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Missbrauch von Hilfsgeldern Warum falsche Entwicklungshilfe auch zu mehr Hunger führen kann

Flüchtlinge bei der Ankunft im Lager Dadaab in Kenia
Flüchtlinge bei der Ankunft im Lager Dadaab in Kenia
© ttakahashi|File|Filed|11/4/2016 9\49\45 AM, Jerome Delay/ / Picture Alliance
2011 wurden die Menschen am Horn von Afrika von einer dramatischen Hungersnot heimgesucht. Grund dafür war allerdings nicht nur die Dürre – sondern auch die Politik des Westens. Eine Recherche vor Ort.

Diese Geschichte erschien zum ersten Mal in stern 34/2011 im August 2011. Seitdem hat sich die politische Lage etwa in Äthiopien verändert, die Regierung liegt nicht mehr in Händen von Meles Zenawi – das Prinzip, das Hilfe zu politischen Zwecken missbraucht werden kann, ist allerdings in der Region nach wie vor aktuell.

Die Geschichte der Hungersnot in Ostafrika scheint genauso tragisch wie einfach, etwa so wie das Schicksal der kleinen Farhiyo Yussuf. Sie liegt auf dem Bett in der Notstation eines Krankenhauses des Flüchtlingslagers von Dadaab in Kenia. Ihr eingefallenes Gesicht wirkt greisenalt, die Arme sind dürre Äste, immer wieder verdrehen sich ihre Augen nach oben, bis nur noch das Weiße darin zu erkennen ist. Laut ihrer Krankenakte ist Farhiyo drei Jahre alt.

Gerade einmal 4,6 Kilo hat dieses winzige Bündel Mensch gewogen, als es vor drei Tagen aufgenommen wurde, und daran hat sich seitdem nicht viel geändert.

Durch die Nase soll ihr eine Nährlösung in den Magen geleitet werden, doch immer wieder erbricht sie die Flüssigkeit.

Jeden Morgen kommen 1000 neue Flüchtlinge an

Die Ärzte wissen nicht, ob Farhiyo es schaffen wird. Oder Ahmed auf dem Bett nebenan, dessen Haut sich aufgrund der Mangelernährung schält wie bei einem Sonnenbrand. Oder einer der anderen entkräfteten Winzlinge hier in der Station. Die Kindersäle der Krankenhäuser sind die Schreckenszentren auch dieser Hungersnot.

Draußen, rund um die Hütten der mittlerweile 400.000 Flüchtlinge, wirkt das Leben von Dadaab manchmal gar nicht so sehr anders als in vielen afrikanischen Kleinstädten. Innerhalb von 20 Jahren hat sich eine eigene Ökonomie herausgebildet. Es gibt Hotels, Kneipen, Tankstellen, Handyläden, Friseure, Buchhändler und Fotostudios. Schmuggler schaffen Nacht für Nacht Spaghetti, Zuckerrohr oder Mobiltelefone aus dem nahen Somalia heran.

Jeden Morgen kommen neue Flüchtlinge an, über 1000 sind es täglich, vor allem aus Somalia, aber auch aus Äthiopien und den Dürregebieten Kenias. Mit Holz und Decken bauen sich die Neuankömmlinge Rundhütten am Rand des Lagers.

Auch die kleine Farhiyo kam mit einem Treck aus Somalia, drei Monate ist das jetzt her.

Ihre Eltern Yussuf Mohammed und Yariy Bule stammen aus dem Süden des Landes. Zwei Jahre Dürre ließen ihre Rinder und Ziegen verenden. Mit ihren Kindern schlossen sich Mohammed und Bule schließlich zwölf anderen Familien an und machten sich auf den Weg nach Kenia. Es war ein Weg durch eine Hölle. Kaum Wasser, kaum Vorräte, immer wieder Banditen.

