Tiere Wenn Spitzhörnchen Palmbier saufen

Alkoholkonsum ist nicht nur unter Menschen verbreitet - und eine alte Angewohnheit. Schon vor 55 Millionen Jahren könnte ein Vorfahr des Menschen regelmäßig große Mengen Palmbier getrunken haben. Das sagen Forscher, nachdem tierische Alkoholiker beobachtet haben: Spitzhörnchen.

Ein Spitzhörnchen im Regenwald Malaysias trinkt regelmäßig Palmbier - und ist trotzdem niemals betrunken. Der nachtaktive Kletterspezialist könne Alkohol offensichtlich besser verarbeiten als der Mensch, berichtet der Tierphysiologe Frank Wiens von der Universität Bayreuth. Die unerwartete Beobachtung werfe auch ein neues Licht auf die Entwicklung des Alkoholkonsums unter den Vorfahren der Primaten - und damit auch des Menschen. Die Entdeckung wurde in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlicht.

Wiens hat gemeinsam mit der Bayreuther Wissenschaftlerin Annette Zitzmann und internationalen Kollegen über viele Jahre das Ernährungsverhalten der Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii) untersucht. Das in Südthailand und Malaysia beheimatete Tier hat etwa die doppelte Größe einer Maus und ist mit den Primaten verwandt. Und: Die Spitzhörnchen erwiesen sich als chronische Trinker.

Hochprozentiger Blütensaft als Hauptmahlzeit

Die Forscher stellten bei der Beobachtung des Spitzhörnchens fest, dass der alkoholische Blütennektar der Bertam-Palme Hauptnahrungsbestandteil des nachtaktiven Säugers ist. Der Saft der Palme wird in den Blütenknospen wie in einer Gärkammer in Alkohol verwandelt und zwar nicht zu knapp: 3,8 Prozent Alkohol enthält der Saft - mehr als jede andere Pflanze.

Videoaufnahmen ergaben, dass jedes Tier mehr als zwei Stunden pro Nacht den alkoholhaltigen Nektar trinkt. "Das war mehr Zeit als für irgendeine andere Nahrung aufgewendet wurde", sagte Wiens. "Gemessen an dem aufgenommenen Alkohol müssten sie eigentlich jede dritte Nacht betrunken sein", betonte der Wissenschaftler. "Sie sind es aber nicht." Alle beobachteten Federschwanzhörnchen zeigten auch nach dem nächtlichen "Trinkgelage" keinerlei Anzeichen von Trunkenheit.

Betrunken sind sie nie

Den hohen und dennoch folgenlosen Alkoholkonsum der Tiere bestätigte auch eine Analyse von Haaren der Federschwanzhörnchen. Eine Frau müsste innerhalt von zwölf Stunden zwölf Gläser Wein trinken, um bei der Haaranalyse so abzuschneiden wie die Spitzhörnchen.

Wiens vermutet, dass der Stoffwechsel der untersuchten Tiere in Bezug auf Alkohol weitaus effektiver ist als der von Menschen. "Das Federschwanzhörnchen kann seinen Organismus nach dem Konsum von Alkohol offenbar schneller entgiften, als dies bei Menschen der Fall ist", unterstrich der Wissenschaftler. In einem Lebensraum mit Raubtieren wären vom Alkohol vernebelte Sinne auch ein tödliches Risiko.

Alkoholkonsum als evolutionärer Vorteil

Da sich der Konsum als Folge natürlicher Selektion ergeben habe, sei davon auszugehen, dass er den Tieren unterm Strich nutze. So sei der Palmnektar sehr nahrhaft, sagt Wiens. Möglicherweise haben die Spitzhörnchen aber sogar ähnliche Motive wie menschliche Trinker: "Es könnte sein, dass die Spitzhörnchen den Nektar trinken, um Stress abzubauen", meint Wiens. Worin genau der Nutzen liegt, soll mit weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Nach Wiens Einschätzung müssen möglicherweise Theorien zum Alkoholkonsum nun verändert werden. Bislang sei man davon ausgegangen, dass die Menschheit und ihre Ahnen vor der Erfindung des Bieres vor etwa 9000 Jahren entweder gar nicht an Alkohol gewöhnt waren oder nur an sehr geringe Dosen in überreifen Früchten. Die Untersuchung zeige hingegen, dass ein regelmäßiger hoher Alkoholkonsum schon sehr früh in der Evolution der Primaten vorkam.

DPA/AP/DDP AP DPA

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