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UN warnt vor dramatischen Zuständen Bürgerkriegs-Katastrophe in Äthiopien: Warum um das Wort "Hungersnot" so gerungen wird

Ein Mann transportiert amerikanische Hilfslieferungen in der äthiopischen Provinz Tigray
Ein Mann transportiert amerikanische Hilfslieferungen in der äthiopischen Provinz Tigray
© Ben Curtis/ / Picture Alliance
Mark Lowcock, Chef der UN-Nothilfeagentur, warnt vor einer "Hungersnot" im Norden Äthiopiens. Experten sagen: Bis zu 300.000 Kinder könnten sterben. Warum die Lage vor Ort so dramatisch ist – und ein Wort so im Mittelpunkt steht.

Es ist die stärkste Waffe aus seinem Arsenal, die UN-Nothilfe-Koordinator Mark Lowcock am Donnerstag zog, das H-Wort – "Hungersnot". Denn genau die spiele sich derzeit in der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens ab, sagte er. "Und es wird noch viel schlimmer werden".

Für 350.000 Menschen in Tigray und den angrenzenden Regionen Amhara und Afar sei die Lage dramatisch. Dort, im Norden des Landes, führt Äthiopiens Armee einen brutalen Krieg gegen aufständische Tigray, 1,7 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Das Stereotyp des Hunger-Staates

"Hungersnot" und "Äthiopien", das erinnert an die Jahre 1973 und 1984/85, an Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen, an Bob Geldorf und "Band Aid", an all das, was "Äthiopien" für lange Zeit zu einem Synonym hat werden lassen für Dürre, Armut und Hunger – was aber der komplizierten Situation vor Ort seit Jahren schon nicht mehr gerecht wird.

Denn es ist gerade diese Stereotypisierung als Hunger-Staat, die es dem Land jahrzehntelang schwer gemacht hat, und wer die aktuelle Lage wie auch diplomatische Kämpfe in den UN-Gremien verstehen will, muss sich die politische Dimension des Wortes "Hungersnot" klar machen.

Der offizielle UN-Bericht stuft die Lage in Tigray als "Katastrophe" ein, die schlimmste Stufe "Hungersnot" wird vermieden. Grundlage dafür ist die "Integrated Food Security Classification" (IPS), ein System, das geschaffen wurde, um das Ausmaß von Hunger wissenschaftlich messbar zu machen. So gilt eine Region als von einer Hungersnot betroffen, wenn 20 Prozent der Menschen dort unter extremer Nahrungsmittelknappheit leiden, 30 Prozent unter Unterernährung und die Todesrate von zwei Personen pro Tag pro 10.000 Menschen überschritten wird.

Aber ist Hunger nicht immer Hunger? Ist das alles nicht nur semantische Worthuberei?

Hungernöte haben immer politische Hintergründe. Es ist nie ein kompletter Ausfall der Ernte, der dazu führt, sondern ein Versagen des Marktes. Schon vor 40 Jahren wies der indische Nobelpreisträger Amartya Sen nach, dass Hungersnöte nicht entstehen, weil es im Land zu wenig Essen gibt, sondern weil Menschen aufgrund politischer oder ökonomischer Missstände keinen Zugang zu Nahrungsmitteln haben.

In Äthiopien war das 1973 so, als das Feudalregime des damaligen Machthabers Haile Selassie gegen die kommunistischen Derg-Rebellen kämpfte; 1984/85, als Aufständische aus Tigray gegen die wiederum dann herrschende Derg-Junta kämpften. Sicher, es gab Missernten in diesen Jahren – ohne die Politik der verbrannten Erde, mit der jeweils die Regime die Rebellen – und damit auch die Zivilbevölkerung – aushungerten, wäre es allerdings trotz Dürren zu keiner Katastrophe gekommen.

Die Lage ist katastrophal und dramatisch

Meist sind es Kriege und Konflikte, die zu einem Ausfall der Lebensmittelversorgung führen, manchmal ist es aber auch ein Versagen der Marktmechanismen selbst. Als etwa 2003 in weiten Teilen Äthiopiens Hunger herrschte, war das eine Folge der Rekordernte des Jahres zuvor: Das Land hatte keine Vorkehrungen getroffen, solche Mengen einzulagern. Die Überschüsse überschwemmten den Markt, die Preise brachen zusammen.

Für die Bauern lohnte es sich bald nicht mehr, ihre Ernte überhaupt noch verkaufen zu wollen. Für die neue Aussaat fehlte vielen schließlich das Geld. Hektisch wurden Hunderttausende Tonnen an Hilfe ins Land gekarrt - während noch immer geschätzte 300.000 Tonnen Getreide vom Vorjahr auf den Feldern verrotteten.

Die jetzige Lage ist dem Krieg der Zentralarmee gegen die Aufständischen zuzurechnen, und sie ist, soweit sich das beurteilen lässt, katastrophal und dramatisch. Die Menschen in Tigray leiden unter der Brutalität der Soldaten. Noch 2019 wurde Premierminister Abiy Ahmed mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, doch von "Frieden" ist nichts mehr zu sehen. Seine Soldaten verschleppen und vergewaltigen Frauen, ganze Dörfer werden verheert, um den Aufständischen den Boden zu entziehen.

Über Monate hinweg konnten die Bauern ihre Felder nicht bestellen, es fehlte an Saatgut, an Pflügen, dazu kam die Angst vor marodierenden Truppen. Nun wird es keine Ernte geben, und ausländische Helfer werden kaum in die Region gelassen. Renommierte Forscher wie Alex de Waal, Experte für Hungersnöte in der Region, rechnen aus, dass bis zu 300.000 Kinder sterben könnten – denn es sind in jeder Hungersnot immer die Kleinsten und Schwächsten, die es als erstes und am härtesten trifft.

Es trifft, wie immer, auch hier vor allem die Kinder

Die äthiopische Regierung verweigert dem UN-Bericht, der die Lage als "katastrophal" bezeichnet, ihre Zustimmung. Und sie wird, das ist sicher, die noch härtere Zuschreibung des UN-Nothilfe-Koordinators Lowcock erst recht ablehnen – zu sehr litt das Land in den vergangenen Jahrzehnten unter der Stereotypisierung als Hungerkammer des Kontinents.

Denn das ist eigentlich tragische: Viele Jahre lang haben einige Medien, selbst ernannte Afrika-Retter und auch einige Hilfsorganisationen das Bild des darbenden Äthiopien gepflegt, den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes ignoriert und den Widerspruch der Regierung in Addis zu diesem Bild geradezu heraufbeschworen.

Jetzt, da die Lage tatsächlich dramatisch ist und Äthiopien die Notlage eingestehen müsste, verweigert sich dem die Regierung – vor allem, um keine Zeugen bei ihrem brutalen Feldzug zu haben. Aber eben auch, weil Äthiopien über Jahrzehnte als Elendsland gebrandmarkt wurde.

Klar ist: Die Schuld am zu erwartenden Sterben tragen vor allem die Kriegsparteien, die Rebellen, die mitmischende Armee aus dem benachbarten Eritrea, die Regierung von Abiy Ahmed. Der Westen allerdings ist an der Entstehung der Gemengelage nicht so unschuldig, wie es manche Diplomaten in New York oder Genf gerne hätten.

Wer darunter leidet, daran allerdings gibt es keinen Zweifel: die Menschen in Tigray. Und vor allem: ihre Kinder.


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