Luftaufnahme des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaab
Eine riesige Stadt aus Zelten und Hütten – eine Luftaufnahme des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaab nahe der Grenze zu Somalia
© bsnyder|File|Filed|11/16/2016 1\10\04 PM, bsnyder|Hold|Held|11/16/2016 1\03\17 PM, Brendan Bannon/ / Picture Alliance

Am Abend des fünften Tages starb der älteste Sohn von Mohammed und Bule. Sie bedeckten seinen Körper mit ein wenig Erde, beteten, dann zogen sie weiter. Als sie schließlich nach 27 Tagen Fußmarsch Dadaab erreichten, waren zwei weitere Kinder der Gruppe gestorben.

Die kleine Farhiyo überstand die Wanderung auf dem Rücken ihrer Mutter, zusammengeschrumpft zu einem Rest von Mensch. Jeden Tag wurde sie schwächer. Schließlich brachte ihre Mutter sie auf die Notstation des Krankenhauses. Hier kämpfen die Ärzte nun um ihr Leben.

Farhiyo ist eines von Tausenden Kindern in Dadaab, die mit dem Tod ringen. Insgesamt sind bis zu 15 Millionen Menschen betroffen.

Wieder einmal wird der Osten Afrikas von einer Hungerkatastrophe heimgesucht. Wieder muss die Welt helfen. Und fragt sich: War alle Hilfe seit der vorigen Dürre umsonst? Warum gelingt es nicht, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Menschen nicht ständig auf Almosen angewiesen sind?

Tatsächlich leidet Ostafrika in diesen Tagen unter der schlimmsten Dürre seit einem halben Jahrhundert. Die Menschen in Kenia, Somalia, Äthiopien und Dschibuti sind jetzt auf unsere Spenden angewiesen.

Den Autokraten in die Hände spielen

Die Alternative wäre, sie sterben zu lassen. Die andere Seite der Wahrheit ist aber: Es ist auch die Entwicklungshilfe des Westens, die dazu beiträgt, dass die Region immer wieder Hungersnöte durchzustehen hat. Weil sie Autokraten in die Hände spielt. Weil sie Abhängigkeiten schafft. Weil sie lokale Märkte schwächt. Weil sie eben nicht darauf zielt, was den Bedürftigen am meisten bringt - sondern den Gebern selbst.

Wer verstehen will, warum all die Milliarden, die ins Horn von Afrika geflossen sind, so wenig gebracht haben, muss ins Hochland von Äthiopien fahren und sich zum Beispiel neben den Bauern Kebede Negash* auf den staubigen Boden ins Halbdunkel seiner Lehmhütte setzen.

Kebedes Haut ist von der Sonne ledrig gegerbt, Hose und Hemd sind zerrissen, ein paar gelbe Zahnstumpen ragen aus seinem Mund. Er ist 76 Jahre alt, und genauso lange lebt er hier in dem Dorf Biyowegi, etwa drei Stunden östlich von Addis Abeba.

Hilfe nur bei der richtigen Stimmabgabe

Von Kebedes Hütte blickt man in ein tiefes Tal, dessen Hänge ein grün-gelber Flickenteppich aus Feldern bedeckt.

Aber wie viele Regionen gilt auch dieses Tal als "food insecure" - nur bei gutem Regen können die Bauern sich selbst ernähren. Daran hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas gebessert, im Gegenteil:

Die Lage für Kebede ist noch schwieriger geworden. Wenn das Tal Hilfslieferungen an Weizen und vor allem auch an Saatgut zugeteilt bekommt, ist der Bauer ausgeschlossen - weil er kein Anhänger des autoritär herrschenden Präsidenten Meles Zenawi ist. Obwohl nicht die äthiopischen Behörden die Hilfe bezahlen, sondern westliche Geber, auch Deutschland. "Die lokalen Parteichefs wissen genau, wer für die Opposition ist", sagt Kebede.

