Überschuldung Wenn Schulden krank machen


Geld macht nicht glücklich, heißt es. Doch Schulden bereiten vielen Leuten schlaflose Nächte und stressige Tage. Sie machen sogar krank: seelisch und körperlich. Sozialmediziner fordern daher gezielte Prävention und kostenlose Arztbehandlungen und Medikamente für Betroffene.
Von Martina Janning

Ein neues Auto gekauft, für den Urlaub einen Kredit aufgenommen, dann die Scheidung: So geraten viele Menschen in die Schuldenfalle - und in eine Krankheit dazu. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Mainz, der zufolge acht von zehn überschuldeten Personen krank sind. Im Schnitt nannten die rund 660 befragten Besucher von rheinland-pfälzischen Schuldnerberatungen sogar zwei Erkrankungen.

Angstzustände, Depressionen und Psychosen

Studienleiter Professor Stephan Letzel betont: "Der Gesundheitszustand dieser Personengruppe ist absolut mangelhaft." Mehr als 40 Prozent klagten über Angstzustände, Depressionen oder Psychosen, rund 39 Prozent über Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule. Den befragten Frauen machten solche Leiden deutlich häufiger zu schaffen als Männern. Gleiches gilt für Störungen der Schilddrüse, die sich in Nervosität, zu hohem Blutdruck und Schwitzen äußern können, aber auch in Müdigkeit und vermindertem Antrieb. Überschuldete Männer hingegen liegen bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen vorn: Jeder fünfte Befragte fühlte sich davon betroffen.

Im Vergleich zu Menschen gleichen Alters und gleicher sozialer Stellung ohne Schuldenprobleme "stellen wir bei Überschuldung ein zwei- bis dreifach größeres Risiko fest, an bestimmten Krankheiten erkrankt zu sein", sagt Professor Eva Münster vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz, das die Untersuchung gemacht hat. Ein Befund mit Belang. Denn im Jahr 2007 stieg die Zahl der überschuldeten Deutschen um 150.000 auf 7,3 Millionen, berichtet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die Finanzkrise auf dem Immobilienmarkt sowie rasant kletternde Kosten für Energie und Lebensmittel könnten weitere Menschen in die Überschuldung treiben.

Am Anfang stand die Krankheit, am Ende der Schuldenberg

Auslöser für das Anhäufen eines Schuldenbergs sind vor allem Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit und Scheidung. Immer öfter werden auch Konsumgelüste zum Verhängnis. Rund eine Million Betroffene sei durch übertriebene Kauflust in die Schuldenfalle geraten, berichtet Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Krankheiten spielen ebenfalls eine große Rolle. Sie sind nicht bloß Folge, sondern in manchen Fällen auch ein Faktor, der zu einem wachsenden Schuldenberg beiträgt. Der Mainzer Studie zufolge geriet ein Fünftel der Befragten durch eine Erkrankung in Zahlungsnot. Ein typischer Verlauf: Jemand hat einen Bandscheibenvorfall, muss seinen Job aufgeben und kann seine Rechnungen nicht mehr zahlen.

Und plötzlich sind die Freunde weg

Überschuldete seien eine besondere Risikogruppe innerhalb der Armen, betont Münster. "Die Verschuldung bedroht den Arbeitsplatz." Durch die Kontosperrung kann der Arbeitgeber das Gehalt nicht mehr überweisen, bei einer Lohnpfändung muss er sogar mitmachen. In Firmen gelten verschuldete Mitarbeiter daher schnell als Last und leistungsschwach. Überdies fallen Überschuldete tief - ohne, dass ein soziales Netz sie auffängt. "Eine zusätzliche Belastung ist, dass sich bei etwa der Hälfte der Überschuldeten Freunde oder Familie aufgrund der finanziellen Notlage zurückziehen", sagt die Juniorprofessorin. Gleichzeitig kapseln sich viele Betroffene ab. Sie gehe nicht mehr vor die Tür, schreibt eine überschuldete Frau in einem Internetforum: "Ich traue mich nicht mehr zu Freunden und habe immer ein schlechtes Gewissen meiner Schwester gegenüber, bei der ich auch Schulden habe." Ebenfalls mangels Geld igeln Überschuldete sich ein; die Hälfte tritt zum Beispiel aus Vereinen aus, stellten die Mainzer Wissenschaftler fest. Aus vielen Studien ist bekannt, dass der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben die Gesundheit beeinträchtigt.

Aus Geldnot nicht zum Arzt

Zugleich lassen Überschuldete sich seltener behandeln als andere Menschen. In der Mainzer Untersuchung gaben 65 Prozent an, sie hätten während des vergangenen Jahres aus Geldmangel ärztlich verschriebene Medikamente nicht gekauft. 60 Prozent erklärten, dass sie wegen der Praxisgebühr auf Arztbesuche verzichteten. Jeder Zweite gab zudem an, sich wenig gesund zu ernähren und kaum Sport zu treiben. Die Sozialmediziner fordern daher ein spezielles Präventionsprogramm für überschuldete Personen und arbeiten bereits an einem wissenschaftlichen Projekt dazu, mitfinanziert von den rheinland-pfälzischen und saarländischen Betriebskrankenkassen.

Eine weitere Konsequenz aus der Studie: Überschuldete sollten unbürokratisch von Zuzahlungen zu Arztbesuchen und Arzneimitteln befreit werden, sagen die Wissenschaftler. Münster regte an, Personen, die sich durch eine private Insolvenz entschulden, eine Bescheinigung für ihre Krankenkasse auszustellen, damit diese sie von der Selbstbeteilung an medizinischen Leistungen entbindet. Derzeit ist dies für das Gros der Überschuldeten nicht möglich, weil ihr Einkommen zu hoch ist und es nicht zählt, was ihnen wirklich zum Leben bleibt. Außerdem seien viele überschuldete Menschen wegen ihrer angespannten Lage schlicht überfordert, einen Antrag auf Befreiung bei ihrer Krankenkasse zu stellen, sagt Münster.


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