geschehnisse reagieren, ist anscheinend ein evolutionärer Reflex. In der Informationsflut von heute, hilft er uns auch den Überblick zu behalten. Doch wie können wir verhindern, dass wir abstumpfen?
 
Dong-Seon Chang:
„Da sagen amerikanische Psychologen wie Roy Baumeister, dass wir gezielt, die Informationen, die uns begegnen kontrollieren sollten. Das heißt – nicht die ganze Zeit E-Mails checken, nicht die ganze Zeit News Apps laufen lassen. Sondern am Ende des Tages in einem kontrollierten Zeitraum die Nachrichten lesen. Das würde uns eine bessere Fähigkeit geben, die Nachrichten gut zu beurteilen."


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In seinem Buch "Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf" erklärt der Kognitionsforscher Dong-Seon Chang weitere Phänomene und bespricht aktuelle Studien über die menschliche Wahrnehmung.
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Wie reagieren wir, wenn wir vermehrt mit Terrornachrichten konfrontiert werden? Stumpfen wir ab? Und wenn ja, warum? Ein Gespräch mit dem Kognitionswissenschaftler Dong-Seon Chang. 

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