Die Geschichte des Bauern Kebede könnte ein Einzelfall sein. Ein übereifriger Kader, eine falsche Liste. Träfe man in Äthiopien nicht überall Bauern wie ihn. Berichteten nicht Oppositionspolitiker bei geheimen Treffen über Verhaftungen und Schikane. Würden nicht auch Mitarbeiter des World Food Programms (WFP) unter der Hand bestätigen, dass man um das Problem wisse. Und hätte nicht ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Ende des vorigen Jahres den Skandal im Detail dokumentiert: Äthiopiens Regierung missbraucht von Weltbank und WFP organisierte Programme, um sich Gefolgschaft zu erkaufen. Das schlechte Gewissen des Westens finanziert eine werdende Diktatur.

Meles Zenawi, äthiopischer Premierminister von 1995 bis 2012
Meles Zenawi, äthiopischer Premierminister von 1995 bis 2012
© Nic Bothma/ / Picture Alliance

Bei den Wahlen im Mai 2010 gewann die EPRDF, das Parteienbündnis von Meles Zenawi 99,6 Prozent der Sitze im Parlament. Äthiopien ist ein typisches Beispiel für den absurden Zustand der Entwicklungshilfe. Jahr für Jahr überweisen die reichen Länder und private Spender riesige Mengen Geld an die Armen dieser Welt. Zurzeit sind es etwa 170 Milliarden Dollar jährlich. Die Gelder halten eine gigantische Maschinerie am Laufen. Die Geber beauftragen rund 300 Agenturen mit der Umsetzung von Programmen und Projekten, etwa die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Darüber hinaus mischen noch mindestens 40 Unterorganisationen der UN im Geschäft mit und betreiben nach Schätzungen etwa 340.000 Projekte.

Dazu kommen Tausende Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen wie die von Software- Milliardär Bill Gates. Doch vielen Staaten Afrikas geht es kaum besser. Und einigen sogar schlechter. Mehrere Studien zeigen: Je mehr Geld fließt, desto geringer ist das Pro-Kopf-Wachstum.

Wie kann das sein? Die kleine Geschichte des Bauern Kebede Negash aus Biyowegi illustriert ein fatales Kapitel der großen Diplomatie. Schon immer benutzte die entwickelte Welt die Zahlungen als Instrument, um ihr genehme Regime zu erhalten.

Zahlungen für genehme Regime

Schon zu Zeiten des Kalten Kriegs konnten Afrikas Diktatoren wie Zaires Herrscher Mobutu Milliarden auf Schweizer Konten scheffeln und ihr Land zugrunde gehen lassen, solange sie als Gefolgsleute Washingtons galten. Sogar Somalias Diktator Siad Barre, dessen Politik das Land in den Ruin führte, erhielt großzügige Unterstützung - von Deutschland. Es war der Dank für die Kooperation bei der Befreiung der von Terroristen gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" 1977 in Mogadischu.

Die Dimensionen haben sich seither geändert. Das Prinzip nicht. Das christlich regierte Äthiopien ist einer der engsten Verbündeten der USA in Afrika. "Amerika lässt zu, dass Meles die Wahlen fälscht, weil man ihn im Kampf gegen den Terror für unverzichtbar hält", sagt der Oppositionspolitiker Bulcha Demeksa.

Tatsächlich dulden die westlichen Geber, dass Äthiopiens Regierung ziemlich frei über die Hilfe aus dem Ausland verfügt. Noch immer sind dort zwischen 10 und 20 Prozent der Menschen von Nahrungsmittelhilfe abhängig.

Monat für Monat landen Schiffe voller Weizen im Hafen von Dschibuti an, wo sie vom WFP, dem Welternährungsprogramm der UN, in Empfang genommen werden. Das Getreide wird in Säcke verpackt und per Lastwagen ins äthiopische Hochland transportiert, in die zentralen Nahrungsmittellager bei den Städten Nazareth oder Dire Dawa.

Dort wuchten Arbeiter die Säcke in riesige Lagerhallen. Und laden sie ein paar Tage später wieder auf andere Lastwagen - jene der äthiopischen Regierung. Gerade einmal 100 WFPKontrolleure überprüfen die Verteilung - in einem Land von 85 Millionen Menschen. "Kontrolleure?", sagt Bauer Kebede Negash und lacht, wenn man ihn darauf anspricht.

