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ÖFFENTLICHE AUTOPSIE: »In dieser Tradition stehe ich«

Ungeachtet des Widerstands der britischen Behörden hat der deutsche Anatomieprofessor Gunther von Hagens vor einem Publikum in London öffentlich eine Leiche seziert.

»Da hat man einen besseren Griff«

»Warum nehmen Sie nicht wenigstens Ihren Hut ab aus Respekt vor dem Toten?«, rief ein aufgebrachter Zuschauer. Doch Gunther von Hagens, von britschen Medien als »Frankenstein-Künstler« tituliert, ließ sich nicht irritieren. Er deutete auf eine Leinwand mit dem Rembrandt-Gemälde »Die Anatomie des Dr. Tulp«. »In dieser Tradition stehe ich«, sagte er und bekam Applaus von den rund 500 Anwesenden, die zwölf Pfund (20 Euro) für die umstrittene Vorstellung gezahlt hatten. Auch Rembrandt malte die Szene einer öffentlichen Sektion, die schon im 16. Jahrhundert stark in Mode kamen. Auch auf dem Bild des Holländers trägt der Leichenöffner einen Hut.

Damals wie heute ist es schweißtreibend, die Bauch- und Brustdecke eines Menschen auseinander zu ziehen. Haut und Muskeln lösen sich nur schwer von den Rippen. Man rutscht ab, weil es glitschig ist. Von Hagens nahm deshalb hellblaue Papiertücher zur Hilfe: »Da hat man einen besseren Griff.« Kurz zuvor hatte der Moderator des britischen TV-Senders Channel 4 die Zuschauer gewarnt: »Wenn Sie schwache Nerven haben, schalten Sie jetzt ab und schauen Sie nicht zu.« Doch die wenigstens kamen wohl an den Fernseh- und Zeitungsbildern über die erste öffentliche Leichenöffnung seit 170 Jahren in Großbritannien vorbei.

»Warum sollen die Geheimnisse des Körpers nur den Wissenschaftlern vorbehalten sein?«

Dem Publikum stockte am Mittwochabend in der ehemaligen Old-Truman-Brauerei im Londoner East-End der Atem, als von Hagens ankündigte: »Ich beginne jetzt mit dem so genannten Y-Schnitt.« Und er tat es wirklich. Das Skalpell grub sich tief ins Fleisch des Toten. Zunächst schnitt von Hagens von einer Schulter zu anderen im Halbkreis und dann runter bis kurz vor den Schamhaaransatz. Der Körper wurde geöffnet, die beiden Bauchdeckel wie Schranktüren aufgeklappt. Um an die Organe zu kommen, knipste von Hagens die Rippen mit der Zange durch. »Jetzt kann ich den kompletten Rippenkäfig rausnehmen.« Der Heidelberger Wissenschaftler entfernte daraufhin die Organe und schöpfte die Konservierungsflüssigkeit mit der Suppenkelle aus dem nun hohlen Körper.

Es ist schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen wissenschaftlichem Interesse und purem Voyeurismus. Von Hagens ist überzeugt, dass zur Wissensvermittlung immer auch Entertainment gehört. Er sieht sich nicht als »Zirkusdirektor«, sondern als »Event-Anatomist«. »Warum sollen die Geheimnisse des Körpers nur den Wissenschaftlern vorbehalten sein«, fragte er rhetorisch und sägte die Schädeldecke der Leiche auf, um das Gehirn herauszunehmen.

»Ich habe mich entschieden auch in München einen öffentliche Sektion vorzunehmen«

Die Szene erinnerte an das Ausweiden von Tieren. Leber, Herz, Nieren und Gehirn wurden dem Publikum in kleinen Metallschalen zur Ansicht gereicht. Zum Schluss liegen die Organe säuberlich getrennt und in Scheiben geschnitten auf einem Metalltisch. Die Leber des Mannes war außergewöhnlich groß, die Arterien waren verkalkt. Keine Wunder: Bis zu seinem Tod am 17. März dieses Jahres hatte der 72- Jährige frühere Geschäftsmann aus Deutschland jahrzehntelang täglich zwei Flaschen Whisky getrunken und vier Schachteln Zigaretten geraucht. Zum Schluss konnte er kaum noch gehen.

Der durch seine spezielle Konservierungstechnik (Plastination) und seine Ausstellung »Körperwelten« zum Multimillionär gewordenen von Hagens will seine Mission auch in Deutschland fortsetzen. »Ich habe mich entschieden auch in München einen öffentliche Sektion vorzunehmen«, sagte er. Dort soll die »Körperwelten«-Schau im Februar eröffnet werden. An »Material« dürfte es ihm nicht fehlen. Bislang haben 5000 Menschen ihre Körper für die Plastination gespendet - und täglich kommen nach Angaben der Aussteller zwei bis zu fünf neue hinzu.

Von Helmut Reuter, dpa

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