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Übergewicht in den USA: Eine Stadt speckt ab

Ein frischer Anstrich für die Zebrastreifen, mehr Radwege und in der Schulkantine Burger mit Vollkornbrötchen - so geht die US-Stadt Somerville gegen Übergewicht bei Kindern vor. Mit ersten messbaren, wenn auch kleinen Erfolgen.

Somerville im US-Staat Massachusetts speckt ab - mit sichtbarem Erfolg. Die Schulkinder in dem Städtchen bei Boston mit etwa 80.000 Einwohnern legen jedenfalls weniger an Gewicht zu als ihre Altersgenossen in anderen Orten. Und weil in Somerville Hänschen lernt, was Hans nimmermehr lernt, haben die dortigen schlankeren Sprösslinge auch eine größere Chance, zu normalgewichtigen Erwachsenen zu werden.

Die ganze Gemeinde hat sich zusammengeschlossen, um dafür zu sorgen, dass ihre Kinder nicht mit zu viel Ballast in Form von Fettpolstern ins Erwachsenenleben gehen - ein Experiment, das in seiner Art als einmalig in den USA gilt.

Frischer Anstrich für die Zebrastreifen

"Shape Up" - in Form kommen - heißt das 2003 unter Federführung der Ernährungswissenschaftlerin Christina Economos von der Tufts University gestartete Projekt. Es reicht von frischem Zebrastreifen-Anstrich auf den Straßen als Ansporn zum sicheren Zu-Fuß-Gehen bis hin zu kleineren Essensportionen in vielen Restaurants der Stadt.

Hintergrund ist die wachsende Zahl übergewichtiger Kinder und Teenager in den USA. Nach Regierungsstatistiken bringt rund ein Drittel von ihnen - etwa 25 Millionen - bereits deutlich mehr Gewicht auf die Waage, als ihnen gesundheitlich gut tut, oder sie stehen kurz davor. Unter den Erwachsenen sind zwei Drittel übergewichtig oder schlicht fettleibig. Sie alle haben ein erhöhtes Risiko von Diabetes oder Herzerkrankungen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

"Ein besserer Ort zum Leben"

Als Mutter von zwei Kindern war es für Economos klar, dass es wenig Zweck hat, den Nachwuchs zur Diät zu zwingen. Stattdessen setzte sie darauf, das Lebensumfeld mit kleinen Schritten zu ändern. Dazu studierte sie andere soziale Entwicklungen im Gesundheitsbereich wie etwa die Antiraucherbewegung - in der Hoffnung, dass sich dies auch auf den Ernährungssektor übertragen lässt. Das Ergebnis: "Shape Up".

Bürgermeister Joseph Curtatone, der selbst gern ein paar Pfunde los werden wollte, musste nicht überredet werden. "Ich habe sofort gesehen, was für ein Potenzial das Ganze hat", zitierte ihn das "Wall Street Journal". Nicht nur, dass mehr als 40 Prozent von Somervilles Kindern zu diesem Zeitpunkt bereits als "übergewichtsgefährdet" einstuft wurden. Projekte, die zur Köperertüchtigung und gesundem Essen anspornten, könnten die ganze Stadt "zu einem besseren Ort zum Leben machen", befand das Stadtoberhaupt.

Mehr Radwege und Burger mit Vollkornbrötchen

So ging es denn los, alles auch mit dem Gedanken, dass es möglichst wenig Geld kosten sollte. Verblasste Zebrastreifen wurden mit reflektierender Farbe aufpoliert und Schülerlotsen an wichtigen Übergängen positioniert - wo, das konnten Eltern einem Informationsblatt entnehmen. Der Ausbau eines Radfahrweges begann, und die Zahl der Radabstellplätze in der Stadt wurden deutlich aufgestockt. Und richtig in Schwung gekommen, beschloss der Stadtrat, die städtischen Bediensteten auf Trab zu bringen: Wer einen Fitnessclub besucht, erhält die monatlichen Kosten dafür erstattet.

Gut 20 Restaurants der Stadt bieten neben normalen Menüs geschrumpfte Portionen oder fettreduzierte Mahlzeiten an. Auch das Schullunch wurde gesünder, zumeist durch subtile Änderungen und nicht auf Kosten des Geschmacks. So steckt der Hamburger etwa jetzt zwischen Vollkorn-Brötchenhälften, und dazu gibt es Früchte zum Sattessen. Im Schulunterricht lernen die Kinder, wie man gesund und trotzdem gut essen kann, und immer wieder gibt es Kostproben. Und auch die Mütter und Väter werden eingebunden - in Form von Elterntreffen mit Vorträgen, Gesundheitsbasaren und "Gemeinderennen".

Ein Pfund weniger zugenommen

Das Ergebnis, so beschreibt es das "Wall Street Journal", klingt bescheiden und ist trotzdem bedeutend. Nach acht Monaten "Shape Up" wurden Größe und Gewicht von knapp 400 Erst- bis Drittklässlern in Somerville gemessen und die Ergebnisse mit denen von Gleichaltrigen aus zwei anderen nahe gelegenen Städten verglichen.

Und siehe da: Somervilles Kinder hatten im Schnitt ein Pfund weniger zugenommen als ihre Altersgefährten. So wird denn in Somerville weiter abgespeckt - auch bei der Stadtverwaltung selbst: Nach Medienberichten will der Stadtrat einen Teil der Dienstwagen durch Drahtesel ersetzen.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA
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