"Ich kann mich nicht erinnern, dass in unserem Tal überhaupt mal ein Ausländer aufgetaucht ist." Eine WFPStudie über die Verteilung der Notrationen für Kinder in den Hungermonaten 2009 kommt zu dem Schluss, dass fast die Hälfte davon zu Familien gelangte, die darauf eigentlich keinen Anspruch hatten. Für das Jahr 2008 geht das amerikanische Außenministerium sogar davon aus, dass im Osten des Landes nur zwölf Prozent der Hilfe die Bedürftigen erreichte. Äthiopien, das sich der Welt als friedliches Reiseziel präsentiert, ist ein Überwachungsund Polizeistaat.

Das Hunger-Image abschütteln

Obwohl das Tiefland im Osten von der aktuellen Dürre nicht weniger heimgesucht wird als etwa Kenia, wird Hilfsorganisationen fast immer verboten, Journalisten in Notstationen für äthiopische Kinder hineinzulassen.

Gezeigt werden dürfen nur somalische Flüchtlinge. Als vor einigen Jahren ein hoher Unicef-Funktionär von verhungernden Äthiopiern sprach, wurde er des Landes verwiesen.

Premier Meles will um jeden Preis verhindern, dass sein Land wieder als Hungerwrack dargestellt wird. Als er fürchtete, die arabische Revolution könne auch Äthiopien erfassen, ließ er im Frühjahr Getreide vorräte in den Städten zu Dumpingpreisen auf den Markt bringen. So sollten die Lebensmittelpreise niedrig gehalten werden. Schließlich war bei den Aufständen von Tunis bis Kairo auch teures Brot ein Auslöser.

Ein internes Memorandum der europäischen Botschaften von Mitte Juni stellt fest: "Die Nutzung der strategischen Getreidereserve ist nicht zufriedenstellend und tendiert dazu, politischen Zwecken zu dienen und nicht einer wirklichen Risiko-Management-Strategie; als Konsequenz sind die Vorräte niedrig und werden nicht dazu ausreichen, die Lebensmittelsicherheit in den nächsten Monaten zu gewährleisten." Soll heißen:Um die Macht zu sichern, nimmt die Regierung in Kauf, dass die Menschen bei einer drohenden Hungersnot sterben.

In Diplomatenkreisen ist der Frust über die äthiopische Regierung wie auch über die gescheiterten Strategien des Westens groß - öffentlich allerdings äußert sich keiner dazu. Besonders die USA verschließen vor den brutalen Machtspielen Meles Zenawis die Augen.

Einer der Gründe dafür ist fernab von Bauer Kebede Negash und dem Tal von Biyowegi auf der anderen Seite des Globus zu suchen: in den riesigen Feldern des amerikanischen Mittleren Westens. Seit Jahrzehnten produzieren amerikanische Farmer mehr, als der Markt aufnehmen kann. Und seit über 50 Jahren stützt die USRegierung die Preise, indem sie Hunderttausende Tonnen Mais, Soja, Linsen oder Weizen aufkauft und in die Welt verschickt. Mit der Aufschrift "Ein Geschenk des amerikanischen Volks" und verziert mit dem Sternenbanner landen diese Säcke dann zum Beispiel in den Lagerhäusern von Nazareth oder Dire Dawa.

"Ohne den Hunger in Afrika würden manche amerikanischen Farmer bankrott gehen", sagt der Agrarexperte Roger Thurow. Gemeinsam mit seinem Kollegen Scott Kilman vom "Wall Street Journal" hat er ein Buch über die Hungerindustrie geschrieben, der Titel "Enough" - Genug. Ernüchterndes Fazit: "Es gibt überhaupt keine Motivation für Amerika, zum Beispiel Äthiopien von kostenlosen Nahrungsmittellieferungen unabhängig werden zu lassen.

