HOME

Zeitumstellung: Bei Werner tickt's gewaltig

Genau 233 Uhren klingeln, läuten und tuten in der Wohnung von Werner Stechbarth. Damit kann er leben. Mit der Sommerzeit nicht: Ginge es nach dem 66-Jährigen, würde sie abgeschafft.

Von Katharina Kütemeyer

Werner Stechbarth trägt immer unterschiedlich farbige Socken. Und Schuhe."Ich habe eben mehr als einen Tick."

Werner Stechbarth trägt immer unterschiedlich farbige Socken. Und Schuhe."Ich habe eben mehr als einen Tick."

Zur vollen Stunde ist es in der Wohnung des 66-jährigen Münchners kaum auszuhalten: Es bimmelt, klingelt, kräht und trötet aus 233 Uhren, die seine Wände bis auf den letzten Platz belegen. Und diese Beschallung dauert ein bis zwei Minuten lang an.

Denn Werner Stechbarth hat die Uhren alle unterschiedlich eingestellt. "Außer meinen Funkuhren gehen alle eine bis eine halbe Minute vor oder nach." Sonst wäre es dreifach so laut – und er denkt schließlich auch an seine Nachbarn. "Im Treppenhaus hört man‘s schon", sagt er, "aber noch bin ich nicht beschimpft worden." Er lacht.

Der Rentner weiß um seinen Spleen: "Die halten mich alle für verrückt." Zumal er nicht nur Uhren sammelt, sondern auch Orchideen und Gartenzwerge. Letztere sind auf seinem Balkon versammelt – und gelten in dem Stadtteil Au schon als kleine Touristenattraktion. "Ich sammle viel", sagt er. Und dann nichts mehr. Seine Uhren warten.

Früher lud er zur Uhrenparty

Täglich steigt er mehrmals auf seine Leiter, um sie abzustauben, aufzuziehen und Batterien zu wechseln. Eine Aufgabe, die er gerne macht: "Ich habe ja Zeit." Die ihm aufgrund des Alters aber auch immer schwerer fällt. Und die Zeitumstellung für ihn zu einer länger währenden Kraftprobe macht. "Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre immer Sommerzeit. Es ist länger hell, niemand muss sich umgewöhnen. Davon hätten alle was."

Früher hat er sich einen Spaß daraus gemacht und zur Uhrenparty eingeladen - "mit Imbiss und so". Dann kamen Freunde und Bekannte und ab 2 Uhr früh wuselten alle emsig und sektbeschwingt durchs Wohnzimmer, wo das Gros der Stechbarth‘schen Uhren hängt.

Inzwischen aber fühlt er sich nicht mehr so wohl, das ist ihm alles zu viel und vor allem zu spät. Statt nächtlich zu feiern, fängt er jetzt einfach früher an. Meist schon Donnerstag oder gar Mittwoch, damit pünktlich zur Sommerzeit alle Uhren richtig ticken.

Die Ur-Uhr und die Lieblingsuhr

"Langsam muss ich aber wohl aufhören", sagt Stechbarth. Nicht, weil er nicht mehr kann. Sondern weil ihm der Platz fehlt. Über 50 Uhren warten noch im Keller, darauf, dass auch sie einmal nach oben geholt und mit einem Platz an der Wand bedacht werden.

Uhren aus aller Welt, die der Rentner während seiner Zeit bei der Lufthansa gesammelt hat. "Es ist doch normal, dass man ein Souvenir von der Reise mitbringt. Bei mir waren es eben viele Reisen und mein Mitbringsel immer eine Uhr."

Seine Ur-Uhr, wie er sie nennt, hat er in Mexiko, auf einem Markt in Acapulco entdeckt. Das war in den 70er Jahren und die kleine Katzenuhr "kostete fast überhaupt nichts". So versammelten sich mit den Jahren Uhren aus China, Ägypten, Brasilien an den Wänden des Münchners. Alle Erinnerungen an seine Zeit als Weltenbummler. Nur die eine nicht, seine Lieblingsuhr.

Sie ist ein Geschenk seiner Mutter und zeigt einen Zug. Zur vollen Stunde blinkt ein Warnlicht und es ertönt das Geräusch eines einfahrenden Zuges. Wertvoll aber ist sie für den 66-Jährigen wegen ihrer Botschaft. "Vergiss nicht, wie schnell die Zeit vergeht", hat ihm die Mutter darauf geschrieben. "Wenn ich die Uhr in die Hand nehme, könnte ich weinen", sagt Werner Stechbarth.

Seine Mutter ist längst tot.

Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
  • Katharina Kütemeyer