Wir würden nur unseren Farmern schaden." Freimütig formuliert der Vorsitzende des zuständigen Parlamentsausschusses, was Ziel des Ganzen sei: dass die Erträge "durch die amerikanische Wirtschaft zirkulieren". Über die Hälfte aller weltweiten Nahrungsmittelhilfen kommt aus Amerika. Allein nach Äthiopien verschifften die USA im Jahr 2009 Lebensmittel für 386 Millionen Dollar. Zu 75 Prozent, so fordert es das Gesetz, auf amerikanischen Frachtern - zu überteuerten Tarifen. "Ich nenne das System eisernes Dreieck", sagt Roger Thurow, "die Farmer, die Spediteure und auch die amerikanischen Hilfsorganisationen, alle drei haben kein Interesse daran, dass sich die Situation ändert." In manchen Zeiten waren sogar Baumwolle und Tabak Teil der amerikanischen "Lebensmittel-Hilfe - dank guter Lobbyarbeit der jeweiligen Branchenverbände.

Mehr für die Verwaltung als für die Bedürftigen

Die US-Hilfe sei "nie wirklich an den Bedürfnissen der Hungernden ausgerichtet gewesen, sondern an innenpolitischen Erwägungen", sagt der Ökonomieprofessor Christopher Barrett.

Auch wegen solcher Absurditäten wird der Sinn von Entwicklungshilfe seit einigen Jahren immer stärker infrage gestellt. Der südafrikanische Ökonom Greg Mills etwa hat ausgerechnet, dass von den 170 Dollar jährlicher Hilfe für jeden der etwa eine Milliarde Ärmsten gerade einmal 7 Dollar bei den Empfängern ankommen.

Der Rest geht verloren unter anderem durch Schuldendienst, Korruption oder Honorare für Berater aus dem Ausland. Die UN-Entwicklungshilfeagentur UNDP gibt sogar mehr für ihre Verwaltung aus als für die Bedürftigen selbst. Und das World Food Programm ließ zum G-8-Gipfel 2009 in Italien Kinder aus Ghana einfliegen.

Die Ehefrauen der Staatsmänner sollten vor Fotografen die Kinder mit Brei füttern. Geschätzte Kosten der zynischen PR-Aktion: 500.000 Dollar.

In vielen Ländern Afrikas entsprechen die ausländischen Hilfen zwischen einem Drittel und der Hälfte des Haushalts. "Es ist den Regierungen wichtiger, diese Transfers zu erhalten, anstatt dafür zu sorgen, dass die eigenen Bürger Steuern zahlen", sagt etwa der ugandische Entwicklungshilfekritiker Andrew Mwenda. In seiner Heimat werde nur wenig mehr als die Hälfte aller fälligen Steuern eingezogen, obwohl das Land eine durchaus zahlungskräftige Oberschicht hat. Die Folge: Die Regierungen sind ihren Bürgern keine Rechenschaft mehr schuldig. In vielen Staaten des Kontinents ist eine sich selbst erhaltende Elite herangewachsen, die zwar Wahlen abhält, aber dafür sorgt, dass deren Ausgang klar ist. Zwar sind blutige Putsche in Afrika heute eher selten. Demokratische Regierungswechsel aber genauso. Auch Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi feierte unlängst 20-jähriges Amtsjubiläum. Er hat aus der Hauptstadt Addis Abeba eine boomende Metropole gemacht, doch abseits der neuen Shoppingmalls hat sich wenig geändert.

Noch immer ist die Landwirtschaft fast ausschließlich auf den unsicheren Regen angewiesen; Bewässerungsprojekte, Agrarforschung gibt es kaum. Und selbst die von Meles propagierten Modellfarmen, die reichlich Saatgut und Dünger bekommen, werden als politische Instrumente missbraucht - und der eigenen Anhängerschaft zugeschoben.

Dabei wäre Äthiopien theoretisch in den meisten Jahren in der Lage, sich selbst zu versorgen. Denn es ist ja nie ein kompletter Ausfall der Ernte, der zu Hungersnöten führt, sondern ein Versagen des Marktes. Schon vor 30 Jahren wies der indische Nobelpreisträger Amartya Sen nach, dass Hungersnöte nicht entstehen, weil es im Land zu wenig Essen gibt, sondern weil Menschen aufgrund politischer oder ökonomischer Missstände keinen Zugang haben.

Die beständig fließenden kostenlosen Hilfsimporte setzen dem fragilen Marktmechanismus weiter zu: Selbst in den kleinsten Städten Äthiopiens tauchen heute die metallenen Speiseöl-Dosen von USAID in den Läden auf. Einheimische Produzenten sucht man vergebens. Wie sollten sie auch gegen etwas konkurrieren, das nichts kostet?

Höhere Preise müssen nicht schlecht sein

Es scheint paradox: Nicht kostenlose Hilfslieferungen können den Hunger besiegen - sondern moderat höhere Preise für Lebensmittel. "Nur so haben die Kleinbauern einen Anreiz zu investieren", sagt Harald von Witzke, Professor für Agrarökonomie an der Humboldt-Universität von Berlin. "Die Bauern werden produktiver, verdienen mehr, haben damit auch das Geld für die Lebensmittel, die sie nicht selbst anbauen." Angesichts der dramatischen Bilder aus Afrika klingt von Witzkes Theorie nach Elfenbeinturm - tatsächlich aber ist das Urteil des 61-Jährigen zurzeit gefragt wie das kaum eines anderen Agrarökonomen.

Den Zusammenhang von zu niedrigen Preisen und Hungersnot zeigt das Beispiel Äthiopien. Als dort 2003 in weiten Teilen Hunger herrschte, war das eine Folge der Rekordernte des Jahres zuvor: Das Land hatte keine Vorkehrungen getroffen, solche Mengen einzulagern. Die Überschüsse überschwemmten den Markt, die Preise brachen zusammen.

Für die Bauern lohnte es sich bald nicht mehr, ihre Ernte überhaupt noch auf den Markt zu bringen. Für die neue Aussaat fehlte vielen schließlich das Geld. Hektisch wurden Hunderttausende Tonnen an Hilfe ins Land gekarrt - während noch immer geschätzte 300.000 Tonnen Getreide vom Vorjahr auf den Feldern verrotteten. 500 Millionen Dollar gaben die USA damals für Hilfslieferungen an Äthiopien aus. In die dortige Agrarforschung steckten sie gerade einmal fünf Millionen.

Auch in Kenia waren es gesunkene Preise, die die Selbstversorgung zerstörten. Noch bis in die 1980er Jahre hinein war das Land ein Maisexporteur. Dann aber ließen neue Hochleistungszüchtungen in der entwickelten Welt die Weltmarktpreise zusammenbrechen, der Regierung in Nairobi fehlte das Geld, Dünger zu kaufen, sie verschuldete sich immer mehr, und am Ende verschlangen allein die Zinszahlungen ein Viertel der Wirtschaftsleistung. Die Weltbank zwang Kenia mit Restrukturierungsprogrammen, seine staatliche Agrarforschung zu beenden, die Erträge sanken - und das Land wurde zum Bittsteller.

Von Witzke ist sich des Dilemmas höherer Preise bewusst. "Natürlich sind dramatische Preissprünge für die Menschen in den ärmsten Ländern schlecht. Und natürlich ist es nicht einfach, die Hilfe zurückzufahren, um die Preise auf den Märkten moderat steigen zu lassen. Es ist aber die einzige Lösung, die Landwirtschaft dieser Länder weiterzuentwickeln und nicht in ständiger Abhängigkeit von Hilfslieferungen zu halten." Mehr Agrarforschung. Weniger Alimente. Höhere Preise. Heute, in den Tagen der Hungersnot, nützt diese Forderung den Kindern in Kenia, Äthiopien und Somalia nichts. Heute ist Farhiyo im Lager von Dadaab auf unsere Hilfe, auf unsere Spenden angewiesen.

Heute würden sie und die anderen Winzlinge in den Krankenstationen ohne ärztliche Hilfe, ohne die angelieferten Säcke voller Getreide sterben.

Aber was ist mit den Dürren von morgen?


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